Ohne schnelles Handeln werden wir die Nachhaltigkeitsziele nicht erreichen, sagt der Co-Vorsitzende des Expertengremiums und Berner Professor Peter Messerli.

Peter Messerli, Ihr Report gibt der heutigen Wirtschafts- und Entwicklungspolitik schlechte Noten. Sie sei nicht nachhaltig.

Ja. Um zu diesem Ergebnis zu kommen, haben wir zunächst 65 globale Berichte – vom Klima über die Biodiversität bis zur Armut – angeschaut und uns gefragt, was sagen die uns? Dabei kam ganz klar raus: Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir die Nachhaltigkeitsziele, die sich die Weltgemeinschaft gesetzt hat, nicht erreichen. Zwar hat es bei einigen Zielen bereits grosse Fortschritte gegeben, zum Beispiel bei der Einschulung von Kindern oder der Senkung der Kindersterblichkeit. Das sollte man nie vergessen. Die Welt ist in vielen Bereichen wirklich besser geworden. Daneben gibt es aber auch Bereiche, wo die Zukunft gar nicht rosig aussieht. So haben wir wieder mehr Hunger auf der Welt und auch die Armut ist viel hartnäckiger zu bekämpfen, als man dachte. Vor allem aber haben wir grosse Probleme im Umweltbereich, bei der Biodiversität und dem Klima, aber auch bei der zunehmenden Ungleichheit in der Welt. Da bewegen wir uns sogar von den Zielen weg, statt auf sie zu.

Im Report sprechen Sie von der Notwendigkeit zur Transformation und rufen mit einem «Call to Action» zum Handeln auf. Wo gilt es nun anzupacken?

Die erste wichtige Nachricht lautet: Wenn wir den Problemen mit der Biodiversität, dem CO2-Ausstoss oder der Mangelernährung einzeln nachrennen und diese separat bekämpfen wollen, dann kommen wir nicht weiter. Denn sie sind alle miteinander verbunden. Es gilt, nun jene Systeme zu verändern, die entscheidend für das Endresultat sind, wie beispielsweise das Ernährungssystem. Daran hängt die Armut, daran hängt das Klima und auch die Biodiversität. Das heisst, wenn wir bei den Kernsystemen Ernährung, Energie, Konsum und Produktion sowie dem Städtebau ansetzen und diese zum Besseren verändern, dann haben wir eine wirklich grosse Chance, weiterzukommen.

«Am Ernährungssystem hängt die Armut, das Klima und auch die Biodiversität.»Peter Messerli, Professor für Nachhaltige Entwicklung an der Universität Bern

Wo sollte Ihrer Meinung nach als Nächstes eingegriffen werden? Mit welchen Massnahmen könnte man relativ schnell etwas bewirken?

Da gibt es einiges, aber besonders wichtig finde ich, die Finanzflüsse von nicht nachhaltigen zu nachhaltigen Investitionen zu steuern. Hierzu ein konkretes Beispiel: In der Welt werden immer noch Milliarden in die Subvention von fossilen Energieträgern investiert. Diese Investitionen sind etwa fünfmal grösser als die gesamte Summe des Geldes, das in die erneuerbaren Energien investiert wird. Würde man nun einen kleinen Teil dieser Subventionen – die ja irrsinnig sind und im Grunde eine Investition in die Zerstörung der Welt – umlenken und für die erneuerbaren Energien einsetzen, könnte man sehr viel bewirken.

Und wie?

