Werner Kieser (grauer Bart mit grauer Millimetterschnitt-Frisur und einer runden, schwarzen Brille hält ein dickes Stück eines Baumstamms auf seiner linker Schulter.
Bild: René Ruis Immer noch ein Muskelprotz: Werner Kieser im Alter von 74 Jahren (2014).
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Der Mensch wächst am Widerstand, sagt Werner Kieser und meint dies nicht nur im übertragenen Sinn. Denn der «Rückenpapst», wie viele ihn nennen, weiss: In dieser Aussage steckt auch aus physiologischer Sicht viel Wahres. Den Beweis liefern er selbst und seine rund 270’000 Kunden. Weltweit stärken sie sich an den von ihm selbst entwickelten Kraftmaschinen, die in seinen über 150 Trainings- und Therapiezentren stehen. Obwohl die Marke Kieser eng mit ihm verbunden ist, gibt sich der Pionier des präventiven und therapeutischen Krafttrainings im Interview, das im Kieser-Headquarter im Zürcher Primetower stattfindet, bescheiden. Er sieht seine Karriere nicht als One-Man-Show.

Herr Kieser, Sie sagen, ohne Mentoren wären Sie nicht so weit gekommen. Trotzdem haben Sie die ersten Schritte allein gemacht. Wie kam es dazu?

Mit 17 Jahren habe ich mir beim Box-Sparring eine Rippenfellentzündung zugezogen. Deshalb riet mir mein Arzt, vorübergehend nicht mehr ins Training zu gehen. Als ich das im Studio erzählte, gab es diesen spanischen Boxer namens Ramon, der sagte: «So ein Quatsch, trainiere mit Gewichten, dann bist du schneller wieder gesund». Darüber haben alle gelacht.

Sie auch?

Nein; ich dachte, dass dieser Sportler wohl mehr Ahnung davon hat als ich und die so genannten Experten um mich herum. Und tatsächlich: Er hatte recht.

War das Training mit Gewichten etwas völlig Neues?

In Frankreich gab es bereits die «culture physique». Aber das war in Sportlerkreisen verpönt. Man dachte, die Muskelmasse sei nicht nutzbar, mache unbeweglich und langsam. Deswegen hat sich ausser den Gewichthebern niemand damit befasst.

Warum haben Sie weitergemacht?

Die Effekte von Krafttraining sind riesig. Es beschleunigt die Aufbauprozesse insbesondere der Muskeln und der Knochen. Und Aufbauprozesse sind Heilungsprozesse. Doch das erkannte ich erst später. Im zarten Alter von 17 Jahren war ich einfach glücklich, dass ich schnell wieder gesund war und nicht ein halbes Jahr aussetzen musste. Zudem wurde ich innert kurzer Zeit sehr kräftig, was mir natürlich gefiel. Meine Mutter fand das entsetzlich. Alle anderen in meinem Alter wären so schön schlank. Aber ausgerechnet ihr Sohn sah aus wie Herr Lindner, der Knecht vom Bauern nebenan – ausgemergelt, aber muskelbepackt.

Ungeachtet der Sorgen seiner Mutter machte Werner Kieser weiter. Im ehemaligen Trockenraum seines Elternhauses richtete er sich 1958 seinen ersten Trainingsraum ein. Die Gewichte dafür bastelte der gelernte Tischler selbst, aus Altmetall, das er für 40 Rappen pro Kilo bei der Firma Neomontana in Altstetten kaufte. Seinen Freunden gefiel, was er tat und trainierten bei ihm. Auch als er 1966 sein erstes richtiges Studio eröffnete blieben sie ihm treu. Doch waren es zu wenige, als dass er davon hätte leben können. Um über die Runden zu kommen, arbeitete Kieser nebenher in einem Waffengeschäft. Sein Vater war davon wenig angetan und äusserte Zweifel an der geistigen Unversehrtheit seines Sohnes. Noch drastischer war die Reaktion von Kiesers erster Frau Gerda: Sie verliess ihn mit dem gemeinsamen Sohn Ketill. Doch trotz dieser Rückschläge glaubte Werner Kieser weiterhin daran, die Welt mit Hilfe seines Trainings kräftigen zu können. 1967 gründete er schliesslich die Kieser Training AG.

