Das musst du wissen

  • Schweizer Chef- und Belegärzte verdienen durchschnittlich eine Million Franken pro Jahr, manche sogar 2,5 Millionen.
  • Das hat ein Zürcher Vergütungsspezialist berechnet. Grund: Viele Ärzte erhalten Boni, etwa wenn sie mehr operieren.
  • Und: Diese beeinflussen medizinische Entscheidungen – in Richtung mehr Operationen und teurerer Diagnoseverfahren.

Wie viel die obersten Ärzte in Schweizer Spitälern verdienen, war bis vor kurzem ein Geheimnis. Nun hat eine Hochrechnung des Zürcher Unternehmensberaters und Vergütungsspezialisten Urs Klingler die Ärztelöhne eingeschätzt. Demnach verdienen Schweizer Chef- und Belegärzte – das sind Fachärzte, die separat abrechnen – durchschnittlich eine Million Franken pro Jahr. Ein Viertel von ihnen verdient mehr als 1,5 Millionen, einzelne sogar bis zu satten 2,5 Millionen Franken.

Die Hochrechnung hatte Urs Klingler, der sich mit seiner Firma Klingler Consultants seit 20 Jahren mit Vergütungssystemen in Unternehmen und Organisationen beschäftigt, eigens für die SRF-Sendung «Rundschau» erstellt. Als Grundlage dafür dienten Daten des Bundesamts für Gesundheit, die unter anderem alle Personalkosten der Schweizer Spitäler enthalten. Aus diesen Daten hat Klingler die Löhne der obersten Ärzte herausgefiltert. Darin enthalten sind der Fixlohn, Einnahmen von selbst abgerechneten Privatpatienten sowie weitere variable Vergütungsanteile.

Rundschau-Beitrag «Grossverdiener in Weiss: Die Millionen-Löhne der Chefärzte»:

Genau diese variablen Lohnanteile hält Urs Klingler für problematisch. Sie bestehen zum einen aus Honoraren für durchgeführte Behandlungen – je teurer dabei die Behandlung, desto höher das Honorar. Zum anderen erhalten viele Ärzte auch sogenannte zielbezogene Boni. Diese werden Ärzten beispielsweise dafür ausbezahlt, dass sie eine bestimmte Mindestanzahl an Operationen ausführen. Oder dafür, dass sie teure Diagnosegeräte besser auslasten, etwa einen Magnetresonanztomografen.

Längst haben verschiedene internationale Untersuchungen gezeigt, dass durch solche Boni Fehlanreize entstehen. Das heisst: Die Boni beeinflussen medizinische Entscheidungen – in Richtung mehr Operationen und teurerer Behandlungen und Diagnoseverfahren. Und zwar unabhängig davon, ob sie medizinisch nötig wären oder nicht.

Nicht nur Boni ein Problem

Doch auch viele Ärzte, die keine direkt zielbezogenen Boni erhalten, haben einen Anreiz, teuer zu arbeiten, weil sie am Umsatz ihres Spitals beteiligt sind. Das funktioniert so: Die Tarife für durchgeführte Behandlungen bezahlen die Krankenkassen, und bei stationären Behandlungen zudem rund zur Hälfte die Kantone. Ein Teil dieses Geldes fliesst in einen Pool, aus dem sogenannte variable Honorare an die Ärzte bezahlt werden, zusätzlich zum vereinbarten Fixlohn. «Wer aus dem Pool wie viel bekommt, bestimmt meist der Chef einer Abteilung, also der Chefarzt», sagt Vergütungsspezialist Klingler.

Ein Magnetresonanztomograf ist teuer, deshalb wollen Spitäler solche Diagnosegeräte gut auslasten. Doch: Damit erhöhen sie die Gesundheitskosten.Alamy

Ein Magnetresonanztomograf ist teuer, deshalb wollen Spitäler solche Diagnosegeräte gut auslasten. Doch: Damit erhöhen sie die Gesundheitskosten.

Zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Spitalärzte erhält solche variablen Lohnanteile, das zeigte bereits eine repräsentative Umfrage des Ärzteverbands FMH von 2017. Und die Analyse von Klingler zeigt nun: Die allermeisten Schweizer Spitäler zahlen einem Teil ihrer Ärzte solch variable Honorare. Wie hoch sie genau ausfallen, variiert von Arzt zu Arzt und von Spital zu Spital. Eine Umfrage des Verbands der Leitenden Spitalärzte der Schweiz VLSS von 2016 ergab, dass der Anteil der variablen Vergütung am gesamten Lohn von Chefärzten bei zehn bis 20 Prozent liegt. Dieselbe Umfrage ergab ausserdem einen deutlich tieferen Chefarzt-Durchschnittslohn als Klinglers Hochrechnung, nämlich 370’000 Franken pro Jahr. Allerdings ist das Ergebnis nicht repräsentativ: Es machen einfach jene Ärzte mit, die auf die Fragen antworten wollen.

Welche der Erhebungen der Wahrheit näher kommt, ist für Aussenstehende schwierig zu beurteilen. Denn die Spitäler müssen ihre Lohnsysteme nicht offenlegen. Doch immerhin das Unispital Zürich hat gegenüber der «Rundschau» zugegeben, dass eine Handvoll seiner Ärzte tatsächlich 2,5 Millionen Franken pro Jahr verdient.

Die Bevölkerung zahlt

Klar ist indessen: Je mehr und je teurere Behandlungen durchgeführt werden, desto mehr landet in dem Honorar-Pool für die Ärzte – und schliesslich auf deren Bankkonten. So sei es beispielsweise für Chirurgen viel lukrativer, ihren Patienten sofort ein künstliches Hüftgelenk zu empfehlen, anstatt es zunächst mit Physiotherapie zu versuchen, sagt Klingler. Für Gastroenterologen sei es lohnend, möglichst viele Darmuntersuchungen durchzuführen und für Radiologen, möglichst viele Röntgen- und MRI-Bilder zu machen.

Die Kosten, die durch dieses Vergütungssystem entstehen, trägt die ganze Bevölkerung mit – über die Prämien der Grundversicherung und über die Steuern an die Kantone. Klinglers Analyse zeigte denn auch: Würde man die Gehälter der Ärzte auf maximal 500’000 Franken begrenzen, würden jährlich rund 500 Millionen Franken gespart. Theoretisch. «Das Problem am Ganzen ist, dass niemand in dem System ein Interesse daran hat, die Lohnkosten zu senken», sagt Urs Klingler. «Die Ärzte und Spitäler verdienen daran und die Kantone und Krankenkassen verteilen das Geld einfach um, von der Bevölkerung ins Gesundheitssystem.»

Gut möglich, dass sich dennoch bald etwas bewegt. Bundesrat Alain Berset hat sich in Interviews mit dem SRF vehement gegen so hohe Arztgehälter ausgesprochen. In Zukunft will er von den Spitälern mehr Transparenz über ihre Lohnsysteme einfordern.

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