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Kurzatmigkeit, Erschöpfung, Geruchsstörungen, Konzentrationsprobleme. An diesen und weiteren Symptomen kann man noch viele Monate nach einer Sars-CoV-2-Infektion leiden. Man spricht von Long Covid oder einer Post-Covid-19-Condition. Nach der Definition der WHO sind die Symptome mindestens drei Monate nach dem Auftreten von Covid-19 vorhanden und können nicht durch eine andere Diagnose erklärt werden. Die Symptome können nach der anfänglichen Genesung von einer akuten Covid-19 Erkrankung neu auftreten oder von Beginn an vorhanden sein.

Dominique de Quervain

Der Neurowissenschaftler und Stressforscher Dominique de Quervain ist Direktor der Abteilung Kognitive Neurowissenschaften an der Universität Basel. Seit Beginn der Pandemie beschäftigt er sich intensiv mit den psychischen Auswirkungen der Gesundheitskrise und lancierte die Swiss Corona Stress Study. Bis Mitte April 2021 war de Quervain Mitglied der Covid-19 Science Taskforce.

Wie häufig ist Long Covid?

Bezüglich Häufigkeit gibt es zwischen den Studien grosse Unterschiede. Mögliche Ursachen für diese Heterogenität sind unter anderem studienspezifische Unterschiede bei den untersuchten Symptomen, beim Alter und Geschlecht der Patienten, beim Schweregrad der Ersterkrankung und bei der Dauer seit der Infektion. Studien, welche für das Vorkommen von Symptomen ohne Zusammenhang mit Covid korrigiert haben, berichten Prävalenzraten zwischen acht und 28 Prozent. 

Neurologische Symptome

Fatigue, also starke Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, sowie Störungen des Kurz- und Langzeitgedächtnisses gehören zu den häufigsten Long Covid Symptomen. Wie es dazu kommt, ist noch weitgehend ungeklärt. Möglich wäre eine direkte Schädigung der Nervenzellen durch eine Virusinvasion des Gehirns. Tatsächlich haben Autopsiestudien Sars-CoV-2 im Gehirn von Covid-19 Verstorbenen nachgewiesen. Noch ist aber ungeklärt, inwiefern anhaltende neurologische Symptome auf eine mögliche Viruspersistenz im Gehirn zurückgehen. Denkbar sind auch indirekte Effekte der Infektion über langfristige Veränderungen des Immunsystems, beispielsweise über die Bildung von Autoantikörpern oder über eine veränderte Regulation von Immunbotenstoffen. Die Sars-CoV-2 Infektion wurde auch mit Veränderungen in der Struktur und Funktion des Gehirns in Verbindung gebracht. So zum Beispiel in einer noch nicht begutachteten Studie mit Daten aus der UK-Biobank, in welcher Gehirn-Scans vor und nach einer Sars-CoV-2 Infektion verglichen wurden und eine Abnahme der grauen Substanz in für Geruch, Gedächtnis und Emotionen wichtigen Hirnregionen festgestellt wurde. Allerdings wurde nicht untersucht, inwiefern diese Veränderungen mit neurologischen Symptomen zusammenhängen. Bislang gibt es noch keine Therapien der neurologischen Symptome bei Long Covid, aber es wird intensiv danach geforscht. Basierend auf unseren Studien zu den molekularen Grundlagen des Gedächtnisses planen wir bald eine Medikamentenstudie bei Long Covid mit kognitiven Symptomen.

Kann die Impfung Long Covid verhindern?

Die Covid-Impfung ist sehr effektiv in der Verhinderung schwerer Verläufe. Aber verhindert sie im Fall einer Durchbruchsinfektion auch das Risiko, an Long Covid zu erkranken? Die Studienlage hierfür ist sehr heterogen. Die Spannbereite geht von keinem Effekt, über eine altersabhängige Reduktion, bis hin zu einer Halbierung des Risikos und mehr. Klar ist, dass nur die Vermeidung einer Infektion das Long Covid Risiko auf null bringt. Während die Impfungen einen sehr guten Schutz gegen Infektionen bei Delta verzeichneten, ist der Infektionsschutz bei Omikron stark reduziert, was sich in den vielen Ansteckungen unter Geimpften widerspiegelt. Hier bleibt zu hoffen, dass der Omikron-spezifische Impfstoff den Infektionsschutz wieder auf weit über neunzig Prozent steigert.

Wie häufig ist Long Covid bei Omikron?

Das ist die grosse Unbekannte. Alles was wir über Long Covid wissen, stammt aus der Zeit vor Omikron. Im Vergleich zu Delta, ist Omikron ja glücklicherweise weniger pathogen für die Lunge. Ob Omikron auch weniger pathogen für andere Organe ist und weniger häufig zu Long Covid führt ist derzeit nicht bekannt. Erste Daten können wir im April erwarten. Angesichts des enorm grossen Infektionsgeschehens bei Omikron sollte gelten: Hope for the best, prepare for the worst.

Long Covid gehört auf die politische Agenda

Der ganze Fokus der Politik lag bei Covid-19 stets auf der akuten Belastung des Gesundheitssystems. Erst in der jüngsten Vergangenheit scheint das Thema Long Covid in der Politik langsam anzukommen. Während Studien von einer grossen Anzahl an Long Covid Patientinnen und Patienten ausgehen, ist das Ausmass der gesundheitlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen von Long Covid in der Schweiz weitgehend unbekannt. Einzig von der Invalidenversicherung weiss man, dass sich letztes Jahr 1700 Personen wegen Long Covid gemeldet haben. Das sind wohlgemerkt nur die von der Erkrankung am stärksten Betroffenen. In Grossbritannien ist Long Covid mittlerweile einer der häufigsten Ursachen für langfristige Abwesenheit vom Arbeitsplatz, wie die Financial Times berichtet.

Es ist höchste Zeit, dass das Thema Long Covid in der Schweiz auf die politische Agenda kommt. Die Einrichtung eines nationales Meldesystem würde helfen, die Auswirkungen von Long Covid auf die Gesundheitsversorgung und den Arbeitsmarkt abschätzen zu können. Dann sollte Long Covid in die Überlegungen zur Pandemieprävention und Impfstrategie einfliessen und die Bevölkerung sollte aktiv über die Risiken von Langzeitfolgen informiert werden. Und natürlich sollte auch in die Forschung investiert werden. Die National Institutes of Health (USA) hat für die Erforschung von Long Covid kürzlich 470 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt.

Klartext

Fünf hochkarätige Forscherinnen und Forscher schreiben im «Klartext» pointiert und faktenbasiert ihre Meinung zu einem selbst gewählten wissenschaftlichen Thema. Das wissenschaftliche Quintett setzt sich zusammen aus Dominique de Quervain, Neurowissenschaftler (Uni Basel), Sophie Mützel, Soziologin (Uni Luzern), Martin Röösli, Umweltepidemiologe (Swiss TPH), Monika Bütler, Ökonomin (Uni St. Gallen) sowie dem Klimaforscher Reto Knutti (ETH Zürich).
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