Red. Infosperber: Die vor allem durch die schwedische Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg sowie durch die Jugenddemonstrationen und die kürzlich erzielten Wahlresultate angeheizte Debatte zum Klimawandel sieht sich mit sehr unterschiedlichen Sichtweisen konfrontiert. Sie wird zum Teil heftig geführt, und zahlreiche Gruppen reklamieren die Deutungshoheit für sich. Im folgenden Beitrag wird versucht, die Ansichten verschiedener Meinungsgruppen auszuleuchten.

Die Naturwissenschaften sind bestrebt, ein objektives Bild des Klimaverlaufes in Raum und Zeit zu gewinnen. Bio- und Geowissenschaften entwickeln Methoden zur langfristigen Rekonstruktion und Beschreibung des Klimawandels aufgrund natürlicher «Archive» wie Eisbohrkerne, Sedimente, Stalagmiten in Höhlen oder auch Baumringe. Physik und Chemie unterstützen diese Bestrebungen mit anspruchsvollen analytischen Methoden und mit hochaufgelösten Klimamodellen. Die überwiegende Mehrheit der Naturwissenschaftler ist aufgrund der Forschung überzeugt, dass die Ursache des grössten Teils des Klimawandels die vom Menschen produzierten Treibhausgase sind.

Die Ökonomen rechnen …

Die Ökonomie ist unter den Stichworten Energieeffizienz und Kosteneffizienz bestrebt herauszufinden, wie der Einsatz finanzieller Mittel derart optimiert werden kann, dass trotz Emissionsminderungs-Massnahmen möglichst wenig Finanzressourcen vergeudet werden. Unter anderem stellt sich die Frage, wie der Handel mit Emissionszertifikaten organisiert werden soll. Würden diese auf der gesamten Welt pro Kopf verteilt, müssten die Menschen der reichen Länder jenen der ärmeren die Emissionsrechte abkaufen. Prominente Umweltökonomen wie der Deutsche Niko Paech fordern einen massiven Umbau des Wirtschaftssystems. Sie argumentieren, dass die von ihnen empfohlenen Massnahmen zum Schutz der Ressourcen und dem damit verbundenen Verzicht trotzdem mit Annehmlichkeiten und Wohlbefinden verbunden sind.

Die Geistes- und Sozialwissenschaften sind mit der Frage herausgefordert, warum der Grossteil der Bevölkerung zwar überzeugt davon ist, dass der Klimawandel menschgemacht ist und dass einschneidende Massnahmen ergriffen werden sollten, und trotzdem nicht bereit ist, das eigene Verhalten anzupassen. Im Lichte zahlreicher Demonstrationen gegen wirtschaftliche Massnahmen in verschiedenen europäischen Ländern (u.a. Frankreich) stellt sich die Frage, wie weit Eingriffe in die physische und finanzielle Freiheit der Bürgerinnen und Bürger in einem demokratischen System überhaupt akzeptiert werden, oder ob es nicht eine Aufgabe demokratischer Systeme wäre, die Bevölkerung durch sinnvolle Massnahmen zu schützen.

Forschende aus der Archäologie und aus Historischen Instituten gehen der Frage nach, wie Gesellschaften in früheren Jahrhunderten mit einschneidenden Klimaänderungen umgegangen sind.

Die Techniker setzen auf die Technik

Die Rolle der Ingenieurwissenschaften wird immer bedeutender. Sie sind nicht nur aufgefordert, die technischen Konzepte zur Nutzung erneuerbarer Energien wie Sonne, Wind und Geothermie zu optimieren. Wo dies von den Ressourcen her möglich ist, werden grosse Anstrengungen unternommen, die Wasserkraft besser zu nutzen (z.B. durch Erhöhung von Staumauern). Kritische Ingenieure stellen nicht nur die Kosten und die Effizienz der erneuerbaren Energieressourcen in Frage. Sie sind im Zusammenhang mit dem Klimawandel sogar der Ansicht, dass eine neue Generation von Kernkraftwerken Abhilfe schaffen würde. Neuerdings werden trotz grosser Kritik vonseiten der Ökosystemforschung sogar dem Geoengineering (z.B. CO2-Sequestrierung, Eisendüngung des Ozeans, Schwefelinjektionen in die Stratosphäre) Chancen eingeräumt.

