Im Jahr 1959 hat die amerikanische Ölindustrie ihr hundertjähriges Bestehen gefeiert. Der Gastredner des vom American Petroleum Institute organisierten Anlasses war der Physiker Edward Teller, einer der Architekten des amerikanischen Atomwaffenprogramms. Wahrscheinlich hatte er das Thema seines Vortrages nicht mit den Organisatoren abgesprochen, denn er wies vor den versammelten Vertretern der Ölindustrie auf die katastrophalen Folgen der Nutzung fossiler Brennstoffe hin. Ganz nüchtern stellte Professor Teller fest, dass das Kohlendioxidmolekül infrarote Strahlung sehr gut absorbiert, weshalb eine Erhöhung der CO2-Konzentration der Atmosphäre selbstverständlich zu einer Erwärmung des Planeten führen würde. Das daraus resultierende Schmelzen der Polkappen würde zu einem Anstieg des Meeresspiegels führen, welcher die Lebensgrundlagen vieler Millionen von Menschen gefährden und sämtliche grosse Hafenstädte der Welt unbewohnbar machen würde.

Henrik Nordborg

Physiker und Spezialist für erneuerbare Energien

Henrik Nordborg ist Professor, Institutspartner am Institut für Energietechnik sowie Leiter des Studiengangs Energie- und Umwelttechnik an der HSR Hochschule für Technik Rapperswil.

So einfach ist es. In seiner Rede hat sich Professor Teller nicht mit Politik auseinandergesetzt, sondern lediglich mit den Absorptionseigenschaften des CO2-Moleküls, die spätestens seit der Entdeckung der Quantenmechanik bestens verstanden sind. Wie viel Applaus er mit seiner Rede geerntet hat, wissen wir nicht. Offensichtlich haben die Ölfirmen seine Prophezeiungen hinreichend ernst genommen, um sich selbst mit der Klimaforschung zu beschäftigen. Ein interner Bericht der Ölfirma Exxon aus dem Jahr 1982 enthält eine erschreckend genaue Vorhersage der globalen Erwärmung: Die Ölfirmen wussten damals schon, dass die Erde heute etwa ein Grad zu warm sein wird und es war ihnen also schon vor 40 Jahren klar, dass sie die Erde zerstören würden. Sie haben dies nicht ignoriert, sondern viel Aufwand und Geld investiert, um die Verbreitung dieses Wissens zu verhindern.

Die CO2-Konzentration der Atmosphäre wird seit 1958 kontinuierlich gemessen und die Daten sind öffentlich zugänglich. Wer diese plottet, erhält die sogenannte Keeling-Kurve, die viele interessante Informationen enthält.

Grafik, die die CO2-Konzentration der Atmosphäre seit 1958 darstellt.Henrik Nordborg

Die CO2-Konzentration der Atmosphäre seit Ende 1958. Die jährlichen Oszillationen zeigen das Atmen des Planeten und haben eine Amplitude von etwa 4 ppm.

Erstens sieht man, dass wir jetzt einen Wert von mehr als 415 ppm = 0,41 Promille erreicht haben. So viel CO2 in der Atmosphäre gab es seit mindestens 3 Millionen Jahren nicht mehr. Wer so viel Alkohol im Blut hat, darf in vielen Ländern Europas nicht mehr Auto fahren. Zweitens steigt diese Konzentration immer schneller an. Die jährliche Zunahme beträgt heute etwa 2,4 ppm und ist etwa dreimal höher als in den 60er Jahren, was mit dem steigenden Energieverbrauch der Menschheit zu erklären ist. Wenn man den Anstieg der CO2-Konzentration mit den jährlichen Emissionen vergleicht, stellt man einen einfachen linearen Zusammenhang fest: Es braucht 17 Milliarden Tonnen (17 Gt) CO2 um die atmosphärische Konzentration um 1 ppm zu erhöhen. Wenn wir unter 435 ppm bleiben wollen, darf die Konzentration nur um weitere 20 ppm ansteigen, weshalb wir maximal 17 x 20 = 340 Gt CO2 ausstossen dürfen. Dies entspricht in etwa dem CO2-Budget, der im Sonderbericht des IPCC zum 1,5-Grad-Ziel berechnet wurde: Um mit 67 Prozent Wahrscheinlichkeit unter 1,5°C globaler Erwärmung zu bleiben, darf die Menschheit inzwischen maximal 360 Gt CO2 ausstossen, oder etwa 45 Tonnen pro Kopf.

