Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

Endlich. Endlich, endlich, endlich, endlich, endlich, endlich: endlich! Das ungefähr waren die Gedanken vieler Appenzellerinnen, als sie am 28. April 1991 erstmals an der Landsgemeinde teilnehmen durften. Endlich konnten Frauen in der ganzen Schweiz auf allen Ebenen mitbestimmen. Es war ein langer, zäher Kampf gewesen.

Seit über hundert Jahren hatten Frauenvereine das Stimmrecht gefordert. 1918 taten es die Protestierenden beim Landesstreik gleich. 1929 reichten Frauen eine Petition mit einer Viertelmillion Unterschriften ein – die in den Schubladen des Bundesrats verstaubte. Und nach dem Zweiten Weltkrieg lehnten die Schweizer Männer das Anliegen gleich mehrfach an kantonalen Urnen ab.

Die Schweiz und das Frauenstimmrecht – von Benedikt Meyer erzählt

In eine solche Urne warf schliesslich 1957 Katharina Zenhäusern als allererste Schweizerin ihren Stimmzettel. Ihr Mann war Gemeindepräsident von Unterbäch/VS und die Abstimmung drehte sich um ein Zivildienstobligatorium für Frauen. Die Zenhäuserns fanden es unlogisch, dass sich die Betroffenen dazu nicht äussern konnten – und leisteten deshalb zivilen Ungehorsam.

Zwar erklärte der Bund Katharinas Stimme für ungültig, aber ein Zeichen war gesetzt. 1958 führte die Bürgergemeinde von Riehen das Frauenstimmrecht ein. Doch schon 1959 mussten die Frauen eine weitere Niederlage einstecken: Eine schweizweite Abstimmung über das Frauenstimmrecht endete mit 66,9% Nein. Nur Genfer, Neuenburger und Vaudois sagten Ja. Die Romands führten das Stimmrecht wenig später auf kantonaler Ebene ein.

Richtig absurd wurde es 1968: Der Bundesrat wollte die europäische Menschenrechtskonvention ratifizieren – ausser den politischen Rechten der Frauen. Das ergab weder juristisch noch logisch einen Sinn. Die Reaktionen waren heftig und Dementsprechend heftig fielen die Reaktionen aus. Daraufhin kam es 1971 zur erneuten Abstimmung, bei der nun 65,7% Ja sagten. Nur in der Zentral- und Nordostschweiz überwogen die Nein-Stimmen. Die meisten Kantone führten das Stimmrecht wenig später ein, etwas länger dauerte es, bis die Landsgemeinde in Herisau 1989 als vorletzte knapp Ja sagte.

Die Schweiz hinkte Deutschland und Österreich um ein halbes Jahrhundert hinterher. Auch Frankreich und Italien waren ein Vierteljahrhundert schneller gewesen. Allerdings war die Schweiz auch das einzige Land, welches die Gleichstellung per Volksentscheid und nicht per Regierungs- oder Gerichtsbeschluss einführte. Einzige Ausnahme waren die Appenzell Innerrhödler – ihnen erklärte schliesslich das Bundesgericht, dass die politischen Grundrechte für beide Geschlechter galten und so standen die Frauen im Frühling 1991 auf dem Landsgemeindeplatz. Endlich.

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Jetzt blieben bloss noch ein paar kleinere Ungleichheiten bei den Löhnen, im Scheidungs- und Familienrecht, bei der Freiwilligen-, Familien- und Pflegearbeit, bei der Fortpflanzungsmedizin, beim Militär, beim Mutter- bzw. Vaterschaftsurlaub, beim …

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