Regina Kägi-Fuchsmann entstammt einer Migrantenfamilie aus Riga in Litauen; beide Eltern mit jüdischen Wurzeln. Vater Salomon Fuchsmann entzog sich dem Militärdienst beim Zaren durch Flucht und strandete 1887 in Zürich. Fuchsmann konnte zwar kaum lesen und schreiben; aber schon bald betrieb er einen blühenden Delikatessen-Handel im Zürcher Seefeld. Als drittes von insgesamt sieben Geschwistern kam 1889 Regina zur Welt. Die Kinder mussten in jeder freien Minute im Laden zupacken; Regina tat es ohne jede Freude. Die Stimmung in der Familie war schlecht; der Vater sprach dem Alkohol zu; der strengen Mutter sass die Hand oft locker.

So konzentrierte sich Regina ganz auf die Schule und Bücher. Trotz spärlicher Freizeit verschlang sie, was ihr in die Hände kam. Der Unterricht ging ihr viel zu langsam voran, doch sie verehrte die Lehrer. Einem, dem Sekundarlehrer Paul Egli, blieb sie auch nach der Schulzeit eng verbunden. Er war es auch, der ihr über die Abstinenzbewegung erzählte. Das Thema faszinierte Regina und so kam es, dass sie sich am Gymnasium leidenschaftlich gegen den Alkoholismus einsetzte. Sie sah ihre Bestimmung im Kampf für Abstinenz. Kinder sollten ohne Angst vor alkoholisierten Vätern aufwachsen. Mit 16 Jahren hielt Regina ihren ersten Vortrag zum Thema und wirkte mit bei der Gründung des Bundes abstinenter Mädchen. Sie engagierte sich auch in der Wandervogel-Bewegung und bei den abstinenten sozialistischen Studenten, zwei Protestbewegungen gegen das verhockte Bürgertum. Hier fühlte sie sich aufgehoben und in diesen Kreisen lernte sie auch ihren späteren Mann, den Pfarrerssohn Paul Kägi kennen. Die Burschen liefen mit Dreitagebart, Shorts und offenem Hemd durch die Gegend. Die jungen Frauen protestierten mit kragenfreien Hängekleidern gegen den Korsettzwang. Als Regina zuhause kundtat, sie würde in dieser Kluft zur Matura gehen, gab es eine fürchterliche Szene. Doch die eigenwillige junge Frau setzte sich durch.

Regina Kägi sah ihre Bestimmung im Kampf für Abstinenz. Kinder sollten ohne Angst vor alkoholisierten Vätern aufwachsen.

Als Schlüsselerlebnis schildert Regina Kägi-Fuchsmann in ihrer Autobiografie die Begegnung mit einem Vetter aus Russland, der eines Tages bei Fuchsmanns zuhause auftauchte. Er war aktives Mitglied einer revolutionären Bewegung, der Narodny, halb-verhungert, auf Durchreise. 1905 war er im Rahmen der Russischen Revolution am An- griff der protestierenden Arbeiter auf den Winterpalast des Zaren in Petersburg verwickelt, war verhaftet und nach Sibirien verbannt worden, von wo er aber fliehen konnte. Zum ersten Mal begegnete Regina einem Menschen, der ganz für seine Ideale lebte!

Während ihrer Ausbildung zur Sekundarlehrerin brach der Erste Weltkrieg aus. Als Vikarin übernahm sie in einem kleinen Bauerndorf im Tösstal eine Gesamtschule mit 74 Kindern. Hier sah sie sich erstmals mit Armut und Hunger konfrontiert. Ein Drittel der Schüler waren Verdingkinder, hungrig, müde, ungewaschen, in zerschlissenen Kleidern. Später beschreibt sie die zweieinhalb Monate im Tösstal als so etwas wie die Feuertaufe.

Dann zog das Ehepaar Kägi-Fuchsmann nach Schaffhausen, wo Paul eine Stelle als Lehrer gefunden hatte und später Amtsvormund wurde. Hier erlebte Regina Kägi ein weiteres Ereignis, das sie prägte: das Scheitern des Schweizer Generalstreiks im Jahre 1918. Ein Tiefschlag, der Regina Kägi zu Tränen rührte. Das Bedürfnis wuchs, selber etwas zu einer besseren Welt beizutragen – und trat in das weit verzweigte Netz der Schweizer Frauenorganisationen ein. Sie hielt unzählige Vorträge über Abstinenz oder das Frauenstimmrecht. Bald wurde sie dann Präsidentin der Schaffhauser Frauenzentrale.