Zum Beispiel könnten die Regierungen zusammen mit der Uno ein Label für nachhaltige Investitionen einführen und dafür sorgen, dass für Investoren nicht nur die Maximierung ihres Gewinns, sondern auch eine Maximierung ihres Nachhaltigkeitsimpacts wichtig wird. Was aber entscheidend ist: Es ist nie nur die eine Strategie, die es zu verfolgen gilt. Zum Beispiel können wir nicht nur die Bevölkerung dazu ermahnen, kein Rindfleisch mehr zu essen. Es braucht auch Regulierung seitens der Regierung, die den Rindfleischpreis beeinflusst. Wir müssen die verschiedenen Hebel miteinander kombinieren. Dazu müssen die verschiedenen Akteure zusammenspielen. Jeder für sich allein – also die Finanzwelt allein, die Regierungen allein, die Wissenschaft oder die Gesellschaft allein – kann es nicht schaffen. Wir brauchen radikal neue Strategien der Zusammenarbeit. Nur so können wir die bestehenden Systeme verändern.

Und welche Rolle spielt dabei die Wissenschaft?

Die Wissenschaft zeigt heute ganz klar, dass in den Bereichen Klima, Biodiversität oder globale Ungleichheiten Krisen auf uns zukommen werden und dass es sehr schwierig sein wird, das Ausmass dieser Krisen noch intelligent zu managen, wenn wir einfach nur abwarten, bis sie da sind. Die grosse Herausforderung besteht also darin, jetzt Handlungen einzuleiten, und zwar basierend auf Wissen und Verständnis. Das muss jetzt in der nächsten Legislaturperiode stattfinden. Genau hierfür braucht es neue Formen der Zusammenarbeit zwischen der Wissenschaft und der Politik.

Wir müssen innerhalb der nächsten zehn Jahre Änderungen vornehmen. Da können wir Wissenschaftler uns nur hinter die Forderungen der Klimajugend stellen.»

Wie soll das geschehen?

Zum einen muss sich die Wissenschaft im politischen Dialog mehr engagieren und dort ihr Wissen einbringen. Andererseits macht die Wissenschaft aber zu wenig, um wirklich dieser vertrauenswürdige Partner zu sein, den die Politik und die Gesellschaft in den nächsten zehn Jahren brauchen. Dazu fehlt es an lösungsorientierter Forschung. Das heisst, wir müssen in den nächsten Jahren gezielt Investitionen in die Erforschung von möglichen Entwicklungspfaden hin zur Nachhaltigkeit stecken. Vor allem braucht es nicht nur Projekte, die untersuchen, wo etwas falsch läuft, also zum Beispiel, dass die Biodiversität abnimmt und man die Nachhaltigkeitsziele deshalb nicht erreichen wird. Stattdessen sollte man sagen, wir haben diese Ziele, aber wie kommen wir dahin? Das ist eine ganz neue Art von Forschungsfrage.

Welche Auswirkungen erhoffen Sie sich persönlich von Ihrem Bericht?

Die Dringlichkeit zu handeln ist in vielen Köpfen noch nicht wirklich angekommen. Schliesslich geht es um die Agenda 2030 und darum, dass wir innerhalb der nächsten zehn Jahre Änderungen vornehmen müssen. Da können wir Wissenschaftler uns nur hinter die Forderungen der Klimajugend stellen. Sonst würden wir unserer eigenen Wissenschaft nicht glauben. Letztendlich ist es auch eine Frage des Überlebens, und zwar nicht nur der Artenvielfalt im Tierreich, sondern auch von uns Menschen. Diese Dringlichkeit müssen jetzt einfach alle verstehen.

Was schlagen Sie vor?

Hören wir auf, Häkchen zu setzen hinter die 17 Ziele und die 169 Unterziele und fokussieren wir stattdessen auf die Kernsysteme wie die Ernährung, den Städtebau, die Produktion und den Konsum von Gütern. Wir wissen heute schon sehr viel über verschiedene Strategien, die funktionieren und die man einsetzen könnte, um auf die Schlüsselsysteme einzuwirken. Lasst uns das anpacken! Mir ist klar, dass wir mit diesem Bericht nicht die Welt verändern werden. Aber ich hoffe, dass wir damit das Denken vieler Leute verändern. Denn nur Menschen, die ihr Denken ändern, können auch die Welt verändern.

Dieser Beitrag erschien erstmals im doppelpunkt.
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