Das musst du wissen

  • Bisher gibt es keinen universellen Impfstoff, der lang anhaltend gegen Grippe schützt.
  • Das liegt an dem speziellen Aufbau eines Eiweisses an der Oberfläche des Virus.
  • Dieses Eiweiss haben Forschende verändert und einen Impfstrategie entwickelt, die langfristigen Schutz bieten könnte.

Eine Impfung kann vor Grippe schützen. Im Gegensatz zu anderen Impfungen muss man sie aber jedes Jahr im Oktober oder November auffrischen. Denn die Impfstoffe wirken nur gegen wenige der vielen verschiedenen Grippeviren. Ihre genaue Zusammensetzung legen Gesundheitsexperten jeden Winter aufs Neue fest – je nachdem, welche Viren-Stämme uns in der nächsten Saison am wahrscheinlichsten heimsuchen werden. Zirkuliert doch ein anderer Stamm als der vorhergesagte, schützt die Impfung nicht. Doch warum gibt es keinen Impfstoff, der gegen alle Grippeviren gleichermassen wirkt?

Die Grippe-Impfstoffe enthalten Antikörper gegen ein Eiweiss auf der Oberfläche der Grippeviren: Hämagglutinin. «Das Problem ist, dass wir es dabei mit einem beweglichen Ziel zu tun haben», sagt Christoph Berger vom Kinderspital Zürich und Leiter der Eidgenössische Kommission für Impffragen (EKIF). Das Hämagglutinin ist aufgebaut wie ein Pilz, mit einem Stiel und einem Kopf. Die Antikörper erkennen vor allem den Kopf, doch dieser unterscheidet sich von Virus zu Virus stark. Daher passt der Antikörper immer nur auf ein bestimmtes Virus.

Wikimedia/Swaminathan et al.

Proteinstruktur des Hämagglutinins. Es ist ähnlich aufgebaut wie ein Pilz – mit einem Stiel und runden Kopf.

Schon lange suchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler deswegen nach einem Ziel für Antikörper, das bei allen Grippeviren gleich oder sehr ähnlich ist. Ein solches Ziel ist der Stiel des Hämagglutinins. Könnte man Menschen also einfach das Stiel-Eiweiss spritzen und sie Antikörper dagegen bilden lassen? So einfach ist es nicht, sagt Berger: «Unser Körper bildet zu wenige Antikörper gegen diesen Stiel und diese binden ihn auch zu wenig eng». Das heisst, wenn der Stiel ein Schlüssel ist, dann passt er schlecht in das Antikörper-Schloss.

Immunsystem überlistet

Ein Forscherteam aus den USA hat vor Kurzem einen Erfolg vermeldet in dem Bestreben, den Körper zu überlisten. In einer ersten klinischen Studien mit 65 Probanden haben sie das Immunsystem dazu gebracht, ausreichend und gut passende Antikörper gegen den Hämagglutinin-Stiel zu bilden. Die Studie wurde im Fachjournal The Lancet Infectious Disease veröffentlicht.

Science-Check ✓

Studie: Immunogenicity of chimeric haemagglutinin-based, universal influenza virus vaccine candidates: interim results of a randomised, placebo-controlled, phase 1 clinical trialKommentarDies ist ein Kommentar der Autorin / des AutorsDie Ergebnisse sind vielversprechend aber der Ansatz ist nur einer von vielen, die Wissenschaftler auf der Jagd nach der universellen Grippeimpfung ausprobieren. Möglicherweise wird ein anderer Ansatz das Rennen machen. Und: Letztendlich muss eine Impfung nicht nur dazu führen, dass es Antikörper im Blut gibt, sondern eine Immunantwort hervorrufen, die vor der Infektion schützt.Mehr Infos zu dieser Studie...

Gelungen ist der Trick durch zwei Impfungen, die im Abstand von 85 Tagen erfolgten. Sie enthielten Hämagglutinin-Eiweisse, die die Forschenden nach dem Baukasten-Prinzip aus Kopf und Stiel sehr unterschiedlicher Viren zusammengesetzt hatten. Die erste Impfung enthielt den Stiel des häufigen H1-Stamms des Grippevirus, aber den Kopf eines Virus, dass normalerweise nur Vögel befällt. Die zweite Impfung enthielt abermals den gleichen Stiel aber ein völlig verschiedenen Kopf. «Wenn man das macht, so erkennen die Antikörper den Stiel mit der Zeit immer besser», sagt Berger. Die wenigen Stiel-Antikörper, die durch die erste Impfung entstanden, erhielten bei der zweiten sozusagen einen Schub, nicht aber die Antikörper gegen den Kopf.

Es ist also prinzipiell möglich, dass wir nach einer Impfung Antikörper bilden, die viele verschiedene Grippeviren gleichzeitig erkennen. Nur muss die Impfung speziell konzipiert sein. Das zeigt die Studie. Nun gilt es, diesen Ansatz und die Sicherheit der Impfung in weiteren klinischen Versuchen mit vielen tausenden Versuchspersonen zu testen. Zum Beispiel muss noch erwiesen werden, dass die Antikörper im Blut auch tatsächlich vor einer Grippe-Infektion schützen.

Wer sollte sich impfen lassen?

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) empfiehlt die Impfung für zwei Personengruppen:

  • Personen, bei denen eine Grippeerkrankung ernsthafte Komplikationen auslösen kann (Schwangere, Frühgeborene, Menschen über 65 oder mit bestimmten chronischen Erkrankungen)
  • Personen, die beruflich mit Menschen der ersten Kategorie Kontakt haben, sowie mit Säuglingen unter sechs Monaten. Ausserdem: Personal in Medizin, Pflege sowie Kinderkrippen und -tagesstätten.

Mehr erfährst du auf der Website des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Dort kannst du auch einen Test durchführen, der dir sagt, ob du dich impfen lassen solltest.

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