1929 schliesslich trat das Paar der Sozialdemokratischen Partei SP bei und zügelte ins «vielgeliebte Zürich». Regina Kägi wurde gebeten, das Sekretariat der 1930 gegründeten Proletarischen Kinderhilfe zu übernehmen. 1936 entstand daraus das Schweizer Arbeiterhilfswerk SAH, dessen Geschäftsführerin sie bis 1951 war.

Diese Arbeit beflügelte sie vollends. Denn die Wellen der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre schwappten auch über die Schweizer Grenze; machten viele Familien in den Uhrmacherzentren des Juras und den Textilfabriken der Ostschweiz arbeitslos. Jetzt konnte Regina Kägi Kindern in wirklicher Not helfen, mit Frauen zusammenarbeiten und die Solidarität unter Arbeitern pflegen. Sie organisierte Sommerlager, wo die Kinder Zuwendung erfuhren und genug zu essen erhielten.

Derweil verschärfte sich die politische Situation in Österreich unter dem faschistischen Bundeskanzler Engelbert Dollfuss. Aus der Steyr drang ein Hilferuf um Unterstützung für verarmte Familien an die sozialdemokratischen Frauen. So setzte sich das SAH zum Ziel, Tausende gefährdeter Arbeiterkinder aus Wien in Schweizer Familien zu platzieren. Regina Kägi wurde dafür, wie sie sagt, zur «Bettelnonne», appellierte an die Solidarität der Schweizer und konnte schliesslich 2500 Plätze in Familien auftreiben. Die Arbeit im Ausland forderte Kägi neu heraus. Mehrfach reiste sie nach Bern zur Eidgenössischen Fremdenpolizei, wo sie persönlich «Laisser-passer» für die Kinder erstritt. Als einmal für 400 Kinder aus Wien zu wenige Pässe vorhanden waren, wurden die Kleinen heimlich über die Grenze geschleust.

Dann stellte abermals eine Krise das SAH vor Herausforderungen: der Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs im Jahr 1936. Hunderte Kinder waren verletzt oder hatten ihre Eltern verloren. Doch die eidgenössische Fremdenpolizei lehnte den Antrag des SAH um Aufnahme von Kindern republikanischer Eltern ab. Die Begründung aus Bern: Das SAH dürfe nicht einseitig einer Kriegspartei helfen. Kägi verteidigte ihre Sache furios: Schliesslich würden die Anhänger der rechtmässig gewählten Regierung der Republikaner von den Faschisten verfolgt. Und man sei nicht das Rote Kreuz, das als strikt neutrale Organisation allen helfe.

Weil die offizielle Schweiz sich nicht engagieren wollte, reiste Kägi viermal auf eigene Faust, zeitweise mit Karl Ketterer, dem späteren LdU-Nationalrat, über waghalsige Wege nach Spanien. Auf dem Weg nach Madrid erlebte Regina Kägi in Barcelona ein Bombardement aus nächster Nähe. Die Arbeitsgemeinschaft für Spanienkinder beschaffte Wolldecken und Pulvermilch. Mit eigenen Camions wurden die Kinder aus dem bombardierten Madrid evakuiert.

Ab 1939 brannte es in Europa an allen Ecken. Die Zahl der Verfolgten nahm laufend zu. Das SAH stand in ständiger Alarmbereitschaft, und selbst das Haus der Kägis in Zürich-Wipkingen wurde zum Notabsteigequartier, wo Menschen auf der Flucht auch mitten in der Nacht anklopften. Es war ebenfalls die Zentrale für umfangreiche Sammel- und Platzierungsaktionen.

In dieser Situation sei die Ehe oft auf eine harte Probe gestellt worden, schreibt Regina Kägi in ihrem Buch Das gute Herz genügt nicht – Mein Leben und meine Arbeit. Spanien habe sie seelisch und körperlich «aufs Letzte» angespannt. Sie habe das Elend der Flüchtlinge und hungernden Kinder kaum ausgehalten. Dabei musste sie gleichzeitig privat etwas vom Schwersten verdauen: den Tod ihres 1919 geborenen Sohnes Peter, dessen Geisteskrankheit intensive Betreuung erfordert hatte.