Schwarz-Weiss-Foto eines jungen Werner Kiesers, der mit freiem Oberkörper in einem Garten seine Muskeln trainiert.Werner Kieser
Werner Kieser beim Training im Garten des Elternhauses in Bergdietikon (1959).

Wie wurden Sie doch noch erfolgreich?

Die Anfangszeit war schwierig. Dann spielte mir der Zeitgeist in die Hände. Denn nach der Mondlandung wollten plötzlich alle fit sein. Vorher hatte ich so viel Überzeugungsarbeit geleistet. Ohne Erfolg. Das ist wie beim Segeln: Es braucht Wind, sonst nützt das beste Boot nichts. 1980 konnte ich mein zweites Studio eröffnen.

Beim Segeln gibt es aber auch Gegenwind.

In der Tat. Doch daran wächst man, wie mein Beispiel zeigt. Ich habe immer wieder Entscheidungen gegen alle Empfehlungen getroffen – erfolgreich.

Damals trainierten Sie noch mit Hanteln. Heute gibt es die bei Ihnen nicht mehr. Was ist passiert?

1972 las ich von dem Amerikaner Arthur Jones, der Maschinen entwickelt hatte, die eine Art Negativ vom menschlichen Skelett darstellen. Diese Nautilus-Geräte haben einen Drehpunkt, der dem der Gelenke entspricht und in jedem Gelenkwinkel den richtigen Widerstand bietet. Dadurch wird das Training effizienter. Weil ich mir Jones’ Maschinen nicht leisten konnte, konstruierte ich sie selbst nach. Meine Geräte Marke «Eigenbau» kamen an. Dass das Trainingsprinzip gut ist, merkte jeder, der darin sass. Zudem verringern sie den Zeitaufwand. Man kann damit gar nicht lange trainieren. Nach einer halben Stunde ist man fertig, in jeder Hinsicht. Ausserdem muss man keine Gewichte herumschleppen. Das war für meine Kunden ausschlaggebend. Ich wusste: Ich muss die Originale haben. 1978 holte ich sie mir.

Mittlerweile umfasste Jones’ Produktpalette 22 Maschinen, für die Werner Kieser rund 100 000 Franken zahlte. Das entsprach etwa dem Jahresumsatz seiner Studios. Finanzexperten rieten ihm vom Kauf ab. Auch die Banken unterstützten ihn nicht. Den notwendigen Zustupf erhielt er von Familie und Freunden. Das Geld von jenen, die sich eine Beteiligung erhofften, lehnte er ab; denn Kieser wollte seine Autonomie bewahren – und noch mehr bewegen. Deshalb sicherte er sich die Vertriebsrechte für die Jones-Maschinen im deutschsprachigen Raum und bot einführende Seminare an. Aufgrund des damaligen «Stahlkrieges» zwischen den USA und der Europäischen Gemeinschaft, dem Vorläufer der EU, konnte er nur wenige Maschinen absetzen. Aber wieder meinte es das Schicksal gut mit Werner Kieser. Zwar verliess ihn auch seine zweite Frau Angelika, doch er lernte Gabi kennen, eine angehende Medizinstudentin. Die beiden verliebten sich und sind seither ein Paar – privat wie beruflich.

Ihre Frau trug viel zur Entwicklung von Kieser Training bei. Wie das?

Zwischenzeitlich hatte ich meine Filialen in ein Franchise-System umgewandelt. 1981 wurde die erste fremdbetriebene Filiale in Zürich-Oerlikon eröffnet. Dann folgten Bern, Luzern, Schlieren und andere Schweizer Städte. Doch dann wurde mir klar, dass die Party bald zu Ende geht. Die Schweiz war zu klein für eine weitere Expansion. Deshalb überlegten Gabi und ich, Pferde zu züchten. Wir hatten uns schon einen Bauernhof am Albis angeschaut, als mich Arthur Jones anrief: «Werner, we’ve solved the back problem!» Ich sagte: «Schön, dass du mich um 3 Uhr morgens aus dem Bett klingelst, obwohl ich gar kein Rückenproblem habe.» Doch Arthur erklärte mir, dass Millionen von Menschen davon betroffen seien und dass es ein Kraftproblem sei. Trotzdem war ich nicht überzeugt. Anders Gabi. Als Ärztin schätzte sie die Bedeutung von Arthurs Anruf richtig ein. Also kaufte ich die fünf Maschinentypen, von denen jede 1 bis 1.5 Tonnen wiegt. Obwohl ich noch nicht richtig wusste, was ich damit anstellen sollte.

