Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

Endlich! Endlich referierte Emilie Kempin-Spyri vor Gericht. Nur leider nicht als Anwältin, sondern als Klägerin. Denn genau darum ging es im Prozess vor dem Lausanner Bundesgericht: Emilie wollte Anwältin werden – und durfte es nicht. Es fehle ihr das «aktive Bürgerrecht» hatten die Zürcher Behörden erklärt. Anders gesagt: Emilie konnte weder wählen noch abstimmen. Anders gesagt: Emilie war eben kein Mann.

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Johanna Spyris Nichte hielt clever und hartnäckig dagegen. Die Verfassung spreche diese Rechte «allen Schweizern» zu, meinte sie – das sei ein generisches Maskulinum. Frauen seien stillschweigend mitgemeint. Das Gericht erklärte, diese Ansicht für «ebenso neu als kühn» – und wies die Klage ab.

Im Jahr darauf emigrierte die erste Schweizer Doktorin der Rechte nach New York. Zwar baute Kempin-Spyri dort eine Schule für Juristinnen auf und wurde nach ihrer Rückkehr 1891 immerhin Privatdozentin an der Uni Zürich. Doch sie rieb sich am Unrecht des verweigerten Anwaltspatents auf. 1897 wurde sie in eine Nervenklinik eingewiesen. 1898 liess der Kanton Zürich Frauen als Anwältinnen zu – Kempin-Spyri aber wurde im gleichen Jahr entmündigt. Ob sie wirklich geisteskrank war, ist fraglich. Sie starb 1901 in Basel, verarmt und erst 48-jährig an Gebärmutterkrebs.

Kempin-Spyri stiess nicht an eine gläserne Decke, sondern an einen rostigen Käfig. Sie war eine von vielen, die nicht dorthin gelangten, wohin sie hätten gelangen können, weil Frauen eben nicht Euler, Escher, Einstein werden konnten. Sogar wenn sie Elizabeth Thompson waren.

Elizabeth Thompson? Auch so ein Fall. Die Britin wurde sieben Jahre vor Kempin in Lausanne geboren. Sie wurde Malerin und schuf mit «The Roll Call» ein Bild, das die Londoner Kunstwelt 1874 auf den Kopf stellte. Dann ging das Gemälde auf Tournee, Leute trugen «The Roll Call is coming»-Plakate durch die Städte. Ausdruck, Komposition, Dynamik: Thompsons Bilder waren rundweg spektakulär. «Remnants of an Army», «Missed» und ganz besonders «Scotland Forever!».

Wikimedia

Selbstporträt von Elizabeth Butler-Thompson.

Zwei Stimmen fehlten Thompson zum finalen Durchbruch, zur Aufnahme in die Royal Academy. Doch die Herren waren noch nicht soweit. Immerhin ertrug sie die Zurückweisung besser als die Schweizerin. Thompson heiratete William Butler, einen Offizier, Schriftsteller und Abenteurer. Sie zog nach Irland, wurde sechsfache Mutter und schuf weiterhin grossartige Bilder. In der Autobiografie ihres Mannes wird Elizabeth Butler-Thompson mit keinem Wort erwähnt.

Nun, vielleicht war sie ja stillschweigend mitgemeint.

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