Das musst du wissen

  • Nicole Lindenblatt hilft Menschen, die mit ihrem Äusseren nicht zufrieden sind.
  • Sie selbst mag weder aufgespritzte Lippen, noch uniformes Aussehen.
  • Einmal im Jahr leistet sie einen wohltätigen Einsatz in Drittweltländern.

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Nicole Lindenblatt, gibt es Wünsche, die Sie nicht erfüllen können?
Ja. Viele. Oft.

Welche?
Unrealistische Wünsche. In der Nasenchirurgie zum Beispiel haben wir ab und zu Patienten, die schon mehrere Operationen hinter sich haben, aber immer noch nicht zufrieden sind. Sie wollen unbedingt noch einmal etwas Winziges korrigieren lassen – das mache ich nicht.
Manchmal ist offensichtlich, dass hinter dem Wunsch nach einer Schönheitsoperation eigentlich ein anderes Problem steckt, das sich auf irgendein Körperteil projiziert. Da ist es manchmal schwierig herauszufinden, was man tun soll und was nicht.

Nicole Lindenblatt


Nicole Lindenblatt ist stellvertretende Direktorin der Klinik für Plastische Chirurgie und Handchirurgie am Universitätsspital Zürich. Ihre Schwerpunkte sind: rekonstruktive Chirurgie des Gesichtes und der Brust, ästhetisch-plastische Chirurgie und Lymphchirurgie. Daneben ist sie an Forschungsprojekten beteiligt, bei denen mehrere Schweizer Hochschulen und Spitäler zusammenarbeiten.

  • Skintegrity – ein Projekt, das neue Methoden für die effizientere Diagnose und Therapie der wichtigsten Hautkrankheiten entwickeln und die Behandlung von akuten und chronischen Wunden verbessern will.
  • Ein Projekt, in dem künstliche Muskeln entwickelt werden sollen, die man bei Lähmung von Gesichtsmuskeln oder auch am Herzen einsetzen kann.
  • Hylomorph – ein Projekt, in dem neue Materialien für Implantate entwickelt werden, die vom Körper weniger abgestossen werden sollen. Zum Beispiel für Brustimplantate oder Herzschrittmacher.

Haben Sie da schon Fehler gemacht?
Ich habe schon Eingriffe durchgeführt, die zwar objektiv gut herausgekommen sind, aber der Patient hat sich etwas Anderes vorgestellt. Manchmal ist es aber gerade anders herum: Man operiert etwas, das man nicht als riesige Verbesserung empfindet. Aber der Patient fühlt sich danach viel besser, als ganz neuer Mensch. Da bin ich immer wieder überrascht.

Immer mehr Menschen lassen sich chirurgisch verbessern. Fördern Sie mit Ihrem Angebot nicht diese Entwicklung?
Ja, schon. Aber die Nachfrage – der Wunsch nach Schönheit – ist real. In allen Ländern, in allen Kulturen, egal wie alt, egal wie reich. Die Menschen wollen schön sein. Das ist in uns drin.

Ein neuer Trend ist die Korrektur der Schamlippen. Machen Sie das auch?
Tatsächlich nimmt dieser Wunsch bei jüngeren Patientinnen stark zu. Solche Eingriffe gehören aber nicht zu meinem Spezialgebiet. In unserer Klinik machen das eine Kollegin und ein Kollege.

Lindenblatt im Gespräch mit Beat Glogger.Michael Hotz

Lindenblatt im Gespräch mit Beat Glogger.

Wer gibt denn bei Schamlippen das Schönheitsideal vor?
Das ist eine schwierige Frage. Ich diskutiere sie oft mit meinen Kollegen. Im Internet sind immer mehr Filme verfügbar, die sich Jugendliche anschauen und ein entsprechendes Schönheitsideal entwickeln. Dieses fordern sie dann bei uns ein – mitunter schon im Alter von sechzehn, siebzehn Jahren. Wir würden das in diesem Alter niemals operieren. Aber der Wunsch ist auf jeden Fall da.

Bei Operationen bleiben Narben, die mit einer Gefühllosigkeit einhergehen. Ist das bei Schönheitsoperationen kein Nachteil?
Doch. Immer, wenn man ins Gewebe schneidet, entstehen Narben. Die bleiben. Und dort können auch Gefühlsstörungen auftreten oder Verhärtungen des Gewebes. Bei Brustoperationen ist das gar nicht so selten.

