Benedikt Meyers Zeitreise

Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catillons tragischem Ende und von Henri Dunant bis Iris von Roten.

Die Kelten waren durch den Handel mit den Südländern zu erstem Reichtum gekommen. Und auf den Geschmack nach mehr. Also beschlossen sie, sich deren Schätze fortan statt im Tausch mit Gewalt zu holen. Sie zogen aus, die Welt das Fürchten zu lehren. Zwischen 400 und 100 v. Chr. überquerten sie die Alpen und die Pyrenäen, verwüsteten etruskische Städte, plünderten Rom und heuerten als schlagkräftige Söldner in Kleinasien an. Dort gefiel es ihnen so gut, dass sie zwischenzeitlich sogar die Macht übernahmen.

Daneben hatten die gemäss zeitgenössischen Quellen «rohen, jähzornigen und rauflustigen Gesellen» aber auch eine filigrane Seite: Sie schufen exquisiten Goldschmuck für die damalige Prominenz und zauberten Armringe aus Glas, bei denen bis heute unklar ist, wie sie genau gemacht wurden. Damit das Glück auf ihrer Seite blieb, brachten die Kelten ihren Göttern allerlei Opfergaben dar. Die heiligen Stätten, die sie sich dafür aussuchten, lagen oft an Gewässern – etwa am Neuenburgersee. Als dort der Seespiegel 1857 durch die Juragewässerkorrektion um einige Meter abgesenkt wurde, kamen im «Tène» genannten Ufergebiet rund 2500 Fundstücke zum Vorschein. Viele verschwanden leider auf dubiose Weise und tauchten bei Händlern auf der ganzen Welt wieder auf. Trotzdem gab der aussergewöhnliche Fundort einer ganzen Epoche der jüngeren Eisenzeit ihren Namen: La Tène.

Gegen Ende der La-Tène-Zeit floss die heute fast unsichtbare Zihl noch mäandrierend durch die sumpfige Ebene. Die Kelten überwanden sie mittels langer Brücken, die nach starken Regenfällen oft unterspült waren. Als an einem stürmischen Tag eine Gruppe von 20 Personen mit Lasttieren über eine der Brücken ging, barst der morsche Hauptpfeiler unter der Belastung. Die ganze Sippe versank mit Sack, Pack und Tieren im Sumpf.

Als Archäologen zwei Millennien später ihre Überreste ausgruben, lagen die Toten noch immer eingeklemmt unter den Balken. Die Leichen waren in aussergewöhnlich gutem Zustand und die Forscher staunten nicht schlecht, als sie in drei Schädeln sogar noch Hirnmasse vorfanden. Diese ist heute im Laténium, einem Museum am See, ausgestellt. Voilà, das Keltenhirn. Auch für die übrigen Kelten nahte indes ein Schicksalsschlag: Im Jahr des Brückenunglücks wurde in Rom Gaius Julius Cäsar geboren. Der Mann, der im Alter von 40 Jahren die Kelten unterwerfen sollte.

Digital in die Vergangenheit

Der Blog des Schweizerischen Nationalmuseums publiziert regelmässig Artikel über historische Themen. Diese reichen von den Habsburgern über Auslandschweizer bis hin zu heimischer Popmusik, die es zu Weltruhm gebracht hat. Der Blog beleuchtet viele Facetten der Landesgeschichte in den Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch. Mehr dazu gibt es unter: blog.nationalmuseum.ch

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