Tausende hausten so in Flüchtlingslagern. Hier in Griechenland (1948).Schweizer Sozialarchiv. F_5025-Fa-020

Tausende hausten so in Flüchtlingslagern. Hier in Griechenland (1948).

Rückschläge setzten ihr zu. Etwa 1939, als das Arbeiterhilfswerk in der Tschechoslowakei 600 Frauen und Kinder vor den Nazis retten wollte. Die Ausreise nach Kanada scheiterte an der Bürokratie; die Menschen verschwanden im Konzentrationslager. Auf dem Weg zurück in die Schweiz sass Regina Kägi in der Bahn während acht Stunden einem SS-Offizier gegenüber. Kein Mensch im Coupé sagte ein Wort. «Es war, als sässe ich dem Tod persönlich gegenüber.»

Doch die spanische Tragödie kam noch schlimmer nach General Francos Sieg 1939. Eine halbe Million Menschen, darunter auch die Kinder der von der Schweizer Spanienhilfe aufgebauten Kinderheime, flüchteten über die Pyrenäen nach Frankreich, wo sie in elenden Lagern interniert wurden. Wieder fuhren Regina Kägi und Karl Ketterer mit einem ausrangierten Auto los und versuchten im Auftrag des SAH, die Not vor Ort zu lindern. Derweil sich fünf Millionen Flüchtlinge auf der Flucht vor den Nazis von Nord- nach Südfrankreich wälzten.

Wo helfen in dieser aussichtslosen Lage? Der Genfer René Bertholet, ein genialer Allrounder, hatte die rettende Idee der direkten Lebensmittelhilfe: Die «Colis» sind Lebensmittelpakte zu 5 Kilo, die Tausenden halb Verhungerter und Untergetauchter das Nötigste boten. Die Waren wurden mit vielen Tricks auf dem Schwarzmarkt in Frankreich beschafft und von lokalen Helfern, darunter Leute aus dem Widerstand, verpackt und von Schweizern in den Lagern verteilt. Wobei der Entscheid, wer ein Paket erhalten solle, weitaus schwieriger gewesen sei als das Geldsammeln in der Schweiz, gesteht Kägi in ihrem Buch. Ein Colis konnte das Überleben einer Familie bedeuten. Die «Colis Suisse» weiteten sich im Laufe der Kriegsjahre und bis Ende der 1940er-Jahre zu einer der wichtigsten Operationen des SAH aus. Bis zu 40 000 Pakete wurden pro Monat in Schweizer Zollfreilagern von Hunderten von Freiwilligen bereitgestellt.

Privat hatte sie den Tod ihres geistig behinderten Sohnes zu verkraften, der intensive Betreuung erfordert hatte.

Nach dem heissen Krieg begann der Kalte Krieg; das spürte auch die rote Helferin Regina Kägi aus Zürich, wenn sie etwa nach Deutschland reisen wollte. Weil ihr zweiter Sohn Ueli, 1924 geboren, Kommunist war, erhielt sie von den Besatzermächten kein Visum. Als Ueli aus Protest wegen des Einmarsches der Sowjets in Ungarn aus der Partei austrat, sei eine schwere Last von ihnen genommen worden, sagt Kägi.

1951 gab sie die Leitung des SAH ab und widmete sich neuen Aufgaben. So etwa als Voluntary Journalist, um die Ziele der jungen UNO bekannt zu machen. Die Idee einer Ausdehnung der Hilfe auch nach Übersee führte folgerichtig zur Gründung des Schweizerischen Hilfswerks für aussereuropäische Gebiete SHAG, ab 1965 Helvetas, für die sie sogar die weite Reise nach Nepal unternahm.

1961 verlieh ihr die Universität Zürich den Ehrendoktor für ihren «langjährigen aufopfernden Einsatz im Dienste humanitärer Werke, der Flüchtlingshilfe und sozialer Aufbautätigkeit im Ausland». Sie nehme ihn «als Jüdin und als Sozialistin» entgegen, betonte Regina Kägi bei der Würdigung. Der Dr. h. c. stammt just von jener Fakultät, an der Regina einst Volkswirtschaft studieren wollte, aber vom Vater aus nicht durfte.

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