Die Juristen denken über Klagen nach

Auch die Rechtswissenschaften rücken vermehrt in den Fokus der Klimadiskussion. Experten des Völkerrechts diskutieren darüber, ob juristische Schritte Erfolg haben könnten, wenn die Vorgaben des Pariser Protokolls von einem beteiligten Staat missachtet werden. Zudem treten immer mehr Organisationen auf, welche Regierungsorgane wegen Folgen des Klimawandels einklagen wollen. In der Schweiz hat die Gruppe der KlimaSeniorinnen auf sich aufmerksam gemacht. Diese Damen haben unsere Regierung (ohne Erfolg) wegen des Klimawandels eingeklagt und argumentieren, sie würden bei Hitzewellen vermehrt hohen Risiken ausgesetzt.

Auch die Bauern sind gefordert

Die Landwirtschaft ist wegen der Treibhausgas-Emissionen durch Tierhaltung und Bodendüngung gefordert. Eine Steigerung der Anzahl Tiere führt zu einer Zunahme der Methanemissionen, und die Stickstoffdüngung des Bodens erzeugt die Ausgasung von Lachgas. Im globalen Massstab führt der Reisanbau zu einer erheblichen Steigerung der Methanemissionen.

… und jetzt die Jugend!

Die demonstrierende Jugend geht mit klaren Argumenten auf die Strasse. Sie fordert allgemein einen massiven Schutz der Ressourcen, insbesondere bei der Nutzung fossiler Brenn- und Treibstoffe. Sie ist fachlich versiert, verfolgt ihre Ziele idealistisch und verzichtet teilweise auf den Einbezug von Fragen der Machbarkeit und der Kosteneffizienz. Sie pocht auf ihr Recht, in Zukunft nicht die Folgen heutiger Fehlplanungen tragen zu müssen. Die Bewegung ist ebenfalls dem Problem ausgesetzt, welches vom prominenten Hamburger Klimaforscher Hans von Storch als «Klimafalle» bezeichnet wird. Er meint damit, dass die Klimaforschenden in eine gefährliche Nähe zur Politik geraten können. Ein kleiner Teil der Klimademonstrierenden betätigt sich auch als Trittbrettfahrer, indem sie versucht, den Schwung der Jugendbewegung für die Durchsetzung antikapitalistischer Ideen auszunutzen.

Die Politik windet sich

Die Politik tut sich allgemein schwer. Sinnvolle Klimaschutz-Massnahmen fallen den extremen Forderungen der Links- und Rechtsparteien zum Opfer. Die Rechte stellt die Bedeutung des menschgemachten Anteils am Klimawandel nach wie vor in Frage und warnt vor hohen Kosten, wodurch die einkommensschwächere und auch die ländliche Bevölkerung benachteiligt werde. Die Linksparteien formulieren teilweise utopische Ziele, welche kaum erreicht werden können. Die Mitteparteien konnten sich mit den aus ihrer Sicht massvollen Vorschlägen bisher nicht durchsetzen.

Was ist zu tun?

Wie ich – als Grossvater – fragen sich viele Bürgerinnen und Bürger, was wir zugunsten der kommenden Generationen unternehmen können, da diese bereits jetzt mit einer grossen Klimahypothek konfrontiert sind. Einerseits ist rasches Handeln angesagt und andererseits führen Extrempositionen kaum zum Ziel. Mit dem Pariser Abkommen ist für viele ein gemeinsamer Nenner gefunden worden, welcher allerdings einschneidende Massnahmen erfordert. Diese werden uns als Individuen und als Gesellschaft betreffen. Ein Wachstumsdenken im bisherigen Sinn ist kaum mehr vertretbar. Trotzdem müssen wir ökonomische Kriterien im Auge behalten und technische Innovationen mit aller Kraft vorantreiben. Dies erfordert einen massiven Einsatz von Kapital. Und vergessen wir eines nie: Der Dialog mit der Jugendbewegung ist eine unabdingbare Voraussetzung!

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Themenbezogene Interessen(-bindung) des Autors: Heinz Wanner war von 1988-2010 Professor an der Universität Bern sowie Gründungspräsident des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung der Berner Universität. Er leitete von 2001 bis 2007 den Nationalen Forschungsschwerpunkt Klima der Schweiz, war Ko-Vorsitzender des internationalen Past Global Changes Programmes PAGES und bis 2015 Mitglied des UNO-Klimarates IPCC.

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