Das musst du wissen

  • Heute beeinflussen sehr viele Faktoren den Verlauf der Pandemie – richtige Prognosen werden so immer schwieriger.
  • Trifft eine Prognose nicht zu, ist das eine Überraschung, die Menschen eher wahrnehmen und sich besser daran erinnern.
  • Alle haben das Recht, gegen einen Konsens anzutreten – doch sie brauchen Belege für ihre eigenen Hypothesen.

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Herr Salathé, seit einigen Tagen steigen die Fallzahlen wieder. Ist das die fünfte Welle?
Marcel Salathé: Ich denke schon. Die Infektionen steigen europaweit, und die Schweiz geht mit einer tiefen Impfquote in die kalte Jahreszeit. Aber ein Fall ist nicht mehr gleich ein Fall – es ist entscheidend, ob das Immunsystem durch die Impfung oder durch eine frühere Infektion darauf vorbereitet ist.

Marcel Salathé

Marcel Salathé leitet das Labor für digitale Epidemiologie an der ETH Lausanne. Er war bis Februar 2021 Mitglied der Covid Taskforce des Bundes und war massgeblich an der Entwicklung der Contact-Tracing-App beteiligt.

Offenbar sind die epidemiologischen Voraussagen im Herbst 2021 schwieriger als sie es im März 2020 waren. Warum?
Salathé: Tatsächlich wird es immer schwieriger. Es gibt unterdessen zu viele Faktoren, die die weitere Entwicklung beeinflussen werden. Zu Beginn der Pandemie war es einfach. Die ganze Bevölkerung war immunologisch komplett naiv, das heisst noch niemand hatte je mit diesem Virus Kontakt gehabt. Man konnte also fast nur eine richtige Prognose machen. Aber mit den ergriffenen Massnahmen, dem menschlichen Verhalten, den Teststrategien, der Impfung, der Immunität, die sich vielleicht noch ein bisschen abschwächt sind es heute schlicht zu viele Faktoren, die wir wissenschaftlich noch nicht restlos erfassen können.

Vor rund einem Jahr hatten Sie gesagt, «es sieht gerade sehr gut aus». Das wurde Ihnen lange um die Ohren gehauen, weil kurz darauf die heftige zweite Welle kam. Was ist denn da schief gegangen?
Salathé: Als Forscher wagt man natürlich immer wieder Voraussagen. Und wenn sich dann auch nur wenige als falsch herausstellen, werden einem genau diese vorgehalten. Als Epidemiologe habe ich damals nicht das Virus unterschätzt, aber die Gesamtantwort des Systems. Zu Beginn dieser Krise war ich schockiert, wie wenig das Land bereit war.
Doch nach einem intensiven halben Jahr sah wirklich vieles sehr gut aus – die ersten Impfresultate; die Contact-Tracing-Apps, von denen wir heute wissen, dass sie sehr effektiv sein können; die gesammelten Erfahrungen in der ersten Welle, und so weiter. Ich habe dem System zugetraut, dass es jetzt bereit sei. Vielleicht wollte ich das auch glauben.

«Täglich kommt Neues dazu, da ist es schwierig, echte News von Falschnachrichten zu unterscheiden.»Daniel Hausmann

Wenn eine Astrologin eine Voraussage macht und die trifft dann ein, ist das ein Beweis, wie gut die Voraussage war. Bei einem Epidemiologen ist es offenbar umgekehrt. Die guten Voraussagen nimmt man einfach hin, die schlechten macht man ihm zum Vorwurf. Kann man das aus psychologischer Sicht erklären?
Daniel Hausmann: Da gibt es ganz viele Effekte, aber es hat vor allem mit der Wahrnehmung zu tun. Dinge, die ganz speziell sind, werden eher wahrgenommen und eher erinnert. Man nennt dies auch eine selektive Wahrnehmungsverzerrung. Wenn also eine Entwicklung einfach so läuft wie man erwartete hat, ist das keine neue Information. Wenn die Prognose aber nicht zutrifft, dann ist das eine Überraschung und dieser Überraschungseffekt bleibt besser in Erinnerung.

Daniel Hausmann

Daniel Hausmann ist Psychologe an der Universität Zürich. Er forscht zur Entscheidungsfindung bei Themen aus den Bereichen Medizin und Gesundheit sowie zum Umgang mit Unsicherheit und Wahrscheinlichkeiten.

Ist also alles eine Frage der Kommunikation, Frau Humprecht? Müsste die Wissenschaft anders kommunizieren?
Edda Humprecht: Die Problematik, die Sie ansprechen hat sehr viel damit zu tun, wie unser Mediensystem funktioniert. Medien greifen gezielt reisserische Aussagen auf, weil sie damit Aufmerksamkeit erhalten. Das ist zum Beispiel der Fall bei Falschaussagen von Politikern oder Prominenten. Auch wenn Falschaussagen eingeordnet werden, bleibt dann häufig genau diese falsche Aussage hängen und nicht deren Korrektur.

Edda Humprecht

Edda Humprecht arbeitet am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. Sie forscht zu politischer Kommunikation, digitaler Kommunikation und Hassreden in Online-Medien.

Auch auf Social Media werden Fake News gerne weiterverbreitet. Warum denn? Untersuchungen zeigen, dass die Leute viele Dinge gar nicht unbedingt glauben, aber trotzdem verbreiten.
Hausmann: Erst Mal müssen wir festhalten, dass die Pandemie ein längerer Prozess war und immer noch ist. Anfangs waren wir alle im Schock, und selbst die Wissenschaft wusste noch wenig, musste erst mal Daten gewinnen und sich auf Kennwerte einigen. Das zu verstehen, ist für Laien ganz schwierig: Was gilt? Täglich kommt Neues dazu, da ist es schwierig, echte News von Falschnachrichten zu unterscheiden.

