Das musst du wissen

  • Eine Alternative zum gemeinsamen Weihnachtsessen sind Videochats mit den Verwandten.
  • Doch bei der digitalen Kommunikation gehen wichtige soziale Signale, wie Augenkontakt und Körpersprache verloren.
  • Trotzdem hilft diese Art des Miteinanders, sich sozial sicher zu fühlen und psychisch gesund zu bleiben.
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Die ganze Familie an einem Tisch vereint, zusammen Essen und Feiern, und gemeinsam Singen neben dem geschmückten Christbaum – all das gehört für viele zu einer richtigen Weihnachtsfeier. Doch all diese Traditionen sind schlecht mit den Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus vereinbar. Da können wir von Glück reden, dass wir im Jahr 2020 leben. Verwandte und Bekannte können wir ganz einfach per Videochat zur Feier dazu schalten. Doch welchen Einfluss hat die vermehrte Kommunikation ohne ein direktes Vis-à-vis auf unser Sozialleben?

Digitale Kommunikation bricht mit der menschlichen Natur

Unser Sozialleben hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Einen Anfangspunkt dieser Veränderung könnte man 1971 setzten – in diesem Jahr wurde die erste E-Mail versendet. Heute nutzen über 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung digitale Plattformen zur Kommunikation. Doch digitale Treffen können die physische Interaktion nicht vollständig ersetzen.

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Eines der grössten Defizite digitaler Kommunikation ist die fehlende Körpersprache und die Stimme. Online wird oft nur in Text kommuniziert, wobei viele wichtige Informationen verloren gehen. Zum Beispiel erkennen wir die Gedanken und Gefühle einer Person viel klarer, wenn wir ihre Stimme am Telefon hören, im Vergleich zu einer simplen Textnachricht. Auch ohne die sprechende Person zu sehen, nehmen wir über die Stimme feine Unterschiede, die auf Humor, Sarkasmus oder Traurigkeit hinweisen, wahr.

Gespräche ohne Augenkontakt

Doch heute können wir dank diverser Geräte und Programme unsere Gesprächspartner nicht nur hören, sondern auch im Videochat sehen. Doch auch bei einer solchen Interaktion geht einiges verloren, beispielsweise der Augenkontakt. In einem Videochat kann dieser nicht aufgebaut werden, denn es ist nicht möglich, in die Kamera zu schauen und gleichzeitig das Gegenüber anzusehen. Um Augenkontakt herzustellen müssen wir unsere Augenbewegungen dem Gegenüber anpassen. Diese Synchronisation findet auch im Hirn statt: Wenn wir unter Augenkontakt mit jemandem reden, spiegeln wir Teile der Hirnaktivität des anderen. Wie genau dieser Prozess funktioniert, muss noch erforscht werden. Klar ist allerdings, dass er zu sozialer Bindung unter Menschen beiträgt. Studien zeigen, dass diese Synchronisation auch bei zeitgleichen Konversationen an einem Bildschirm wenig bis gar nicht auftreten.

Ein weniger auffälliger, aber doch sehr wichtiger Teil des Augenkontakts ist das Blinzeln. Diese extrem kurze Bewegung drückt unterbewusst unsere Aufmerksamkeit aus und ändert sich je nach Gemütslage. Zusätzlich synchronisieren wir unser Blinzeln auch mit unseren Gesprächspartnern, wenn wir ihnen in die Augen schauen. Ähnlich wie die Gehirnaktivität. Eine Studie zeigt, dass in einem Gespräch der Zuhörer meist etwa eine halbe Sekunde nach dem Sprechenden blinzelt. Beim Schauen eines Videos findet diese Nachahmung des Blinzelns nicht statt. Forschende nehmen deshalb an, dass das Blinzeln eine wichtige Rolle für die reibungslose Kommunikation zwischen Menschen spielt.

Warum du trotzdem öfter videochatten solltest

Obwohl digitale Kommunikation nicht an ein physisches Treffen herankommt, ist sie in Zeiten von Quarantäne und Social Distancing eine gute Alternative. Dies zeigt eine Studie von Forschenden der Universität in Milano. Sie untersuchten Kommunikationsverhalten der Menschen während dem Coronavirus-Ausbruch und dem darauffolgenden Lockdown in Italien im Frühling dieses Jahres.

Science-Check ✓

Studie: Together Apart: The Mitigating Role of Digital Communication Technologies on Negative Affect During the COVID-19 Outbreak in ItalyKommentarDies ist ein Kommentar der Autorin / des AutorsDie Studie wurde mit einer grossen Anzahl an Probanden durchgeführt, was ihr Glaubwürdigkeit verleiht. Allerdings stammen die Probanden aus einem vom Virus stark betroffenen Gebiet. Es ist also möglich, dass an Orten mit weniger Einschränkungen digitale Kommunikation einen weniger grossen Effekt hat.Mehr Infos zu dieser Studie...

Die Autoren der Studie befragten 465 Erwachsene zu ihren Kommunikationsaktivitäten während des Lockdowns. Zusätzlich beobachteten sie die Wahrnehmung der sozialen Unterstützung der Testpersonen und ob sie unter negativen Gefühlen wie Einsamkeit, Reizbarkeit, Langeweile, Wut oder Angst litten. Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass Menschen, die öfter digital mit anderen kommunizierten, sich sozial stärker unterstützt fühlten und weniger mit negativen Gefühlen zu kämpfen hatten.

Auch wenn eine digitale Weihnachtsfeier nicht die gleichen Vorteile bringt wie ein physisches Treffen, ist sie doch besser als den Liebsten ganz fern zu bleiben. Unser Tipp für eine Extraportion besinnlicher Atmosphäre: Den Hintergrund des Videocalls weihnachtlich einrichten. So kommt auch über das Tablet oder den Laptop Stimmung auf.

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