Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

300 Kilometer. Genau so weit liegen das bündnerische Lü und das waadtländer Reverolle auseinander. Am Abend des 6. Dezembers 1992 aber trennten sie Welten. 94% der Leute hatten sich im Winzerdorf bei Lausanne für den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) ausgesprochen, das Bündner Bergdorf hingegen sagte geschlossen Nein. National resultierte ein hauchdünnes Nein von 50.3%. Selten hatte eine Abstimmung das Land so gespalten.

Es war eine neue, eine ungewohnte Zeit. 1989 war die Berliner Mauer gefallen, die Sowjetunion hatte sich 1991 aufgelöst, der Kalte Krieg war vorbei. In Europa wurden verstärkt Allianzen geschmiedet, manche ökonomisch, andere politisch. Zugleich taumelte die Wirtschaft, die Arbeitslosigkeit nahm nach vielen sorglosen Jahren zu, während das Bruttoinlandprodukt schrumpfte. Und nun stellte sich diese folgenreiche Frage: Sollte sich die Schweiz dem EWR anschliessen, Zölle abschaffen und den freien Verkehr von Personen-, Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr einführen?

Flashback: Bern, 18. Mai; sieben Monate vor der Abstimmung. Frühmorgens traf sich der Bundesrat zu einer Sitzung. Traktandum: Der Beitritt zur EG (der Vorgängerin der EU). Noch bevor das Volk über die wirtschaftliche Integration in Europa (EWR) befunden hatte, stellte sich der Bundesrat die Frage der politischen Integration (EG). SP, FDP und CVP stellten je zwei Bundesräte – deren Stimmen hoben sich jeweils innerhalb der Partei auf. Den Stichentscheid gab so ausgerechnet der einzige SVP-Bundesrat: Adolf Ogi votierte dafür. In Brüssel wurde ein Gesuch um Beitrittsverhandlungen eingereicht.

Das Vorpreschen des Bundesrats in der EG-Beitritts-Frage markierte den Start eines emotionalen, ja fiebrigen Abstimmungskampfs über den EWR. Für Christoph Blocher war das Beitrittsgesuch ein Steilpass. Der Milliardär, Unternehmer, Populist und Mäzen der Schweizerischen Volkspartei wurde zur prägenden Figur des Nein-Lagers – und am 6. Dezember der grosse Sieger.

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Es war ein hauchdünnes Nein und ein Nein, das viele Fragen aufwarf. Fragen nach der künftigen Form der Zusammenarbeit mit den Nachbarn, nach dem Platz der Schweiz in der Welt. Fragen nach Öffnung und Abschottung. Es dauerte bis 1999, bis das Verhältnis zu Europa in bilateralen Verträgen neu geregelt werden konnte.

Die Gemeinde Lü machte Christoph Blocher 2001 zum Ehrenbürger. Das EU-Beitrittsgesuch wurde 2016 zurückgezogen. Die Bilateralen Verträge hingegen wurden mehrfach an der Urne bestätigt.

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