Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragi-schem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

Glarus, 1590: Irgendwer sass auf der Toilette und hatte Bauchschmerzen. Grund dafür war eine eigenartige Pflanze, welche Schweizergardisten aus Italien mitgebracht hatten: die Kartoffel. Zum ersten Mal hatte sie ihren Weg aus der Neuen Welt in die Schweiz gefunden und später irgendwann sollte sie zu einem der wichtigsten Nahrungsmittel werden – jetzt aber wusste man noch nicht viel mit ihr anzufangen. Man betrachtete sie als Zierpflanze, ass ihre Beeren, die grünen oder zu wenig gekochten Knollen und verdarb sich den Magen. So wurde die Kartoffel wenig kultiviert, kaum gegessen und blieb vorläufig, was sie ja ohnehin ist: ein Nachtschattengewächs. Und zwar für knapp 200 Jahre.

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Erst mit den Hungerkrisen von 1770/71 und 1816/17 besserte sich der Ruf der Knolle: Man erkannte, dass sie weniger sensibel ist und höhere Flächenerträge als Getreide liefert. Allerdings erfordert sie auch viel Dünger und noch mehr Arbeit und deshalb startete die Kartoffel erst im 19. Jahrhundert so richtig durch. Ohne sie wäre die schnell wachsende Unterschicht des Industriezeitalters kaum zu ernähren gewesen. Auch in der Vieh- und Schweinemast setzte man nun zusehends auf Kartoffeln und in manchen Gegenden entstand gar eine problematische Abhängigkeit. In den 1840er-Jahren wütete die Kartoffelfäulnis, verursachte Ernteausfälle und trieb viele Leute in die Emigration, insbesondere nach Russland und Übersee.

Eine Rösti mit SpiegeleiVioletta/Pixabay

Die Rösti mauserte sich vom Bauernfrühstück zu einer Leibspeise der Oberschicht und ist mittlerweile ein Nationalgericht geworden.

Der Siegeszug der Kartoffel war trotzdem nicht aufzuhalten, insbesondere Rösti wurde immer beliebter. Zunächst als Bauernfrühstück, später auch als währschafte Speise für die Oberschicht. Sie avancierte zu einem Klassiker und Identitätsstifter der Schweizer Küche und wurde wohl auch während des Zweiten Weltkriegs häufig aufgetischt. Denn für die «Anbauschlacht» wurden auch in Blumenbeeten, auf Fussballfeldern, auf der Zürcher Sechseläutenwiese und sogar direkt neben dem Bundeshaus Kartoffeln angepflanzt. Die Produktion wurde damit verdreifacht.

Linoldruck von Otto Schmid, der den Kartoffelanbau im 2. Weltkrieg Otto Schmid/Wikimedia

Kartoffelanbau während der Anbauschlacht. Der Linolschnitt von Otto Schmid zeigt, wie die «Schülerwiese» in Trogen im Zweiten Weltkrieg zum Acker wurde.

Nach dem Krieg ging der Pro-Kopf-Konsum langsam wieder zurück. Pasta und Reis waren neu, exotisch und oft einfacher und schneller zubereitet. Dabei war die Kartoffel eigentlich auch beim Trend zur schnellen Zubereitung zunächst führend. In der Küche der Nachkriegszeit war der fixfertige Kartoffelstock zum Anrühren wohl der erste und erfolgreichste Convenience-Food. Von den seit 1950 produzierten Kartoffelchips ganz zu schweigen.

KartoffelchipsHans/Pixabay

Kartoffelchips sind seit Mitte des 20. Jahrhunderts ein beliebter Snack.

Was 1590 als Zierpflanze begann, sorgte später für wohlig volle Bäuche. Und inzwischen weiss man auch, was dem armen Tropf mit den Bauchschmerzen geholfen hätte: ein Kartoffelschnaps für die Verdauung.

Digital in die Vergangenheit

Der Blog des Schweizerischen Nationalmuseums publiziert regelmässig Artikel über historische Themen. Diese reichen von den Habsburgern über Auslandschweizer bis hin zu heimischer Popmu-sik, die es zu Weltruhm gebracht hat. Der Blog beleuchtet viele Facetten der Landesgeschichte in den Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch. Mehr dazu gibt es unter: blog.nationalmuseum.ch

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