Ein sonniger Frühlingstag im Jahr 1928 sollte das Leben von Margret Fusbahn für immer verändern. Die 20-Jährige fährt in ihrem Auto mit 60 Kilometern pro Stunde auf der Landstrasse nach Hause in Richtung Heidelberg. Da hört sie hinter sich ein leises Summen, das rasch mächtiger wird. Margret erspäht am Himmel ein Flugzeug. Es überholt sie und verschwindet am Horizont. Spontan, so will es die Legende, ändert die junge Frau ihre Route und fährt nach Böblingen bei Stuttgart. Dort befindet sich eine der wenigen Flugschulen, die Frauen aufnehmen.

Wenige Tage später sitzt Margret erstmals in einem Flieger – am Doppelsteuer hinter dem Fluglehrer. Nur wenige Wochen später, im August 1928, erhält sie den Flugschein mit der Note «sehr gut», obwohl sie sich für die technische Seite der Fliegerei zeitlebens nie ganz begeistern konnte. «Ich bin Fliegerin mit ganzer Seele, nur mit der Einschränkung, dass ich dabei eine Frau geblieben bin, mit all meinen Schwächen», sagte sie im Buch «Frauen Fliegen». Die zierliche, blonde Frau musste immer wieder Überzeugungsarbeit leisten: Kaum jemand glaubte ihr, dass sie Pilotin war.

Margret Fusbahn vor einer Klemm L25Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Margret Fusbahn mit einer Klemm L25.

Dabei gehörte Fusbahn zu einer ganzen Reihe von abenteuerlustigen Frauen, die den Geschlechterklischees widersprachen und sich am Anfang des 20. Jahrhunderts in die Lüfte wagten. Nach Elise Haugk, die bereits 1914 in Hamburg das Brevet machte, war Fusbahn die zweite Schweizer Pilotin überhaupt. Doch die Aufbruchsstimmung sollte nicht lange anhalten. Mit der Machtergreifung der Nazis 1933 wurde in Deutschland Frauen die Flugerlaubnis wieder entzogen, in der Schweiz mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs ebenso.

Margret Fusbahn hatte gute Bedingungen, um als Pilotin durchzustarten. Am 14. Juli 1907 wurde sie in St. Gallen als Margret Billwiller in eine wohlhabende Familie hineingeboren. Schon in der Kindheit zeigte sich ihre Abenteuerlust: Zusammen mit ihrem Bruder flitzte sie mit Rollschuhen den Rosenberg im Norden der Stadt hinunter oder jagte ihren Hund Rover, einen Airedale Terrier, an ein Leiterwägelchen ums Haus. Später kamen als Hobbies Reiten, Tennis und Skifahren hinzu, bereits im zarten Alter von 18 Jahren lernte sie Autofahren.

Neben Erlebnishunger und Ehrgeiz trug auch der Wohlstand ihrer Familie dazu bei, dass die junge Frau überhaupt in die Lüfte konnte. Mit 16 Jahren verlor sie ihren Vater, einen Textil-Unternehmer, und erbte ein Vermögen. Das verschaffte ihr die finanzielle Unabhängigkeit, die ihr half, die Ketten der traditionellen Geschlechterrollen zu sprengen.

Im Januar 1928 heiratete Margret Billwiller den deutschen Ingenieur Heinz-Werner Fusbahn und zog zu ihm nach Heidelberg in Süddeutschland. Er machte kurz nach ihr ebenfalls den Flugschein und bald waren die beiden als Duo unterwegs: In der Presse schrieb man vom «fliegenden Ehepaar». Im Cockpit bezeichneten sich die beiden als Emil und Franz – Begriffe für Pilot und Navigator in der Militärsprache.

Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Ehepaar Margret und Heinz-Werner Fusbahn vor einer Klemm L25.

