Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

Es war Ende November und der Tag begann feierlich. Zwei Jahre «Ustertag», das war eine Feier wert. Mit Ansprachen, Regierungsräten und Blumen. Dann aber heizte sich die Stimmung auf und etwa 500 Leute zogen vom Fest zum Fabrikgebäude der Weberei Corrodi & Pfister. Jemand warf eine Scheibe ein, andere trugen Brennholz herbei. Bald knisterten die Flammen in den Novemberhimmel.

Maschinenstürme sind selten, aber sie werden oft zitiert. Was ist Fortschritt? Ist er unaufhaltsam und müssen seine negativen Effekte kommentarlos erduldet werden? Und macht sich der Mensch am Ende die Maschine untertan – oder wird er selbst Teil von ihr?

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Die Maschinenstürmer von Uster waren vor allem Weber – und sie wussten, warum sie die Maschinen hassten. 50 Jahre zuvor hatten Spinnmaschinen den Untergang der Handspinnerei eingeläutet. Rund ein Fünftel der Zürcher Bevölkerung hatte damals ihre Arbeit verloren. Mit den neuen Webmaschinen drohte jetzt den Webern dasselbe Schicksal. Entsprechend verzweifelt waren sie.

Uster war nicht der einzige Ort, wo neue Maschinen die Menschen in Not brachten. Aber in Uster geschah der einzige Schweizer Maschinensturm. Der Grund, weshalb die Zürcher Oberländer wütender waren als alle anderen Heimarbeiter, hatte mit der Feier zu tun, mit der die Sache begann: Zwei Jahre «Ustertag». Damals hatten die Oberländer zum Sturz der alten Eliten beigetragen, hatten mitgeholfen, in Zürich eine liberale Regierung zu installieren. Und diese tat nun nichts gegen die Mechanisierung der Weberei. Die Oberländer Weber fühlten sich verraten. Dieses Gefühl war der Funke, der in Uster zündete.

Unmittelbare Folgen des Brands waren Strassenschlachten, 75 Verhaftungen und bis zu 24 Jahre Zuchthaus und Zwangsarbeit für die Anführer. Aber es gärte weiter. Sieben Jahre später (1839) trug die Landbevölkerung ihren Protest nicht in die Fabriken, sondern auf die Strassen von Zürich. Im «Züriputsch» erhob sich das Land gegen die Stadt und stürzte die Regierung.

Es war eine wilde Zeit. In der Schweiz wogten die Konflikte zwischen Konservativen und Progressiven hin und her und es knallte so oft, dass sich der «Putsch» als eins der wenigen schweizerdeutschen Wörter über die Landesgrenzen hinaus verbreitete.

Den technischen Fortschritt hielt der Maschinensturm nicht auf. Zum Glück. Einige Jahre später eröffnete der Zürcher Oberländer Caspar Honegger eine Baumwollweberei in Siebnen im Kanton Schwyz. Honegger begann bald, eigene Maschinen zu konstruieren. Diese erlangten Weltruhm und legten einen Grundstein zum Aufstieg der Schweizer Maschinenindustrie.

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