Wer migriert, ist durchschnittlich gesünder als andere. Zu diesem Ergebnis kommt ein ganzes Bündel an Studien der Kommission für Migration und Gesundheit. Die von der Zeitschrift «The Lancet» und dem University College London gegründete Gruppe hat die Auswirkungen von Migration auf die Gesundheit in Herkunfts- und Zielländern sowie von Migranten selbst erforscht. Zusammen umfasst «The health of a world on the move», publiziert in «The Lancet», mehrere hundert Seiten.

Das Fazit: Das Klischee vom Migranten als Krankheitsträger, das von nationalistischen Parteien gerne ins Spiel gebracht wird, ist falsch. Der «Healthy Migrant Effect» ist so auffällig, dass er sogar eine eigene Bezeichnung hat, schreiben die Autoren, und kritisieren sich gleich im Anschluss selbst: Die migrantische Bevölkerung zerfällt in so viele Untergruppen, dass dies eine inadäquate Bezeichnung wäre.

Durchschnittlich gesünder als die umgebende Gesellschaft

Eine der Studien, die untersucht hat, woran Migranten in wohlhabenden Ländern sterben, kommt zum Schluss, dass Migranten seltener an dort verbreiteten Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems oder Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes sterben. Nur an einigen Infektionskrankheiten sterben sie häufiger. Entweder, weil diese im Ursprungsland verbreiteter sind, oder weil sie sich auf dem Weg ins Zielland damit angesteckt haben. Dazu gehören HIV, Virushepatitis und Tuberkulose (TB). Diese kommen jedoch in wohlhabenden Gesellschaften so selten vor, dass sie statistisch wenig ins Gewicht fallen.

Woran Migranten in wohlhabenden Ländern sterben. Die Abweichung von der mittleren Todesrate im Land (Standardized Mortality Rate, SMR) ist abhängig von der Krankheit. Punkte rechts der 1,0-Linie bedeuten dabei eine höhere Sterblichkeit, Punkte links davon eine niedrigere. (Quelle: Global patterns of mortality in international migrants: a systematic review and meta-analysis)The Lancet

Woran Migranten in wohlhabenden Ländern sterben. Die Abweichung von der mittleren Todesrate im Land (Standardized Mortality Rate, SMR) ist abhängig von der Krankheit. Punkte rechts der 1,0-Linie bedeuten dabei eine höhere Sterblichkeit, Punkte links davon eine niedrigere. (Quelle: Global patterns of mortality in international migrants: a systematic review and meta-analysis)

Ein multiresistenter TB-Stamm beispielsweise, der in deutschen Medien vor einigen Wochen für Aufmerksamkeit sorgte, ist tatsächlich selten. TB ist in Deutschland und auch in der Schweiz meldepflichtig und kann in der Regel mit Antibiotika gut behandelt werden. Im Jahr 2018 gab es hierzulande 518 TB-Erkrankungen, das sind 6,1 Fälle pro 100‘000 Einwohner. Ganz ähnlich ist es in Deutschland, dort waren es 2017 insgesamt 5486 Fälle, das sind 6,7 pro 100’000 Einwohner.

Sowohl in Deutschland wie auch in der Schweiz waren rund ein Viertel der Infizierten auch im Land geboren. Von einem «signifikanten Anstieg», wie die AfD behauptet, ist das weit entfernt. Viel häufiger als in Deutschland und der Schweiz tritt Tuberkulose in Osteuropa auf. Das Bild vom dunkelhäutigen Migranten, der Seuchen nach Europa schleppt, ist an dieser Stelle gleich zweimal falsch.

Positive Seite wird massiv unterschätzt

Wenn Krankheiten auch grosse Meere überspringen und auf anderen Kontinenten auftauchen, liegt das meist an etwas anderem: Die globale Mobilität nimmt zu. Inzwischen ist es theoretisch möglich, sich in Nordeuropa mit einer Tropenkrankheit anzustecken. Die Quelle ist dabei aber wahrscheinlich kein Migrant, sondern ein Tourist. Auch Tiere und Tierprodukte können Krankheiten transportieren. Das Risiko für die Bevölkerung des Ziellandes, sich bei einem Migranten mit einer Infektionskrankheit anzustecken, ist gering. Migranten, darauf deuten die Daten hin, stecken, wenn schon, meist andere Migranten an.

Auch mit einer anderen Behauptung räumt die Untersuchung auf. Dass Migration eine überdurchschnittliche Last für die Gesundheitssysteme wohlhabender Gesellschaften darstelle, sei ebenfalls falsch und decke sich nicht mit den Ergebnissen ihrer Untersuchungen, schreiben die Autoren. Selbst anfänglich höhere Aufwendungen für die Gesundheitsfürsorge fielen dabei nicht ins Gewicht. Der positive Einfluss auf die Zielgesellschaft werde dagegen unterschätzt. So arbeiten besonders viele Migranten im Gesundheitssystem, vor allem als Pflegekräfte, aber auch als Ärztinnen und Ärzte.

Diskriminierung ist ungesund

Wie häufig Migranten krank sind, hängt neben der Art ihrer Reise auch von ihren Lebensumständen im Zielland ab. Diskriminierung und Rassismus beeinflussen ihren Gesundheitszustand nachteilig. Eine der im Vergleich zur umgebenden Gesellschaft häufigere Todesursache fanden die Autoren in der Rubrik «externe Gründe». Zu den «externen Gründen» gehören Gewalt und Angriffe jedweder Art, Unfälle und auch Selbsttötungen.

Der Gesundheit von Migrantinnen und Migranten müsse mit Blick auf die Weltgesundheit aber trotzdem mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, fordern die Autoren. Diese hänge in grossen Teilen von politischen und strukturellen Voraussetzungen ab. Rassistische, xenophobe oder nationalistische Abschottung hätte dabei keinen Platz. Migration sei eine Realität, «die nicht verschwinden wird».

Sie kritisieren Länder wie Australien dafür, dass Migration mit bestehenden Krankheiten wie HIV dort nicht möglich ist. Das führe dazu, dass Krankheiten verschwiegen würden und nicht behandelt werden können. Von einer guten Gesundheitsfürsorge bei Migranten profitiere ein Land jedoch nachhaltig.

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