Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

Frühling im Tessin. Die Vögel zwitscherten, die Apfelbäume blühten und an den Zweigen hingen gekochte Spaghetti. Ein Filmteam der BBC hatte sie in die Bäume gehängt. Die Geschichte der Tessiner Spaghetti-Ernte ging als allererster gefilmter Aprilscherz in die TV-Geschichte ein.

Spaghetti waren 1957 in England exotisch und auch in der Schweiz nördlich der Alpen noch wenig bekannt. Aber das sollte sich ändern. Überhaupt änderte sich gerade vieles.

Das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg brachte nicht nur Autos, Fernseher und neue Frisuren, sondern auch eine neue Küche. Elektrische Öfen, Mixer, Rühr-, Knet- oder Geschirrspülmaschinen verbreiteten sich und eröffneten neue kulinarische Möglichkeiten. Und in den Lebensmittelläden standen viele neue Produkte.

Um sich in diesen ganzen Neuheiten nicht zu verlieren, brauchten Schweizerinnen und Schweizer dringend Hilfe – und die bot ihnen Emmi Creola-Maag. Die Zürcher Werbetexterin brachte im Auftrag eines Speisefett-Herstellers 1956 die erste «Betty Bossi Post» heraus.

«Betty Bossi» war eine Kunstfigur, in allen Landessprachen zuhause und ihre Zeitung mit Rezeptideen und Haushaltstipps lag zunächst gratis in den Läden auf. Später konnte sie abonniert werden und 1973 lancierte Creola-Maag das erste Betty-Bossi-Kochbuch. Es wurde zum sofortigen Erfolg.

Es folgten Klassiker wie «Kochen für Gäste» oder «Kuchen, Cakes und Torten», das schon in den ersten vier Monaten über 650 000 Mal verkauft wurde. International mögen andere Bücher für Furore gesorgt haben, auf dem Schweizer Buchmarkt indes kam kaum jemand an den Erfolg von Betty Bossi heran.

Würde man alle bis heute verkauften Betty-Bossi-Kochbücher aneinanderreihen, könnte man auf ihnen nach New York spazieren. Vor allem aber könnte man in ihnen die kulinarische Zeitgeschichte lesen. Den Aufstieg und Fall der Büchse, das Aufkommen von Niedergaren und Teflonpfanne, Fast- und Slow-Food, vegetarische, vegane, lokale Trends. Berufstätige Frauen fanden schnelle Gerichte und die Männer trauten sich zusehends an den Herd – oder an den Computer. 1998 lancierte die Küchenkönigin ihre erste Website.

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Von ihren Anfängen als Speisefett-Vermarkterin hat sich Betty Bossi längst verabschiedet, nach verschiedenen Besitzerwechseln gehört sie heute Coop.

Übrigens: die BBC wurde mit Anfragen von Leuten überhäuft, die selbst einen Spaghettibaum pflanzen wollten. «Nehmen Sie eine Spaghetti», antwortete der Sender, «stellen Sie sie in eine Büchse Tomatensauce und hoffen Sie auf das Beste.»

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