Ist Utopia gegenwärtig geworden? Eine berechtigte Frage, wenn man zum ersten Mal vom Projekt Auroville hört. Denn in der gleichnamigen südindischen Stadt leben seit 51 Jahren mittlerweile fast 3000 Menschen harmonisch und im Einklang mit der Natur. Quasi in transkontinentaler Zusammenarbeit betreiben sie organische Landwirtschaft und Wiederaufforstung. Und widmen sich dem sogenannten Integralen Yoga: einem Yoga-Weg, der die spirituelle Philosophie indischer Yogis in die Praxis umsetzt und von dem berühmten indischen Philosophen Sri Aurobindo entwickelt wurde.

Das zumindest verspricht die Vision der experimentellen Stadt, die 1968 von der französischen Philosophin und spirituellen Partnerin Sri Aurobindos, Mirra Alfassa, unter dem Schutz der Unesco gegründet wurde. Auch der poetische Name selbst, Auroville – Stadt der Morgenröte – verspricht einiges.

Kanika meditiert am Matrimandir.David Klammer

Auroville-Bewohnerin Kanika meditiert am Matrimandir.

Wie aber lebt es sich in einem real existierenden Utopia tatsächlich? Wie ticken Menschen, die ihr altes Leben verlassen haben, um eine neue Existenz an diesem ungewöhnlichen Ort aufzubauen? Und wie ist es, wenn man in Auroville geboren wird?

SRF-Beitrag zum 50-jährigen Bestehen von Auroville 2018.

Während seinen Reisen nach Auroville hat der Kölner Fotograf David Klammer rund 25 Aurovillianer porträtiert und ihre Geschichten aufgezeichnet. Porträtiert auch im visuellen Sinne – im Buch werden neben hervorragenden Fotos von ungebändigtem Dschungel, wilden Wäldern und futuristisch anmutenden Wohnsiedlungen auch die Protagonistinnen und Protagonisten in ihrem Umfeld gezeigt. Dabei widerspiegeln die Gesichter und Geschichten dieser Menschen auf den ersten Blick genau das, was sich die Stadtgründerin Mirra Alfassa vorgestellt hat. Nämlich eine internationale Stadt ohne Rassengrenzen und Glaubensschranken. Diese Vorstellung ist Teil von Alfassas Vision, die auf der Webseite von Auroville in vier Punkten zusammengefasst wird:

  • Auroville gehört niemandem im Besonderen. Auroville gehört der ganzen Menschheit. Aber um in Auroville zu leben, muss man bereit sein, dem Göttlichen Bewusstsein zu dienen.
  • Auroville wird ein Ort ständiger Lernbereitschaft und ständigen Fortschritts sein und auf diese Weise der Schauplatz eines Lebens, das seine Jugend bewahrt.
  • Auroville möchte eine Brücke sein zwischen Vergangenheit und Zukunft. Indem es sich alle äusseren wie inneren Entdeckungen zunutze macht, wird es sich mutig zu künftigen Verwirklichungen hin entwickeln.
  • Auroville wird ein Platz spiritueller und materieller Forschung sein, damit eine wirkliche menschliche Einheit lebendige Gestalt annehmen kann.

Diese vier Aspekte dringen auch in den Interviews durch, die David Klammer mit den Bewohnerinnen und Bewohnern geführt hat. Dabei erzählen sie nicht nur von Auroville selbst, sondern auch davon, wie sie in diese Stadt gekommen sind. Sprechen über ihre Ideen, ihre spirituellen Beweggründe und ihre Ansichten von Religion, Politik, Gesellschaft und Philosophie. Wie auch die vier Punkte der Vision selbst wirken diese oft idealistisch und naiv, ja manchmal beinahe kindlich. Die im zweiten Punkt erwähnte «ständige Lernbereitschaft» und der «ständige Fortschritt» beschränkt sich höchstens auf die zwischenmenschliche und persönliche Ebene. So schreibt zum Beispiel die junge Marissa: «Normalerweise fliege ich jedes Jahr nach Deutschland. Mein Cousin, bei dem ich dann lebe, hat so viel Stress in der Schule. Hier [in Auroville] kannst du von einer Schule zur anderen wechseln. Und wenn du gar nicht daran interessiert bist, hörst du mit der Schule auf.» Oder wie der ältere Johnny es sagt: «Mit 13 stand ich vor der Wahl, an die Uni zu gehen oder etwas Technischen zu machen. Ich habe versucht zu vergessen, was ich in der Schule gelernt hatte und mich daran zu erinnern, was mich die Arbeit in der kleinen Tischlerei lehre, in der ich aushalf.»

Von einer gesamtgesellschaftlichen Betrachtungsweise könnte man die Bewohner von Auroville auch als egoistisch bezeichnen, als «Aussteiger», die mit Selbstfindung und spiritueller Entfaltung so beschäftigt sind, dass sie nicht an eine weltumfassende Entwicklung denken – abgesehen natürlich von ihrem bewussten Umgang mit der Natur und ihrem Konsum, der vor allem in Zeiten des Klimawandels und internationalen Klimabewegungen wegweisend und vorbildlich ist. In dieser Beziehung – aber auch in philosophischen und gesellschaftlichen Fragen – wirken alle Aurovillianer unheimlich reflektiert und überlegt. Wie auch Patrick, der aus seinen Erfahrungen und seinem Leben folgendes Fazit zieht: «Wir sind das Problem auf diesem Planeten, es gibt kein anderes Problem. […] Vielleicht ist unsere nächste Stufe der Evolution, dass wir nicht mehr Super-Verbraucher sind, sondern Super-Vektoren des Wissens werden. Und damit einen positiven Einfluss auf die Umwelt entwickeln.»

Ein Leben in Einklang mit der Natur: ein Grundpfeiler von Auroville.David Klammer

Ein Leben in Einklang mit der Natur: ein Grundpfeiler von Auroville.

Eine weitere Frage, die nach dem Lesen der Porträts ungeklärt bleibt, ist, wie offen Auroville wirklich sein kann. Immerhin wird in zwei Punkten der Charter auf das Spirituelle verwiesen. In einem Punkt sogar auf ein göttliches Bewusstsein. Eine Formulierung, die in Zeiten fortschreitender Säkularisierung einen fahlen Beigeschmack hinterlässt.

Die Texte der Aurovillianer bleiben unkommentiert. Jedoch wird das Projekt Auroville als Ganzes unter anderem durch Beiträge von Reportern und einem Sozialwissenschaftler im Buch ausführlich und nachvollziehbar eingeordnet. Dadurch entsteht eine hervorragende Mischung aus persönlichen Erfahrungsberichten und theoretischen, beobachtenden Ansichten, die nur durch die vielen spektakulären Fotos von David Klammer unterbrochen werden. Damit ist Klammer mit «Good Morning Auroville» ein Paradebeispiel einer allumfassenden Reportage geglückt, die sowohl inhaltlich und visuell alle Ansprüche erfüllt und dennoch wertungsfrei genug ist, damit jede Leserin und jeder Leser sich sein ganz eigenes Bild dieser unvergleichlichen Stadt machen kann.

Original-Interviews, Videos und weiterer Content unter goodmorningauroville.com

Buchtipp

«Good Morning Auroville»
von David Klammer
Edition Bildperlen
ISBN 978-3-946328-38-4
Euro 39.95

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