Nicht lange nach der Bestehen der Flugprüfung gelang Margret Fusbahn ein Erfolg, der ihr einen Eintrag in den Geschichtsbüchern verschaffte: Im April 1930 erreichte sie mit einem Leichtflugzeug der Marke Klemm eine Höhe von 4900 Metern und brach damit den internationalen Höhenrekord für diese Flugzeugklasse.

En Vogue waren damals auch Geschicklichkeits-Wettbewerbe, bei denen man verschiedene Herausforderungen meistern musste. Auch hier zeigte Margret Fusbahn beachtliche Leistungen: Nur einen Monat nach ihrem Höhenrekord gewann sie an einer Veranstaltung in Bonn den ersten Platz für die Ziellandung und den zweiten Platz für den Postsack-Abwurf. Beim anspruchsvollen Geschicklichkeitswettbewerb Rheinland-Befreiungsflug wurde sie vierte von 65 Teilnehmenden und liess damit viele bekannte männliche Piloten hinter sich.

Doch der Höhenrekord und die Geschicklichkeitswettbewerbe waren bald nicht mehr genug. Das fliegende Ehepaar suchte das Weite. Im Oktober 1932 brachen Margret und Ludwig-Werner Fusbahn vom Flugplatz Sternenfeld in Basel auf nach Abessinien, dem heutigen Äthiopien. Eine Strecke von 11’000 Kilometern in mehreren Etappen über die Alpen und das Mittelmeer. Die beiden übernahmen abwechselnd den Steuerknüppel. Per Telegramm vermeldeten sie die erfolgreiche Landung in Addis Abeba.

1937 reiste Margret Fusbahn mit einer Freundin mit dem Auto sechs Monate durch Afrika: von Algerien durch die Sahara bis nach Kamerun. Nach ihrer Rückkehr liess sie sich von ihrem Mann scheiden – die Ehe war kinderlos geblieben. Sie verliess die Schweiz und zog nach Angola, um einen 16 Jahre älteren Portugiesen zu heiraten, den sie während der Rückreise von Afrika auf dem Schiff kennengelernt hatte.

Die beiden zogen zusammen nach Sintra in Portugal. 1942 kam dort ihre Tochter Belizanda zur Welt, ein Jahr später deren Schwester Hortensia. Für die Mutter Margret bedeutet dies das Ende ihres Lebens als Pilotin, obwohl sie gerne in die Lüfte zurückgekehrt wäre, wie sich die Tochter Belizanda im Jahr 2017 im «St. Galler Tagblatt» erinnerte: «Als wir Kinder da waren, meinte mein Vater, es sei besser, damit aufzuhören.» Im Jahr 2001 starb Margret Fusbahn im Alter von 93 Jahren in Sintra.

Auch wenn ihre Karriere nur rund zehn Jahre dauerte, Margret Fusbahn liebte das Fliegen über alles. Das wird deutlich, als sie im Buch «Frauen Fliegen» von ihrem schönsten Flug, einem über die Alpen, erzählt: «Ich wünsche jedem Menschen in seinem Leben mal einen Alpenflug.» Bei der Geburt solle jede und jeder ein Billett für einen solchen Flug erhalten, wünschte sich die Pionierin. «Dann wüsste jeder Mensch, warum er lebt.»

Ostschweizer Pioniergeist

Menschen, welche das Leben in der Schweiz und manchmal sogar im Ausland veränderten: Solche Pioniere gab und gibt es auch in der Ostschweiz. Higgs startet ins Jahr 2020 mit dieser Langzeitserie, welche am Ende ein Buch werden wird – ganz nach dem Vorbild des Vorgängerprojektes «Zürcher Pioniergeist». higgs porträtiert bekannte aber auch noch unbekannte Persönlichkeiten, die Pionierleistungen erbrachten. Wir stöbern in den Archiven, reden mit Nachkommen oder gleich mit den Pionieren und Pionierinnen selber. Den Anfang der Serie machen Porträts von herausragenden Frauen. 
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