«Diese Bereitschaft, Desinformation weiterzuverbreiten, hat oft weniger mit Glauben und eher mit Zustimmen zu tun.»Edda Humprecht

Es gibt Leute, die wollen mit einem Youtube-Video beweisen, dass die Einschätzung der Wissenschaft falsch ist. Warum verspüren Laien den Drang, Fachleute zu korrigieren?
Hausmann: Das ist nur ein Teil, der das bewusst macht. Die anderen wollen einfach Antworten auf die offenen Fragen. Die haben Unsicherheiten, wollen Erklärungen, wollen verlässliche Informationen. Oder wollen auch geführt werden. Es ist schwierig, zwischen Wissenschaft und Laien zu vermitteln. Nur schon zu erklären, was eine Studie ist, oder was der Wert einer einzelnen Studie ist. Wissenschaft funktioniert nach ganz bestimmten Kriterien. Diese werden vom Laienpublikum wenig wahrgenommen.

Humprecht: Diese Bereitschaft, Desinformation weiterzuverbreiten, hat oft weniger mit Glauben und eher mit Zustimmen zu tun. Man möchte so zeigen, dass man unzufrieden ist, zum Beispiel mit dem politischen System. Wenn man die Leute dann fragt, ob sie der Wissenschaft vertrauen, sagen sie meist ja. Sie gehen nicht davon aus, dass Wissenschaftler sie generell täuschen wollen. Aber wenn es dann zu einem strittigen Punkt kommt, wie beispielsweise die Impfung, die sehr stark polarisiert, geht es nicht darum, ob die Wissenschaft recht hat, sondern darum, was man seinen Freunden oder Bekannten mitteilen möchte. Oftmals ist es auch der Wunsch zu zeigen: ich war doch schon immer kritisch und dieses Video hier zeigt, dass ich richtig lag. Wenn man diese Personen dann aber fragt, ob sie wirklich glauben, dass die Aussagen stimmten, sagen viele: «Naja, wenn ich genau darüber nachdenke, das stimmt vielleicht nicht, aber es könnte so sein.» Das ist der Mechanismus.

«Jeder und jede kann – auch ohne Autorität – behaupten, etwas sei anders. Aber wenn man gegen einen grossen Konsens antritt, muss man seine eigene Hypothese auch belegen können.»Marcel Salathé

Warum wird es dann so stark wahrgenommen, wenn eine Stimme auch aus der Wissenschaft dem Konsens der Wissenschaft widerspricht – zum Beispiel, ein pensionierter Lungenarzt, der nie auf dem Gebiet der Viren geforscht hat. So ein Video ist dann der Beweis, dass alle anderen falsch liegen – oder, dass all die anderen unter einer Decke stecken. Wie gehen Sie, Herr Salathé, mit so etwas um?
Salathé: Also, wenn man nicht mehr sagen dürfte, dass wir falsch liegen, dann müssten wir aufhören. Das ist genau das Schöne an der Wissenschaft. Jeder und jede kann – auch ohne Autorität – behaupten, etwas sei anders. Aber wenn man gegen einen grossen Konsens antritt, muss man seine eigene Hypothese auch belegen können. Damit habe ich keine Probleme. Probleme habe ich mit dem Vorwurf, «ihr steckt alle unter einer Decke». Denn damit wird uns eine unlautere Absicht vorgeworfen. Das entspricht aber nicht der Realität. Wenn mich Leute kontaktieren mit einer ernsthaften Frage oder Debatte oder Kritik, dann nehme ich das sehr gerne entgegen. Wenn ich aber merke, dass mir jemand mit einem fixen Weltbild Dinge unterstellt, die nichts mit der Realität zu tun haben, dann habe ich kein Interesse, mich dem anzunehmen.

Wie aber reagieren Sie auf Kollegen, die sich als Kritiker des Systems profilieren? Solche, die zwar einige Fachkompetenz haben, aber nie auf dem Gebiet gearbeitet haben oder nicht mehr wissenschaftlich aktiv sind: wie Beda Stadler oder Sucharit Bhakdi. Die werden von breiten Massen als Kronzeugen hochgejubelt.
Salathé: Ich sehe das nicht so dramatisch. Es gibt viele Beispiele in der Wissenschaft, wo Leute von aussen mit einer anderen Perspektive der Wissenshaft ermöglicht haben, einen Knoten zu lösen.

Also hat Herr Bhakdi recht?
Salathé: Nein. Aber man muss Ruhe bewahren. Das wissenschaftliche System hält das aus. Hier gibt es immer Widerspruch. Dann muss man sich als Wissenschaftler entscheiden, wo investiere ich meine Zeit. Gerade in einer sich schnell entwickelnden Krise ist das extrem schwierig.

Sie reagieren nicht auf ein Youtube-Video?
Salathé: Ich persönlich reagiere nicht. Aber in der Kommunikation müssen wir uns eine Antwort überlegen. Denn wir können nicht sagen «sorry wir diskutieren nicht auf diesem Kanal». Aber es fehlen uns die Ressourcen und die Expertise, um auf Youtube zu kommunizieren. Das ist ganz was anderes als ein wissenschaftliches Paper zu schreiben.

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Der Text basiert auf einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Zurich Film Festivals, veranstaltet von Eye on Science mit der Unterstützung von Life Science Zurich, ETH Zürich und EPF Lausanne.

Den Talk als Video ansehen.

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