Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

«Nichts gelernt haben die Leute, gar nichts!», enervierte sich ein Besucher aus der Deutschschweiz. Schon fünf Jahre zuvor hatte ein Bergrutsch in Peccia 27 Häuser und Ställe verschüttet. «Und jetzt? Wieder genau dasselbe!» Die Leute hatten nicht aufgehört, die Hänge abzuholzen. Sie hatten ihre eigenen Gesetze missachtet und sogar den Forst angegangen, der sie vor Lawinen und Murgängen schützen sollte.
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Die Einheimischen sahen die Sache naturgemäss anders: Sie hatten schlicht keine andere Wahl. Das Tessin war bitter arm und schuld daran waren nicht zuletzt die Miteidgenossen. 300 Jahre lang war das Tessin «Untertanengebiet» gewesen. 300 Jahre Korruption und Tyrannei, in denen sich das Gebiet kaum entwickelt hatte. Rechtlich hatte sich die Lage seit dem Wiener Kongress zwar deutlich verbessert.

Arm war man trotzdem noch. Also exportierten die Ticinesi, was sie hatten: Arbeitskräfte und Holz. Zehntausende waren schon in die Lombardei gegangen, Tausende nach Übersee. Und Mailands Hunger nach Bau- und Brennholz war quasi grenzenlos. Das ganze Jahr über war von den Berghängen das Klopfen der Holzfäller zu hören. Beispielsweise über Peccia.

Dort legten die Männer im Winter Eiskanäle an, auf denen sie die Stämme ins Tal schickten. Beim Dorf hatten sie ein Wehr errichtet; 20 Meter hoch, 80 Meter breit. Der See, der so entstand, diente als Holzlager. Eine Brücke, vier Heuschober und vier Mühlen waren darin versunken. Wenn der See im Frühling geleert wurde, schwemmten die Wassermassen hunderte Stämme die Maggia hinunter in den Lago Maggiore. Zwischen Tenero und Locarno stauten sich die Stämme wieder und bedeckten den See als eine einzige riesige Holzdecke. Gegen 100 000 grosse Stämme verliessen das Tessin jedes Jahr in Richtung Lombardei. Hinzu kam ein Vielfaches an Kleinholz.

Die Bemühungen zur Aufforstung scheiterten an den Holzhändlern, den Ziegen und der Korruption. So ging der Kahlschlag bis in die 1860er-Jahre ungemindert weiter. Am Ende waren viele einst dicht bewaldete Täler kahl. Als in den 1870er-Jahren die Gotthardbahn gebaut wurde, musste das Tessin Holz für die Bauarbeiten importieren.

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