Das musst du wissen

  • In den europäischen Ländern leiden rund fünf Prozent der Jugendlichen an ADHS.
  • Während die Zahl der Betroffenen stabil blieb, nahm die Verabreichung von Ritalin zu.
  • Dies liege daran, dass die Betroffenen früher unterversorgt gewesen seien – was zu gravierenden Folgen führte.

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Frau Walitza, man hat das Gefühl, ADHS sei eine Modeerscheinung. Ist die Krankheit eine Erfindung der Pharma-Industrie, um den Verkauf von Ritalin und anderen Medikamenten anzukurbeln?

Sicher nicht. ADHS wurde schon vor über 200 Jahren beschrieben. Es handelt sich um ein Aufmerksamkeitsdefizit, das Kinder massiv beeinträchtigt. Seit Jahrzehnten ist ADHS von der Weltgesundheitsorganisation WHO als Diagnose anerkannt.

Seit 2002 sind die Fallzahlen aber stark gestiegen. Ist ADHS also doch eine Modeerscheinung?

Die Häufigkeit hat sich in den letzten 30 Jahren nicht geändert, das zeigen Studien aus verschiedenen Ländern. In europäischen Ländern geht man von 5 Prozent der Jugendlichen aus, wenn man die Störung sehr breit beschreibt. Von diesen fünf Prozent werden aber nicht alle medikamentös behandelt.

Susanne Walitza

Susanne Walitza ist Professorin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie an der Universität Zürich. Ausserdem fungiert sie als Klinikdirektorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –Psychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.

Wieso werden in anderen Ländern viel mehr Diagnosen gestellt. In Südamerika sind es bis 12 Prozent!

Das liegt an den Kriterien, die man für die Diagnose ansetzt. In Europa sind wir eher streng. Es gibt drei Kriterien: die Hyperaktivität, die Aufmerksamkeitsstörung und die Impulsivität. Wenn eines dieser Kriterien schon reicht für eine Diagnose, dann kommt man auf die höheren Zahlen. In Amerika zum Beispiel diagnostiziert man breiter. In der Schweiz gilt: Nur weil jemand sich nicht konzentrieren kann, hat er oder sie noch lange kein ADHS. Eine Diagnose sollte erst nach einer längeren Zeit gestellt werden, das ganze Umfeld des Kindes muss in die Untersuchung einbezogen werden. Auch kommt es auf die Stärke der Beeinträchtigung an.

Wie viele Jugendliche werden dann medikamentös behandelt?

Es sind weniger als die Hälfte der ADHS-Betroffenen. Laut Krankenkassendaten nehmen zwei Prozent der Jungen zwischen 13 und 15 Jahren Ritalin oder Ähnliches.

Aber 2018 wurden fast doppelt so vielen Schulkindern Psychostimulanzien verabreicht wie 2006. Warum der Anstieg der Medikation, wenn die Anzahl der ADHS-Betroffenen nicht zunimmt?

Es gab früher eine Unterversorgung. Selbst schwer betroffene ADHS-Patienten bekamen zum Teil keine Medikation. Ein Grund für den Anstieg ist auch, dass sich erst vor rund sechs Jahren die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass ADHS bis ins Erwachsenenalter anhalten kann und nicht mit der Pubertät verschwinden muss. Bei etwa 50 Prozent der Betroffenen bleibt ADHS bestehen. Seit drei Jahren sehen wir keinen Anstieg der Medikation mehr.

«Nicht behandeltes ADHS führt zu Schulversagen und erhöhter Suizidalität.»Susanne Walitza

Im Tessin, wo weniger kinder- und jugendpsychiatrische Angebote bestehen, zählt man sechs Mal weniger Ritalin-Konsumenten als in Zürich. Das heisst doch: Wo es keine Kinderpsychiater hat, gibt es kein ADHS.

Nein, wenn es keine Kinderpsychiater gibt, herrscht Unterversorgung. Das ist nicht wünschenswert. Denn, was passiert mit den Betroffenen? Ihre Sterblichkeit ist fünfmal höher als bei Gesunden und auch ihre Unfallrate ist exorbitant höher. Nicht behandeltes ADHS führt zudem zu Schulversagen und erhöhter Suizidalität.

Warum steigt die Unfallrate mit ADHS?

ADHS-Kinder sind deutlich gefährdeter, in einen Verkehrsunfall zu geraten, in Maschinen reinzufassen oder sonstige Unfälle zu erleben, weil sie oft abgelenkt sind. Wenn wir ADHS-Kinder befragen, kommt jeweils eine ganze Palette von Unfällen zum Vorschein.