Diese Aussage ist sehr problematisch. Wer hat entschieden, dass eine Wahrscheinlichkeit von 67 Prozent genügt? Ich würde nie in ein Flugzeug steigen, wenn die Wahrscheinlichkeit eines Absturzes ein Drittel betrüge. Wenn wir eine Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent verlangen, gibt es schon längst kein CO2-Budget mehr. Zweitens wissen wir, dass die Auswirkungen des Klimawandels schon jetzt, bei einer Erwärmung von etwa 1°C, viel grösser als erwartet und nicht akzeptabel sind. Jede weitere Erhöhung der Erdtemperatur wird zusätzliche Tote fordern. Selbstverständlich wäre eine Erwärmung von 1,5°C weniger schlimm als 2,0°C, aber es gibt keine magische Grenze, unter der wir keine Probleme haben.

Somit vermittelt die oben dargestellte Keeling-Kurve eine deutliche Botschaft, die für die Menschheit viel relevanter ist als irgendwelche Börsenkurse. Solange die CO2-Konzentration steigt, ist die Klimapolitik gescheitert. Wenn sie immer schneller steigt, was heute der Fall ist, gibt es nicht einmal ansatzweise eine Klimapolitik.

Wieso engagieren sich junge Menschen so für den Klimaschutz? Weil sie sterben werden, wenn sie es nicht tun.

Zusätzlich zur direkten Erderwärmung gibt es weitere gute Gründe unter der roten Kurve bei 435 ppm zu bleiben. Wenn die CO2-Konzentration in der Atmosphäre steigt, nehmen die Gewässer auch mehr CO2 in Form von Kohlensäure auf. Der pH-Wert der Weltmeere sinkt somit, was die Wissenschaft unter dem Begriff Ozeanversauerung (ocean acidification) diskutiert. Meerestiere mit kalkhaltigen Schalen haben damit ein ernsthaftes Problem. Das CO2 löst sich aber auch im Blut eines Menschen, weshalb der pH-Wert unserer Körper als direkte Konsequenz der CO2-Emissionen kontinuierlich sinkt. Auch wir werden saurer. Die meisten Gebäudelüftungen sind mit CO2-Sensoren ausgerüstet, welche die Konzentration in der Raumluft unter 900 ppm halten sollen. Über die langfristigen Folgen einer Konzentration von 500 ppm scheint erstaunlich wenig bekannt zu sein. Wir werden es aber bald herausfinden, denn wir machen gerade ein unkontrolliertes und irreversibles Experiment mit dem einzigen bewohnbaren Planeten im uns bekannten Universum. Persönlich bin ich für ein Ziel von 350 ppm. So hoch war die CO2-Konzentration, als ich das Gymnasium abgeschlossen habe. Mein Vater kann sich noch an eine Konzentration von 300 ppm erinnern. Damals konnte man noch frische Luft atmen.

Eine wichtige Aufgabe des IPCC ist es, Szenarien für Erderwärmung auszuarbeiten. Die grosse Unsicherheit dabei ist nicht die Physik, sondern der anthropogene Ausstoss von Triebhausgasen, der vom Energieverbrauch abhängig ist. Da die Ölfirmen diesen gut vorhersagen können, sind ihre Klimaprognosen auch erschreckend gut. Meistens werden die Klimaszenarien bis ins Jahr 2100 dargestellt. Es gibt viele junge Menschen, die noch weitere 80 Jahre leben werden und somit diese Entwicklung erleben werden. Für sie ist es sehr relevant, ob die Erde sich bis im Jahr 2100 um 2°C oder 6°C erwärmt. Wieso engagieren sich junge Menschen so für den Klimaschutz? Die banale Antwort lautet, dass sie sterben werden, wenn sie es nicht tun.

