Die Geburt von Johann Heinrich Krüsi war eine Schande. So zumindest die damalige Einschätzung der kantonalen Behörden in Appenzell Ausserrhoden im Jahr 1843. Denn seine Mutter Juditha Krüsi hat ihn unehelich gezeugt. Und beging zusätzlich den kapitalen Fehler, den mutmasslichen Vater zu verklagen. Ob sie sich davon die Heirat oder zumindest einen Vorteil für ihren Sohn erhoffte, ist nicht bekannt.

Das Gericht entschied jedoch gegen sie, verurteilte sie der «falschen Vaterschaftsklage, verleumderischen Aussagen und lügnerischen Anschuldigungen der Untersuchungsbehörden» und bestrafte sie mit vier Wochen Gefängnis und zwanzig Schlägen mit der Rute, wie das Historische Lexikon der Schweiz dokumentiert. Die «Schande», also Johann Krüsi, nahm man ihr weg. Im Alter von einem Monat kam diese ins Waisenhaus von Speicher im Kanton Appenzell Ausserrhoden (AR). Und so wuchs er ohne Mutter, ohne Vater, als «Bastard» auf.

In den ersten Jahren seines Lebens bekam er eine minimale und spärliche Schulbildung. Wie alle Waisenhausbuben zu dieser Zeit musste er als billige Arbeitskraft beim Weben und Sticken im waisenhauseigenen Webkeller mitanpacken. Er ist damit Teil eines dunklen Kapitels der Appenzeller Geschichte.

Unbeirrt und trotz seinen schlechten Startbedingungen ging Krüsi jedoch seinen Weg. Und schrieb damit selber Geschichte: Unsere Haushalte und Leben würden ohne ihn heute anders aussehen. Denn Krüsi wurde zu einem engen Mitarbeiter des revolutionären Erfinders Thomas Edison.

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«Die Erfindung und Entwicklung der Glühbirne, des Börsentickers, einer ersten Art von Filmkamera, des Phonographen, aus dem der Plattenspieler wurde, das geht alles auf Thomas Edison zurück», sagt Arthur Kammer, Vizepräsident der Stiftung Telefonmuseum Telephonica. Ebenso entwickelte Edison bessere Telegraphen, Telefone und Mikrofone und zog in Manhattan das erste komplette Stromnetz der Welt hoch. Doch, er tat all dies nicht allein: «Das alles war nur möglich dank jungen Mitarbeitenden aus der ganzen Welt, von denen Krüsi einer der wichtigsten war», sagt Kammer.

Gemeinhin gilt das von Edison im Stadtentwicklungsgebiet Menlo Park in der Gemeinde Raritan Township, New Jersey, betriebene Labor als Vorläufer und Vorbild der industriellen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen von heutigen Technologieunternehmen.

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Hier wurde die Glühbirne erfunden: im «Menlo Park Laboratory» von Thomas Edison.

«Birthplace of the Modern World», Geburtsort der modernen Welt, ist der heutige Spitzname der Gemeinde, die am 10. November 1954 den Namen ihrer Stadt zu Ehren des Erfinders in Edison umbenannte. Ein Prozess, der unter anderem 100 Jahre zuvor in der Gemeinde St. Fiden – heute ein Quartier im Kreis Ost der Stadt. St. Gallen – eingeleitet wurde. Von Johann Heinrich Krüsi.

Ausgezogen, um die moderne Welt zu gründen

St. Fiden war die Bürgergemeinde von Krüsi. Sie finanzierte ihm im Alter von 17 Jahren eine Schlosserlehre. Zusätzlich bildete er sich an einer Abendschule in Mathematik und technischem Zeichnen und in Zürich zum Mechaniker weiter.

Mit einem Rucksack voller Faszination für alles Mechanische und Technische sowie neuerworbenen Wissen begab sich Krüsi nach seiner Lehre und Ausbildung auf Wanderschaft durch Europa. Als Handwerker absolvierte er Praktika und Ausbildungen in Rorschach, Salzburg, Plauen im Südwesten Sachsens, Kopenhagen und Hamburg. Seine Wanderschaft mündete 1870 in der Entscheidung, in die Vereinigten Staaten von Amerika auszuwandern. Um dort die moderne Welt mitzugründen.

Die ersten Schritte nahm Krüsi in New York. Dort fand er auch seine erste Festanstellung in der Nähmaschinenfabrik Singer. Zu dieser Zeit war Thomas Edison bereits eine Berühmtheit. Und als Edison 1872 ein neues Forschungs-Laboratorium in Newark in Bundesstaat New Jersey eröffnete, meldete sich Krüsi bei ihm. Und erhielt den Job.

Der Appenzeller Waisenknabe war nun einer der wichtigsten mechanischen Konstrukteure weltweit. Der St. Fidener Schlosserlehrling: Teil von Thomas Edisons Jahrhundert-Team. Er sorgte nun für grundlegende Erfindungen und Entwicklungen in den Bereichen des elektrischen Lichts – und der Elektrifizierung der Welt.

«Kruesi, make this!«

Auch privat sprühten bei Krüsi zu dieser Zeit die Funken: 1873 heiratete er Emilie Zwinger, die ausgewanderte Tochter des Thurgauer Apothekers Jakob August. Gemeinsam mit ihr hatte er acht Kinder. Seinen ältesten Sohn nannte er Walter Edison Krüsi. Thomas Edison war der Pate.

