Das musst du wissen

  • Die Gefühle eines Gegenübers richtig interpretieren zu können nennen Forschende empathische Genauigkeit.
  • Allerdings bleiben manche Emotionen besser unerkannt, zum Beispiel Wut und Feindseligkeit.
  • Wenn solche Emotionen auftreten, sollte man ernste Themen besser zu einem anderen Zeitpunkt ansprechen.
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Das dreckige Geschirr hat er wieder nicht weggeräumt. Die Zahnpasta-Tube lässt sie immer unverschlossen herumliegen. Er fühlt sich nicht genug geschätzt. Sie auch nicht. – In Beziehungen sind Konflikte und daraus resultierende Kompromisse unumgänglich. Dabei kann es sehr hilfreich sein, die Emotionen des Gegenübers richtig einzuschätzen. Diese Fähigkeit nennen Neurologen und Psychologinnen empathic accuracy oder empathische Genauigkeit. Sie ist für die soziale Interaktionen zentral. Dies zeigt sich beispielsweise darin, dass es Menschen, die an einer Autismus-Spektrum-Störung leiden, oft schwerfällt, die Absichten, Gedanken und Gefühle anderer zu verstehen. Sie verfügen über eine weniger ausgeprägte empathische Genauigkeit und finden sich deshalb in sozialen Zusammenhängen schwer zurecht.

Auf den ersten Blick scheint empathische Genauigkeit eine wichtige Qualität zu sein, besonders in romantischen Beziehungen. Die bisherige Forschung zeigt denn auch, dass das Erkennen von negativen Emotionen zu besseren Beziehungen führt. Doch eine neue Studie widerspricht dem nun. Ihre Ergebnisse besagen, dass manche Gefühle besser unerkannt bleiben.

Wut versus Verlegenheit

Die Forschenden aus den USA und Kanada machen einen Unterschied, ob die erkannte Emotion beschwichtigend wirkt oder die eigene Dominanz im Gegenteil stärkt. Beschwichtigende Emotionen fühlt, wer sich bewusst wird, dass er eine soziale Norm verletzt hat. Dazu gehören Verlegenheit, Scham und Schuldgefühle. Dominante Emotionen wie Wut und Verachtung entstehen hingegen, wenn Menschen das Gefühl haben, dass ihre Ziele blockiert wurden. Dies führt dazu, dass sie eine andere Person eher angreifen oder ihr die Schuld für die eigenen Frustrationen geben. Und das, obwohl beide Gefühlsarten für die fühlende Person unangenehm sind.

Science-Check ✓

Studie: The Distinct Effects of Empathic Accuracy for a Romantic Partner’s Appeasement and Dominance EmotionsKommentarDies ist ein Kommentar der Autorin / des AutorsDie Studie wurde mit 222 Testpersonen durchgeführt, die Stichprobe ist nicht besonders gross. Auch kann das Setting in der Beobachtungsstudie einen Beziehungsstreit oder eine Diskussion nicht realitätsgetreu darstellen. Deshalb können die Ergebnisse nicht so in einen alltäglichen Kontext übernommen werden.Mehr Infos zu dieser Studie...

Die Forschenden untersuchten das Verhalten von 111 Paaren in einer Diskussion. Um eine Konfliktsituation zu simulieren, sprach eine Person des Paares die andere auf etwas an, das diese an sich ändern sollte. Nach dem Gespräch füllten die Testpersonen einen Fragebogen aus. Die Fragen drehten sich einerseits um das Gespräch, ihre eigenen Gefühle dabei sowie die Wahrnehmung der Gefühle des Gegenübers. Andererseits beurteilten die Testpersonen die Qualität ihrer Beziehung und wie glücklich sie damit waren.

Wut bleibt besser unerkannt

Die Ergebnisse zeigten, dass Paare, die beschwichtigende Emotionen des Gegenübers wahrnehmen konnten, in der Beziehung eher glücklich waren und produktivere Diskussionen führten. Das heisst, die Paare waren eher bereit, eigene Fehler einzugestehen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

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Im Gegensatz dazu standen die dominanten Emotionen. Diese hatten generell einen negativen Einfluss auf die Qualität der Beziehung sowie auf das Gespräch. Besonders, wenn das Gegenüber diese Gefühle korrekt interpretierte, führte dies in der Diskussion zu Beschuldigungen, Angriffen und defensiven Reaktionen. Wenn also bei der nächsten Diskussion mit der Partnerin oder dem Partner zum Beispiel Wut im Spiel ist, ist dies vielleicht nicht der beste Zeitpunkt, um kritische Themen anzusprechen.

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