Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

Berlin, 14. Mai 1941 und vom Krieg ist wenig zu spüren. Die Fronten liegen tausende Kilometer weit weg und der Alltag geht seinen gewohnten Lauf. Nach dem Frühstück macht sich der Schweizer Botschafter Hans Fröhlicher wie jeden Tag auf den Weg zur Arbeit, während einige Kilometer weiter ein junger Schweizer aus seiner Gefängniszelle geführt wird. Bavaud heisst er, Maurice Bavaud. Die Wärter ihn in den Hof, wo eine Guillotine steht. Kurz darauf fällt das Beil. Es hätte nie so weit kommen müssen.

PD

Maurice Bavaud.

Es hätte wirklich nie so weit kommen müssen. Der Tod unter der Guillotine und dieser ganze verdammte Krieg überhaupt: es hätte nicht so weit kommen müssen. Maurice Bavaud wurde in Neuchâtel geboren. Musisch begabt, sensibel, etwas träumerisch. Auf Druck des Vaters machte er eine Lehre als technischer Zeichner, trat dann mit 19 Jahren in ein bretonisches Priesterseminar ein, brach die Ausbildung aber nach drei Jahren ab. Im Sommer 1938 kehrte er nach Neuchâtel zurück, plünderte die Familienkasse und verschwand. Etwas später kaufte er in Basel eine Pistole. Dann fuhr er nach Bayern. Dort gab sich Bavaud als Hitler-Verehrer aus und erfuhr, dass der «Führer» demnächst an einer Parade in München teilnehmen sollte.

Am 9. November 1938 stellte sich Bavaud auf der Pressetribüne in die erste Reihe und beobachtete den braunen Umzug. Sobald Hitler vor ihm auftauchte, wollte er ihn erschiessen.

Es ging schief. Kurz vor Hitler kamen Massen von SA-Leuten. Hitler ging nicht in der Mitte, sondern auf der anderen Strassenseite. Und zu allem Überfluss reckten sich hunderte Hände zum Nazi-Gruss. Bavauds Pistole blieb in der Tasche. Der Neuenburger fingierte daraufhin ein französisches Empfehlungsschreiben und versuchte, Hitler als Bote persönlich zu begegnen. Auch das scheiterte. Als er schliesslich entmutigt und pleite in einen Zug nach Paris stieg, wurde er ohne Ticket erwischt, verhaftet und eingesperrt.

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Vieles, was wir über Bavaud wissen, stammt aus Verhören und Folter. Seine Motive bleiben deshalb nebulös. Sehr deutlich ist hingegen, dass sich Botschafter Fröhlicher weigerte, sich für Bavaud einzusetzen. Mehr noch: Auf deutsches Ersuchen ermittelten sogar die Behörden in der Schweiz gegen den Attentäter. In den letzten 17 Monaten seines Lebens bekam Bavaud kein einziges Mal Besuch. Der Mann, der den ganzen Wahnsinn beinahe verhindert hätte, starb einsam und vergessen auf dem Schafott.

Wenige Tage nach Bavauds Tod setzte Hitler ein weiteres Buch auf die schwarze Liste. Eines, das der «Führer» eigentlich stets gemocht hatte. Der Romand hatte es ihm vergällt. Schillers «Wilhelm Tell».

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