Innert kürzester Zeit wurde John Krüsi – wie er sich mittlerweile nannte – zu einem der wichtigsten, produktivsten und engsten Mitarbeitenden von Edison. Edison erkannte Krüsis Talent als Maschinist und beförderte ihn zunächst zum Leiter der Maschinenwerkstatt und später zum Chef des Labors in Menlo Park. Damit beaufsichtigte Krüsi den Bau von Versuchsmodellen für die Experimente Edisons. Er war folglich an allen epochalen Erfindungen beteiligt, wenn bei den meisten nicht sogar federführend.

Oft gab Edison Krüsi eine vereinfachte Zeichnung von dem, was er von ihm konstruieren lassen wollte. Laut Recherchen des Autoren Helmut Stalder für das Buch «Verkannte Visionäre – 25 Schweizer Lebensgeschichten» war Krüsi ein so talentierter Maschinist, dass Edison ihm vertrauen konnte, wenn es um die Fertigstellung eines nicht näher spezifizierten Entwurfs ging.

Und nach der Meinung der Thomas-Edison-Biographen Robert Friedel und Paul Israel war dies entscheidend für Edisons Erfolge: «Wenn die Erfindungen, die herauskamen, nicht funktionierten, war es, weil sie schlecht waren, nicht weil sie schlecht gemacht waren. Und wenn die Ideen gut waren, so beweisen es die Produkte aus Krüsis Werkstatt.»

Und so kam es, dass Krüsi 1877 auf einer Werkbank eine sehr einfach gehaltene Skizze mit dem Vermerk «Kruesi, make this!» fand. Auf die Rückfrage von Krüsi, was das werden solle, antwortete Edison «eine sprechende Maschine.»

Nach nur zwei Tagen Tüfteln, Pröbeln und Basteln hatte Krüsi eine Maschine gebaut, die Edisons vagen Vorstellungen entsprach. Der Phonograph war geboren – ein Audiorekorder zur akustisch-mechanischen Aufnahme und Wiedergabe von Schall mithilfe von Tonwalzen. Oder, wie Edison sie noch im selben Jahr bei der Patentanmeldung bezeichnet hat, eine «Sprechmaschine».

Ein Appenzeller erleuchtet New York

Der Phonograph war jedoch nur eine der Meisterleistungen aus dem Hause Edison, an denen Krüsi beteiligt war. 1879 half er bei der Entwicklung eines ersten Grossgenerators. Zwischenzeitlich arbeitete er an der Verbesserung des Telegraphen und der Mikrofone. Und schliesslich trug Krüsi, mittlerweile mehrfacher Millionär, auch bei zur Entwicklung der Glühbirne.

1881 übertrug Edison die Leitung der neu gegründeten «Edison Electric Tube Company» an John Krüsi. Damit war der Schweizer verantwortlich für die Verlegung der unterirdischen Stromverteilungskabel in Manhattan.

Dazu entwickelte Krüsi ein Erdkabel in Form eines Rohrs, in welchem drei Leiter durch Isolatoren getrennt eingegossen und durch sogenannte Muffen – Bauelemente zur unterbrechungsfreien Verbindung zweier Rohre oder Kabel – verbunden werden konnten. Bedingt wurde diese Form von drei elektrischen Leitern durch das von Edison entwickelte Gleichstromsystem. Damit alles so funktionierte, wie Krüsi es wollte, entwickelte er zusätzlich zum Rohr an sich auch noch ein selbstklebendes Isolierband. Mit Erfolg.

Beim Bau der Pearl Street Station, des ersten Kraftwerks in New York, wurde das Rohr erstmals installiert. Am 4. September 1882 wurde das Kraftwerk eröffnet. Nicht von John Krüsi, sondern vom Showman und Marketing-Genie Thomas Edison. Von der Edison Electric Tube Company. Das Rohr, die «Kruesi-Tube», blieb wie sein Erfinder für die allgemeine Öffentlichkeit nicht sichtbar.

PD/Courtesy of Thomas Edison National Historical Park

Die Pearl Street Station in New York war das erste kommerzielle zentrale Kraftwerk in den Vereinigten Staaten.

4000 Mitarbeitende bei der Beerdigung

Vier Jahre später begann die letzte Reise von John Krüsi. Die Maschinenwerk-Firma von Thomas Edison zog nach Schenectady, New York und fusionierte 1892 mit mehreren anderen Firmen zur General Electric Company – und damit zum grössten Elektrotechnikkonzern der damaligen Welt. Der Appenzeller Waise Krüsi führte diesen als Generaldirektor und später als Chefingenieur für Maschinenbau.

1899 verstarb John Krüsi unerwartet an Influenza, erst 56-jährig und nur zwei Jahre nach seiner Frau. Wie die US-Tageszeitung «Troy Daily» berichtete, nahmen rund 4 000 Mitarbeitende aus verschiedensten Edison-Werken an der Beerdigung teil. Darunter natürlich auch Thomas Edison selbst, der als Testamentsvollstrecker Krüsis fungierte.

Johann Heinrich aus dem Appenzell blieb ein Unbekannter. Ob ihm dies als zurückhaltendem Schweizer gerade recht war, wissen wir nicht. Doch seine Geschichte und Leistungen sind ebenso erwähnenswert wie die von Thomas Edison. Und alles andere als eine Schande.

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