Das nehmen die Frauen in Kauf.
Offensichtlich.

Auch sonst gibt es Risiken. Im Prinzip könnte man an einer Schönheitsoperation sterben, oder?
Ja. Das Risiko ist aber nicht bei jedem Eingriff gleich hoch. Bei Gesässvergrösserungen mit Eigenfett ist das Risiko erschreckend hoch – weltweit stirbt fast eine von dreitausend Patientinnen durch den Eingriff. Denn das gespritzte Fett kann in grosse Gefässe gelangen und diese verstopfen. Daran kann man sterben.

Sagen Sie das den Frauen?
Auf jeden Fall, wir klären alle Patienten über die Risiken auf. Ich mache keine Gesässvergrösserungen mit Eigenfett – sie sind mir zu gefährlich. Auch wenn es die Nachfrage in der Schweiz gibt.

Welche Patienten nerven Sie?
Nerven ist ein hartes Wort. Aber es gibt Patienten, die sind nie zufrieden und haben unrealistische Erwartungen. Das ist manchmal schwierig. Der menschliche Körper ist nicht wie ein Stück Holz. Wenn wir etwas aufschneiden, muss das wieder zusammenwachsen. Das ist meistens nicht perfekt, allein schon aufgrund der Narbenbildung, sondern ein natürlicher Prozess mit einer Portion Zufall. Dies zu verstehen und zu akzeptieren ist für manche Patienten nicht einfach.

Sie sind fünfundvierzig. Wie gehen Sie mit dem Altern um?
Ich sehe es als Mischung zwischen dem, was man akzeptieren muss – man kann sich biologisch nicht jünger machen – und dem, was man beeinflussen kann. Jeder versucht, möglichst gut auszusehen, Crèmes zu verwenden, zur Kosmetik zu gehen. Ich habe zum Beispiel auch schon Falten mit Hyaluronsäure gefüllt.

Botox und Hyaluronsäure-Filler gehören heute schon fast zur Kosmetik, könnte man meinen.
Nein, da muss man aufpassen. Das sind minimalinvasive Eingriffe, Spritzen unter die Haut. Deshalb gibt es Risiken. Per Gesetz darf Botox und Hyaluronsäure deshalb nur ein Arzt injizieren.

Wie viele Frauen lassen sich in der Schweiz durch Botox und Hyaluronsäure verschönern?
Viel mehr, als Sie denken. Sehr viele.

Sehen Sie jemandem an, ob sie oder er etwas hat machen lassen?
Wenn die Eingriffe gut gemacht sind, sieht man gewisse Dinge nicht. Manches aber sieht man immer. Filler in den Lippen beispielsweise. Die lassen sich fast nicht machen, ohne dass es künstlich aussieht. Da sollte man aus meiner Sicht sehr zurückhaltend sein.

Wie ist Ihr persönliches Schönheitsideal?
Ich mag ein natürliches Aussehen. Den uniformen Look, nach dem viele streben, finde ich nicht schön. In gewissen Gegenden sieht man im Einkaufszentrum viele Damen, die alle ähnlich aussehen.

Schönheitsoperationen sind ein Geschäft. Machen Sie sie deshalb auch bei Ihnen am Universitätsspital Zürich?
Wir verdienen eigentlich kein Geld damit. Wir haben einen Leistungsauftrag, Studierende und junge Ärzte auszubilden. Sie assistieren bei diesen Eingriffen und lernen so das Handwerk der ästhetischen Chirurgie. An deutschen Universitäten wird das beispielsweise nicht gemacht. Dort kommen die Ärzte nach dem Studium in die Praxis und haben gar keine Erfahrung in ästhetischer Chirurgie. Das finde ich problematisch.

Neben der ästhetischen Chirurgie führen Sie am Universitätsspital Zürich auch rekonstruktive Eingriffe durch. Wie häufig sind Sie damit beschäftigt?
Das Handwerk ist eigentlich dasselbe. Ich arbeite mehr in der rekonstruktiven Medizin, und auch in der Mikrochirurgie.

