Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

«Sehr geehrter Professor Euler. In Königsberg stehen sieben Brücken, welche die beiden Ufer des Pregel und zwei Inseln im Fluss miteinander verbinden. Ist es möglich, auf einem Spaziergang jede Brücke zu überqueren, ohne eine zweimal zu betreten?» So ungefähr könnte der Brief gelautet haben, der Leonhard Euler 1736 erreichte.

Euler war 1707 in Basel geboren und in Riehen aufgewachsen. Von dort spazierte der Pfarrerssohn bald täglich an die Universität, wo er im Alter von 13 Jahren sein Studium begann. Am meisten begeisterte ihn die Mathematik und zu Eulers Glück lebte in Basel eine eigentliche Mathematiker-Dynastie: die Familie Bernoulli. Johann und Jakob förderten das junge Genie nach Kräften und als Euler in Basel keine Professur erhielt, holte ihn Daniel Bernoulli kurzerhand zu sich nach St. Petersburg. Von dort verschlug es ihn nach Berlin, bis ihn Katharina die Grosse wieder nach Russland holte.

In seinen etwa zwei Dutzend Büchern und über 800 Artikeln befasste sich Euler mit Astronomie, Mechanik, Hydrodynamik, Hydraulik oder Musiktheorie. Seine grösste Leidenschaft aber blieb die Mathematik. Hier führte er eine ganze Serie neuer Zeichen ein, beispielsweise e, π, i, ∑ oder f(x). Aber Euler war kein trockener Theoretiker. Als er 1738 auf einem Auge erblindete, befasste er sich mit der Tränenflüssigkeit, stellte fest, dass ohne sie kein scharfes Sehen möglich ist, und verbesserte daraufhin Mikro- und Teleskope. Seine Erkenntnisse sind heute in jeder Fotokamera enthalten.

Portrait von Euler, gemalt von Emanuel Handmann, 1753.Kunstmuseum Basel/Wikimedia

Leonhard Euler auf einem Portrait von Emanuel Handmann von 1753.

Euler dachte dynamisch und so befassen sich viele seiner Formeln mit Bewegung. Er hat Strömungen berechnet, sich mit dem Königsberger Spaziergang befasst und eine Formel dafür entwickelt, wie ein Springer über ein Schachbrett hüpfen muss, wenn er jedes Feld nur einmal betreten soll. Er stiess ins Reich der irrationalen Zahlen vor und seine «Eulersche Zahl» e erlaubt die Berechnung von Dingen, die sich permanent verändern. 1771 erblindete Euler auch auf dem zweiten Auge – und steigerte paradoxerweise daraufhin seine ohnehin schon rasante wissenschaftliche Produktion. Bereits 1748 stellte er überdies die Formel eiπ +1 = 0 auf und schuf damit – da sind sich die meisten Mathematiker einig – die schönste Formel ihres Fachs.

Übrigens: Das Brückenproblem konnte auch Euler nicht lösen. Dafür zeigte er, dass es unlösbar war. Und die Frage inspirierte ihn zu Formeln, die heute beispielsweise verwendet werden, um den effizientesten Fahrplan zu bestimmen. Oder den kürzesten Weg von A nach B. Oder auf welchem Weg die Müllabfuhr am besten durch die Stadt fährt.

Digital in die Vergangenheit

Der Blog des Schweizerischen Nationalmuseums publiziert regelmässig Artikel über historische Themen. Diese reichen von den Habsburgern über Auslandschweizer bis hin zu heimischer Popmusik, die es zu Weltruhm gebracht hat. Der Blog beleuchtet viele Facetten der Landesgeschichte in den Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch. Mehr dazu gibt es unter: blog.nationalmuseum.ch

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