Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

Alles begann in der Luft. Die «Globe Air» war die Sternschnuppe der Schweizer Aviatik. 1961 gestartet, überholte sie 1964 Jahre später die Balair. Sie startete Langstreckenflüge und legte sich mit der Swissair an. 1965 war sie bereits schwer in Schieflage und 1967 konnte auch der kreative Buchhalter den Konkurs nicht mehr abwenden.

Hauptaktionär der «Globe Air» war Peter G. Staechelin, ein Mann aus dem Basler «Daig». Um die Forderungen der Gläubiger decken zu können, verkaufte er aus seiner Privatsammlung Bilder von Cézanne, Monet, Sisley und van Gogh. Zuletzt hätten auch zwei Picasso-Bilder verkauft werden sollen, welche seit Jahren als Leihgaben im Basler Kunstmuseum hingen: «Les deux frères» und «Arlequin assis». Obwohl höhere Angebote aus Übersee vorlagen, offerierte Staechelin die Bilder der Stadt Basel für 8,4 Millionen Franken.

Wikimedia / Richard John Goring (Transportraits)

Eine Maschine der Globe Air, 1966 in London.

War es die Liebe der Fasnachtsstadt zum Harlekin? Jedenfalls brach ein Picasso-Fieber aus. «Tout Bâle» organisierte «Bettlerfeste», putzte Schuhe, verkaufte warme Mahlzeiten oder leerte den Weinkeller für den guten Zweck. Sogar auf Trambillets konnte ein Picasso-Zuschlag entrichtet werden. Basels Chemieriesen rundeten das Sammelergebnis grosszügig auf 2.4 Millionen Franken auf – fehlten also noch 6 Millionen. Diese wollte die Stadtregierung aus öffentlichen Mitteln beisteuern. Dagegen ergriffen kunstferne Kreise aber das Referendum. Am 17. Dezember 1967 kam es deshalb zur international vielbeachteten Abstimmung. War die einfache Bevölkerung bereit, Millionenbeträge für ein paar Bilder auszugeben? Reporter aus aller Welt warteten gespannt auf das Ergebnis.

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Ja! 54,2 Prozent sagten Ja zum Kauf der Bilder. Der Harlekin und die zwei Brüder konnten im Kunstmuseum bleiben. Und Picasso selbst war über den Ausgang der Abstimmung so erfreut, dass er der Stadt vier weitere Bilder schenkte! Basel revanchierte sich mit der Benennung des Picasso-Platzes.

Natürlich fristete Basel schon vor 1967 kulturell nicht gerade ein Schattendasein. Aber Picassos Geschenk war ein Paukenschlag, der international für Aufsehen sorgte, dem Kunstmuseum eine der grössten Picasso-Sammlungen weltweit bescherte und zeigte, was in der Stadt alles möglich war. Von der Picasso-Abstimmung ermutigt, lancierten Kunstliebhaber drei Jahre später eine Messe, die sie «Art Basel» nannten. Diese ist heute eine der grössten Kunstmessen der Welt. Einer ihrer Initianten war Ernst Beyeler. Der Riehener Galerist wandelte seine Sammlung 1997 in eine «Fondation» um, erweiterte das Basler Kulturangebot um eine weitere Perle und festigte den Ruf der Kulturstadt am Rhein.

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