Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

Es war ein fiebriger Sonntag im August. Bei den Juden von Lengnau und Endingen war die Spannung mit Händen zu greifen. 250 Jahre lange waren die Dörfer im aargauischen Surbtal die einzigen Orte gewesen, an denen sich Juden in der Schweiz niederlassen durften. Und auch hier war es wiederholt zu Übergriffen und sogar Pogromen gekommen. Auch jetzt war die Stimmung angeheizt. Alles wartete auf das Ergebnis der Abstimmung. Und die Surbtaler Juden ahnten schon, was auf sie zukam.

Schweizer Juden waren jahrhundertelang Bürger zweiter Klasse. Als die Schweizer Männer 1798 Stimm- und Wahlrechte erhielten, wurden sie ausgeklammert, als wären sie Fremde. Auch die Verfassung von 1848 gewährte Niederlassungs-, Glaubens- und Rechtsfreiheit nur Schweizern christlicher Konfession. Auf jeden Fort- folgte ein Rückschritt und nur auf Druck aus dem Ausland erhielten die Schweizer Juden 1866 endlich die Niederlassungs- und 1874 die Kultursfreiheit. Damit hatten sie endlich das Recht, ihren Glauben überall auszuüben. Theoretisch wenigstens.

Um Rechte ging es auch bei den Debatten ums 1891 eingeführte Initiativrecht. Viele hatten davor gewarnt: es könnten unangenehme Themen auf den Tisch kommen. Und Alfred Escher hatte erklärt: «Wer von der Unfehlbarkeit des Volkes ausgeht, ist nicht besser als die Katholiken, welche an die Unfehlbarkeit des Papstes glauben.» Acht Prozent der Stimmberechtigten mussten ein Anliegen unterstützen, damit es zur Abstimmung kam. Und die Ersten, die diese Hürde schafften, waren ausgerechnet die Tierschützer.

Dabei war der Tierschutz ein recht junges Phänomen. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde wirklich über das Wohl der Tiere diskutiert. Und viele, die sich dafür einsetzten, hatten mit dem Schächten ein Problem. Deshalb wollten sie das Aufschneiden des Halses nach jüdischem Ritus verbieten. Es folgten Debatten, Gutachten und Gegengutachten. Richtige, aber auch zynische Diskussionen ums moralisch korrekte Töten.

Nur: Worüber stimmte die Schweiz am 20. August 1893 eigentlich ab? Über das Tierwohl? Über Glaubensfreiheit? Über die Juden? Diskurse und Resultate zeigen: das Tierwohl war mässig relevant. Im Aargau, wo die Stimmung besonders aufgepeitscht war, gingen 84 Prozent der Stimmberechtigten an die Urne – und stimmten dem Schächtverbot zu 90 Prozent zu. Im Wallis hingegen lehnten 97 von 100 Stimmenden die Vorlage ab. Schweizweit siegten die Initianten mit 60 Prozent Zustimmung – und wären doch um ein Haar am Ständemehr gescheitert. 63 Nidwaldner hätten das Schächtverbot verhindern können.

Ausser Umständen hat das Verbot wenig gebracht: die Juden mussten ihr Fleisch nun eben importieren und die Schweiz kam international wegen Diskriminierung in die Kritik. Der Verfassungsartikel besteht heute nicht mehr – das Schächtverbot ist jetzt Teil des Tierschutzgesetzes. Und die Frage, ob die Schlachtmethode human oder barbarisch sei, bleibt – paradoxer- und passenderweise – eine Glaubensfrage.

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