Ist die Suchtanfälligkeit bei ADHS-Betroffenen auch höher?

Wir wissen, dass Betroffene durch ihre Impulsivität bis zu zwei Jahre früher anfangen, Nikotin oder andere Substanzen zu konsumieren. Sie sind auch gefährdeter, weiter zu konsumieren. Das kann zu einer Art Selbstmedikation werden. Es gibt Studien, die zeigen, dass Nikotin wirkt wie Ritalin: Es blockiert den Dopamin-Transport im Gehirn. Da ist nachvollziehbar, dass ein ADHS-Betroffener dabei bleibt, weil er sich mit Nikotin besser konzentrieren kann.

Ritalin ist nur ein Markenname. Eigentlich geht es um den Stoff Methylphenidat. Manche Eltern befürchten Nebenwirkungen.

Es gibt zwei Nebenwirkungen, die häufig sind: Schlafstörungen und Appetitreduktion. Da kann man aber sehr viel machen mit der Dosierung des Medikaments, so dass die Nebenwirkungen weniger oder gar nicht auftreten. Daneben sind wissenschaftlich keine schwerwiegenden Nebenwirkungen nachgewiesen. Es gibt aber Einzelfälle, bei denen viel zu hoch dosiert wurde. Das darf nicht sein.

Ein Bericht des Uno-Kinderrechtsausschuss rügte 2015 die Schweiz. Hierzulande würde Kindern zu oft Ritalin verabreicht.

Eine grosse Studie der ZHAW hat diesen Befund widerlegt. Sie hat gezeigt, dass die Ritalin-Versorgung in der Schweiz korrekt erfolgt.

«Es gibt Studien, die zeigen, dass Nikotin wirkt wie Ritalin. Das kann zu einer Art Selbstmedikation führen.»

Die Pharmazeutin Amrei Wittwer sagt, Methylphenidat sei nicht die primär richtige Behandlung für ADHS. Es brauche stattdessen die richtige Ernährung: Sie empfiehlt kein Ritalin, sondern Nahrungsergänzungsmittel.

Meine ärztliche Antwort ist klar: Es gibt unzählige Studien zu nichtmedikamentöser Behandlung. Die Studien haben keine Verbesserung gezeigt bei ADHS-Symptomen. Ausser bei Omega-3-Fettsäuren, die haben eine niedrige Wirksamkeit, allerdings reagieren nur vereinzelte Patienten positiv darauf. Die Wirksamkeit von Metylphenidat ist drei bis vier Mal höher.

Wem soll der Laie denn glauben?

Man soll der Wissenschaft glauben, der Evidenz. Das heisst: Dem, was durch Studien belegbar ist, was an Tausenden von Patienten getestet wurde – auch bezüglich Nebenwirkungen. Da kann man nicht einfach mit einer Meinung kommen, nur weil man Zink ausprobiert hat. Die wissenschaftliche Evidenz wird in dem Buch von Frau Wittwer überhaupt nicht berücksichtigt. Es ist ein Meinungsbuch.

Es gibt Leute, die sagen, Cannabis helfe ihnen.

Cannabis hat so viele Nebenwirkungen, so dass man das nicht als Medikament empfehlen kann. Zum Cannabidiol, das kein THC enthält, gibt es einige Studien, aber nur wenige spezifisch zu ADHS. Alle Behandlungen, zu denen es keine Studien gibt, sind für Kinder sowieso nicht zu empfehlen.

Eine anerkannte Behandlungsmethode ist das Neurofeedback: Da steuert man mit Gedanken Games und versucht, sich so zu konzentrieren. Wie weit ist diese Methode?

Wir entwickeln bei uns in der Klinik seit 15 Jahren personalisiertes Neurofeedback, das wir auch in Schulen etabliert haben und das auch eine gewisse Wirksamkeit zeigt. Genauso, wie es keine Pi-Mal-Daumen-Diagnose geben darf, darf es aber auch kein Wischi-Waschi-Neurofeedback geben. Ein bisschen Gehirntraining am Computer nützt nicht viel.

Es gibt ja bereits kommerzielle Firmen, die Gedankenkappen anbieten.

Das ist genau so, wie wenn irgendein Nahrungsergänzungsmittel angepriesen wird. Natürlich soll man alle Möglichkeiten ausschöpfen. Aber man soll nicht Zeit verschwenden mit nicht wirksamen Methoden. Denn während dieser Zeit wird das Kind weiter durch ADHS beeinträchtigt.

Haben Sie selbst eigentlich mal einen ADHS-Test gemacht?