Seit mindestens 30 Jahren wird die Klimaerwärmung als grosse Bedrohung für die Menschheit bezeichnet, ohne dass wir bereit sind, etwas dagegen zu unternehmen. Wie kann das sein? Die Antwort ist verblüffend einfach: Die globale Wirtschaftsleistung ist mit dem CO2-Ausstoss perfekt korreliert: Jede Tonne CO2 erhöht das globale BIP um etwa $2800. Wer Geld als «Kohle» bezeichnet, liegt also nicht falsch. Da das Wirtschaftswachstum in der heutigen Welt heilig ist, hat die Politik den Begriff nachhaltiges Wachstum erfunden. Die Idee ist, dass die globale Wirtschaft weiterhin wachsen soll, aber dass die CO2-Emissionen trotzdem irgendwie zurückgehen werden. Diese Hoffnung wird in Abbildung 2 dargestellt. Zwei Grössen, die während der letzten 50 Jahre perfekt korreliert waren, sollen sich plötzlich entkoppeln. Die Frage, ob es doch nicht notwendig wäre, die Wirtschaftsleistung zugunsten der Umwelt zu senken, darf nicht gestellt werden. Es ist als würde man auf der Autobahn mit voller Geschwindigkeit durch dichten Nebel fahren. Statt die Geschwindigkeit zu reduzieren, was problemlos möglich wäre, wettet man darauf, dass die Fahrbahn frei sein wird.

Die globale Wirtschaftsleistung (GDP) in Billionen USD (Constant 2010 US$) und die CO2-Emissionen in Milliarden Tonnen (Gt). Eine Halbierung der Emissionen in zehn Jahren bedeutet eine jährliche Abnahme von 6,7 Prozent. Ein Wirtschaftswachstum von mindestens +2 Prozent wird von den G20-Staaten als Minimalziel betrachtet.Henrik Nordborg

«Es passiere ein Wunder». Die globale Wirtschaftsleistung (GDP) in Billionen USD (Constant 2010 US$) und die CO2-Emissionen in Milliarden Tonnen (Gt). Eine Halbierung der Emissionen in zehn Jahren bedeutet eine jährliche Abnahme von 6,7 Prozent. Ein Wirtschaftswachstum von mindestens +2.0 Prozent wird von den G20-Staaten als Minimalziel betrachtet.

Auf ein Wunder zu hoffen ist aber keine Strategie! Die meisten von uns sind durchaus bereit Geld für eine Brandschutzversicherung auszugeben, auch wenn wir natürlich hoffen, dass das Haus nie brennen wird. Wir zahlen auch für Lebens- und Krankenversicherungen, auch wenn wir weder krank werden noch sterben wollen. Nur beim Klima unseres Planeten scheint Vorsorgen kein Thema zu sein.

Eine Strategie macht man mit bestehender Technologie. Und mit dieser Technologie gibt es keine Möglichkeit, irgendwelche Klimaziele zu erreichen, ohne die globale Wirtschaftsleistung zu senken. Der Grund ist wiederum einfach: Alle neuen Massnahmen, wie erneuerbare Energie oder effizientere Gebäude, erfordern Energie für ihre Umsetzung oder Herstellung. Eine Solaranlage braucht etwa 3 Jahre, um die für ihre Produktion erforderliche Energie zu erzeugen. Da wir aber im Moment zu wenig erneuerbare Energieerzeuger haben, muss diese Energie durch fossile Energieträger zur Verfügung gestellt werden. Auch wenn wir es im nächsten Jahr schaffen würden, genug Solarpanels für den Gesamtenergiebedarf der Menschheit zu erstellen, hätten wir erst ab 2024 überhaupt einen positiven Effekt auf die CO2-Emissionen. Leider decken die erneuerbaren Energien nur etwa 4 Prozent des globalen Energiebedarfs, der schneller wächst als die erneuerbaren Energien ausgebaut werden können. Deshalb nimmt die Nutzung fossiler Brennstoffe weiterhin zu und das CO2-Budget haben wir in weniger als 10 Jahren sowieso ausgeschöpft. Der Baron von Münchhausen konnte sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen. In der realen Welt geht dies nicht!

«Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst». So hat Karl Kraus das Kriegsgeschehen im ersten Weltkrieg kommentiert. Eine bessere Beschreibung der heutigen Klimakrise gibt es wohl kaum. Obwohl wir alles wissen, schafft es die Gesellschaft nicht, wirkungsvolle Massnahmen zu ergreifen. Stattdessen beschäftigen wir uns mit sinnlosen Diskussionen über Detailfragen. Wir sitzen in einem brennenden Haus und verhandeln über den Preis des Löschwassers. Den Klimawandel noch besser zu verstehen, macht doch wenig Sinn, wenn wir eh nichts dagegen tun wollen. Es ist doch lächerlich, über erneuerbare Energien und Energieeffizienz zu reden, wenn jeder das Recht hat, zu Lasten künftiger Generation 2-4 Tonnen CO2 in die Atmosphäre auszustossen, um lustige Ferien zu haben. Jeder Flieger, der von Kloten abhebt, setzt hunderte von Tonnen CO2 in die Atmosphäre frei. Die Frage, ob jeder Flug wirklich notwendig ist, darf aber nicht gestellt werden.

Ich habe Angst, dass uns so wenig Zeit verbleibt, dass es politisch nicht mehr möglich ist, die Kurve zu kriegen.

Seit Jahrzehnten versuchen wir das Wirtschaftswachstum zu fördern und gleichzeitig die Umwelt zu schützen. Dabei ist es gerade die Wirtschaft, welche die Umwelt zerstört. Das Ganze macht genau so viel Sinn, wie wenn man versucht möglichst viel zu essen, um abzunehmen. Die korrekte Frage ist, wie wir die Wirtschaftsleistung und den Ressourcenverbrauch möglichst schnell senken und trotzdem die Lebensqualität erhalten oder sogar erhöhen können. Im Moment ist der ökologische Fussabdruck der Menschheit um einen Faktor 1.75 zu hoch und wir diskutieren immer noch, ob wir weiterwachsen können. Das ist doch einfach lächerlich! Wir verstehen alle, dass es so nicht weitergehen kann. Diesen Gedanken auszusprechen trauen sich die wenigsten Menschen, da er immer noch in unserer Gesellschaft als Häresie gilt. Die meisten von uns sind immer noch bereit, aus Bequemlichkeit oder Feigheit die wunderschönen Kleider des offensichtlich nackten Kaisers weiterhin zu bewundern.

Gibt es noch Hoffnung für die Menschheit? Selbstverständlich, wenn sie sich vernünftig verhalten würde. Ich habe aber Angst, dass uns so wenig Zeit verbleibt, dass es politisch nicht mehr möglich ist, die Kurve zu kriegen. Das IPCC fordert eine Halbierung der globalen CO2-Emissionen in 10 Jahren. Ein modernes Verkehrsflugzeug oder ein Auto mit Verbrennungsmotor haben eine Lebensdauer von etwa 20 Jahren. Rein arithmetisch heisst dies, dass wir die Produktion heute einstellen müssten, um ihre Anzahl in 10 Jahren zu halbieren. Welche Politiker und Politikerinnen sind heute bereit, einen solchen Entscheid zu treffen? Wer ist bereit, die wirtschaftliche Notbremse zu betätigen?

Als Student an der ETH habe ich immer gescherzt, dass ich dann nach Schweden zurückgehe, wenn die Tigermücke nach Zürich kommt. Dies scheint inzwischen passiert zu sein. Zusammen mit meinem Bruder bin ich dabei, das Refugium auf einer Insel in Schweden aufzurüsten, 20 Meter über dem Meer und selbstverständlich mit Solarpanels. Weinreben haben wir auch angepflanzt, damit uns beim Abwarten des Weltunterganges nichts fehlen wird. «You hope for the best and plan for the worst». Ich hoffe immer noch, dass der Untergang der Menschheit in diesem Jahrhundert vermieden werden kann. Dies ist aber nur möglich, wenn wir endlich den Klimanotstand ausrufen und entsprechende Massnahmen einleiten. Die Lage ist vielleicht nicht ganz hoffnungslos, aber verdammt ernst.

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