Aber Sie haben es herausgefunden; schliesslich steht Ihr Name seither für therapeutisches Krafttraining.

Wir eröffneten die erste Arztpraxis für Medizinische Kräftigungstherapie. Als die Patienten durch das Training ihre Schmerzen loswurden, wollten sie weiter trainieren. Weil das in einer Arztpraxis nicht ging, beschlossen wir, Reha und Training in einer neuen Art von Studio zu kombinieren. Mit dieser Idee wagte ich den Schritt ins Ausland. Wir starteten in Deutschland. Heute sind wir in insgesamt neun Ländern vertreten. Meine Schweizer Studios und die Schweiz als Territorium hatte ich einem Generalfranchisenehmer übertragen. Als dieser Vertrag auslief, hätte ich die Studios gerne gekauft, jedoch zu viel investieren müssen, um sie auf den internationalen Kieser-Stand zu bringen. Deshalb habe ich beschlossen, in der Schweiz noch einmal ganz von vorne anzufangen.

Sie selbst waren lange Zeit europäischer Vertreter von Jones’. Wieso entwickeln sie heute eigene Maschinen?

Zwei Drittel der Maschinen, die in meinen Studios stehen, sind noch Originale nach Jones. Doch als er seine Firma verkaufen wollte, war die Vertretung für mich nicht mehr spannend, weil der innovative Kopf zu fehlen drohte. Deswegen habe ich ihm die Rechte für die Verwendung seiner Technologie abgekauft. Seither habe ich freie Hand. Wir bauen Maschinen, die sonst niemand baut, zum Beispiel solche für den Beckenboden oder das Fussgelenk. Ausserdem schwebt mir eine Maschine für die Kiefer- und Gesichtsmuskeln vor.

Sie waren also zur richtigen Zeit am richtigen Ort?

Arthur Jones hat mir einmal einen «Killerinstinkt» attestiert; was auch immer damit gemeint ist. Es ist aber so: Es gibt Situationen, wo man weiss «jetzt oder nie». Dann muss man reagieren. Viele Menschen meinen ja, sie würden schneller vorankommen, wenn sie viel arbeiten. Das ist ein Trugschluss. Im Grunde genommen profitiert man am meisten, wenn man sich zurücklehnt und beobachtet und im richtigen Moment interveniert. Ich zum Beispiel lese viel Zeitung. Da spüre ich die Trends oft lange im Voraus.

Zum richtigen Zeitpunkt zu reagieren, ist das eine. Aber woher wissen Sie, wie man die Maschinen bauen muss?

Wir haben eine eigene Forschungsabteilung, und der ehemalige Chefingenieur von Arthur Jones arbeitet heute bei uns. Wir arbeiten aber auch mit Universitäten zusammen. Glücklicherweise gibt es an der ETH Zürich einen Forscher, der sich sehr gründlich mit dem Thema Krafttraining auseinandersetzt und publiziert. Auch von seinem Wissen profitieren wir.

Obwohl Sie auch jetzt wieder auf Ihre Mentoren verweisen, heisst Ihr Unternehmen wie Sie. Warum?

Eigentlich hatte ich 1967 einen Fantasienamen nehmen wollen, doch ein Kunde riet mir davon ab: Wenn ich nicht bereit wäre, mit meinem Namen dahinter zu stehen, sollte ich das Ganze besser bleiben lassen und etwas anderes tun. Da ich von meiner Sache überzeugt war, sprach nichts dagegen. Und so ist es auch heute noch.

Dieses Porträt stammt aus dem Buch «Zürcher Pioniergeist». Es porträtiert 60 Zürcherinnen und Zürcher, die mit Ideen und Initiative Neues wagten und so Innovationen schufen. Das Buch kann hier bestellt werden.

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