Natürlich. Für eine Diagnose muss man in alle verschiedenen Lebensbereiche schauen. Mein Arbeitsplatz, meine Freizeit. Und dann wird beobachtet, welche Symptome wo auftreten und wie stark sie einschränken – bei mir war die Einschränkung nur klein, ich habe also kein ADHS.

Aber Ritalin haben Sie sicher mal ausprobiert?

Nein, das habe ich nicht.

Manche Fachleute sagen, die sozialen Medien machten Kinder krank und seien unter anderem für ADHS verantwortlich.

Man weiss, dass ADHS und krankhafter Medienkonsum oft zusammen vorkommen. Aber die Kausalität sehe ich etwas anders. Das Gamen ist nicht die primäre Ursache, sondern es verstärkt das ADHS. Bei Games gib es häufig und sehr schnell eine Belohnung, und das ist ein Reiz für Betroffene.

Woran merkt ein Elternpaar, ob ein Kind süchtig ist nach diesen kleinen Geräten?

Beim Aufhören. Wenn das Kind da in Wutanfälle und Verzweiflung gerät. Oder wenn ein Kind stundenlang nicht mehr aus dem Zimmer kommt. Oft kehrt sich auch der Schlaf-Wach-Rhythmus um: Es wird nächtelang gespielt und man kann morgens nicht mehr aufstehen, das Kind geht nicht mehr in die Schule.

«Das Gamen ist nicht die primäre Ursache, sondern es verstärkt das ADHS.»

Wan sollen die Eltern Hilfe in Anspruch nehmen?

Immer, wenn der Alltag für das Kind schwierig wird. Wenn die Leistung in der Schule abfällt, wenn die Stimmung deutlich schlechter wird, wenn es sich nicht mehr mit Freunden trifft, mit der Familie keine Unternehmungen mehr machen will.

Schülerbefragungen kommen zum Schluss, dass 20 Prozent der Primarschüler und -schülerinnen Anzeichen für eine psychische Störung zeigen. Wird da nicht übertrieben?

Das heisst nicht, dass 20 Prozent eine Störung haben. 20 Prozent sagen, dass sie Symptome haben, traurig sind oder Ängste haben. Diese Zahlen kennen wir schon sehr lange. Behandlungsbedürftig sind etwa zehn Prozent. Die Primarschüler klagen auch über Kopf- und Rückenschmerzen. Das sind erste Symptome, aber keine Störungen. Trotzdem müssen wir das ernst nehmen. Aber wir müssen nicht nur die Behandlung verbessern, sondern auch in die Prävention investieren.

Eine neue Tendenz in der Pädagogik ist, dass man Konkurrenzdenken nicht aufkommen lassen will. Ist das gut?

Ich halte nichts von den Extremen. Nichts von: Es darf keine Konkurrenz geben. Aber auch nicht von: es muss eine Konkurrenz geben.

Würden Sie also Völkerball bis zum letzten Spieler spielen oder nicht?

Bis man fertig ist, bis einer gewonnen hat. Das ist doch nicht schlimm, wenn man mal nicht der Beste ist, man muss auch verlieren können.

Es gibt Gruppen, die Pauschalvorwürfe an den ganzen Berufsstamm der Psychiater richten. Auf roten Plakaten steht: Psychiatrie tötet. Wie kommt das bei Ihnen an?

«Wenn ADHS-Betroffene die Schulzeit mal geschafft haben und für sich einen Beruf gefunden haben, der ihnen gefällt, dann steht ihnen die Welt offen.»

Wir töten doch niemanden, es ist genau umgekehrt: Wir retten Leben. Suizidalität ist unter Jugendlichen die zweihäufigste Todesursache nach Unfällen. Diese Jugendlichen kommen zu uns und wir helfen ihnen.

Ein versöhnliches Wort zum Schluss: Gibt es eigentlich auch was Positives über ADHS zu sagen?

Auf jeden Fall. ADHS-Betroffene sind kreativ, sie sind sehr schnell und dynamisch. Wenn sie die Schulzeit mal geschafft haben und für sich einen Beruf gefunden haben, der ihnen gefällt, dann steht ihnen die Welt offen. Wir haben eine Studie gemacht, bei der wir Gesunde mit ADHS-Betroffenen verglichen haben. Wenn der Gesunde bei einer Lösung angekommen ist, bleibt er dabei. ADHS-Betroffene aber suchen oft noch einen anderen Weg. Das kommt in der Schule nicht so gut an. Aber später im Leben findet man mit immer demselben Lösungsweg nichts Neues.

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