Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

Am Ende entschieden Zentimeter. Nach über dreieinhalb Stunden grossartigsten Tennis’ blickten die Spieler, die Zuschauer in Melbourne und an den Bildschirmen auf eine Computeranimation. Drin. Der Ball hatte die Linie getroffen, Federer hatte gesiegt. Nach fünf Jahren ohne Grand Slam Titel hatte er es noch einmal geschafft. Zum 18. Mal. Nach einem halben Jahr Pause, nach einem fantastischen Tournier und natürlich: gegen Rafael Nadal.

Federer spielen zu sehen, erklärte David Foster Wallace in einem Aufsatz 2006, sei eine religiöse Erfahrung. Weil nur dieser jene Federer-Momente zu kreieren verstehe, jene Augenblicke der Überschreitung des physikalisch Möglichen. Federers Spiel war mühelos und leicht, kraftvoll und elegant und er schaffte es, das alte Tennis mit dem neuen zu versöhnen.

Lange war Tennis mit Holzschlägern gespielt worden: Serve and Volley, Schnelligkeit und viel Bewegung, Witz und Kreativität. Mit den Graphit-Schlägern wurde das Spiel athletischer, ausgelegt auf Powerduelle von der Grundlinie. Die Spieler bewegten sich weniger wie Tänzer und mehr wie Boxer. Bis auf Federer, sein Spiel war das eines tänzelnden Boxers.

Federers Spiel hatte eine literarische Dimension. Federers Sieg gegen sein Idol Sampras 2001, sein ewiger Kampf mit seinem grandiosen Widersacher Nadal, seine Reifung vom ungestümen Youngster zum magistralen Gentleman, die Überrundung des Altmeisters durch die Jungen, die Durststrecke des abgeschriebenen Champions und dieses Sensationelle Comeback in Australien 2017. Dass Federer auf dem Platz stoisch und daneben oft perfekt oder besser gesagt: langweilig wirkte, störte dabei kaum. Es verlieh ihm vielmehr den Anschein eines antiken Helden.

Für die Schweiz war der Baselbieter ein historischer Glücksfall – gerade in jener Zeit. Denn der Ruf des Landes hatte seit dem Ende des Kalten Krieges gelitten. Das Land war in Europa schlecht integriert, in der Welt stand es bis 2002 abseits. Finanzskandale um Raubgold und nachrichtenlose Vermögen, um Geldwäsche und Bankgeheimnis hatten das Image ramponiert; dubiose Rohstoffhändler, halbseidene Verbände und steueroptimierende Grosskonzerne hatten ebenfalls nicht gerade zu seinem Ansehen beigetragen.

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Federer – und wenn grad nicht er, dann eben Stan Wawrinka – machte das alles vergessen. Die Spieler brachten das Land im Alleingang mit Good News auf die Titelseiten der Welt. Und spätestens als Roger und Stan auch noch den Davis-Cup gewannen, wandte am Monte San Giorgio ein versteinerter Ticinosuchus seinen Kopf und sagte zum versteinerten Ticinosuchus gleich neben ihm: «Schon verrückt, was in so ein paar Millionen Jahren alles passiert.»

Und damit sind wir am Ende der Zeitreise-Serie. Vielen Dank fürs Mitlesen! Hier findest du alle Beiträge.

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