Was ist damit gemeint?
In der Mikrochirurgie – oder sogar Supermikrochirurgie – operieren wir ganz kleine Gefässe im Körper. Zum Beispiel Lymphgefässe. Es gibt eine Krankheit mit dem Namen Lymphödem, bei dem die Lymphflüssigkeit im Körper nicht mehr richtig abgeführt wird. Es kommt zu einem Stau. Mit neusten Operationstechniken können wir die winzigen Lymphgefässe – sie haben einen Durchmesser von weniger als einem Millimeter — mit Venen kurzschliessen. So fliesst die Flüssigkeit wieder ab. Wir operieren von Hand mit Mikroskopen. Das finde ich faszinierend.

Mikrochirurgischer Eingriff: Anschluss eines Lymphgefässes an ein Blutgefäss. Jedes misst nur 0,8 Millimeter im Durchmesser.USZ

Mikrochirurgischer Eingriff: Anschluss eines Lymphgefässes an ein Blutgefäss. Jedes misst nur 0,8 Millimeter im Durchmesser.

Machen Sie das lieber als Schönheitsoperationen?
Ich mache solche innovativen Dinge schon sehr gerne. Wir haben mehrere Gebiete, in denen wir Forschung betreiben. Das macht mir grossen Spass. Neben der Lymphchirurgie forschen wir auch an einem Hautersatz – wir möchten beispielsweise die Haut von Verbrennungsopfern im Labor nachwachsen lassen, um sie ihnen später wieder zu implantieren. Und wir erforschen künstliche Gesichtsmuskeln, kleine elektronische Plättchen, mit denen man gelähmte Muskeln im Gesicht wieder bewegen kann.

Sie sind zudem aktiv in der Stiftung «Reconstructing Women». Seit 2009 hat diese über 4000 Frauen weltweit operiert. Wie sieht ein solcher Einsatz aus?
Wir wollen Menschen helfen, die keinen Zugang zu plastischer Chirurgie haben. Zum Beispiel Frauen, die von Männern durch Säureattacken entstellt wurden. Ich gehe einmal pro Jahr in einen solchen Einsatz, meistens nach Tansania in Ostafrika. Wir operieren unentgeltlich. Die Stiftung lebt von Spenden.

Was für Menschen treffen Sie da an?
In Tansania gibt es immer noch viele offene Feuerstellen und daher auch viele Verbrennungen. Da es im ganzen Land keine Verbrennungschirurgie gibt, lässt man diese Wunden natürlich heilen. Häufig können Kinder deshalb ihren verbrühten Arm nicht mehr bewegen – wegen der vielen verhärteten Narben. Das können wir operieren. Ein Ziel der Stiftung ist es auch, die Ärzte vor Ort auszubilden und eine Verbrennungschirurgie aufzubauen.

Einige der Patientinnen sind Gewaltopfer. Was macht das mit Ihnen, wenn Sie eine Frau sehen, die von einem Mann mit Säure übergossen wurde?
Das ist furchtbar. Man kann fast nicht glauben, dass es das immer noch gibt. Wir sind aber nicht primär politisch. Sondern fokussieren uns auf die Opfer. Es geht uns um die medizinische Hilfe.

Müssten Sie nicht Ihre Stimme gegen diese Gewalt erheben?
Es ist schon ein Statement, dass wir in die Länder reisen, wo solche Gewalt immer noch Realität ist, und dort Frauen operieren. Wir zeigen auf diese Weise, dass wir das nicht akzeptieren.

Und wie fühlt es sich an, wenn Sie nach einem solchen Einsatz wieder zurück in der Schweiz sind und mit Wünschen konfrontiert werden, die eher in die Kategorie Luxus gehen?
Sie werden jetzt überrascht sein. Aber auch die Patientinnen im Ausland wollen oft als erstes wieder schön sein. Beispielsweise wollen sie oft zuerst eine Narbe im Gesicht korrigiert haben, bevor sie uns eine Behinderung an der Hand operieren lassen.

Aber es ist doch ein Unterschied, ob jemand ein entstelltes Gesicht wiederherstellen muss oder eine etwas krumme Nase gerader haben will.
Natürlich. Im einen Fall korrigieren wir eine Entstellung, und im anderen Fall machen wir einen gesunden Menschen noch etwas schöner. Aber ich persönlich urteile nicht über die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen.

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