Müesli, Musli oder Mussly – kein anderes schweizerdeutsches Wort findet sich in so vielen Sprachen und auf Paketen in Supermärkten rund um die Welt. Doch viele der überzuckerten und mit verschiedensten Zusätzen aufgepeppten Fertigmischungen erinnern nur noch entfernt an die Apfeldiätspeise, die Max Bircher-Benner den Patienten in seinem Sanatorium am Zürichberg servieren liess. Für das Original-Birchermüesli verwendete der Arzt nur frische Äpfel, in Wasser aufgeweichte Haferflocken, Zitronensaft, Kondensmilch und geriebene Nüsse. «D Spys», wie er seine Erfindung nannte, erinnerte ihn an ein Gericht, das ihm eine Sennerin aufgetischt hatte, als er auf einer Bergwanderung in einer Alphütte eingekehrt war.

Der Arzt Bircher-Benner propagierte eine naturnahe Ernährung mit viel Rohkost statt der schweren bürgerlichen Küche – und hatte Erfolg damit. In seinem Sanatorium am Zürichberg erholten sich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts viele prominente Kurgäste wie der Schriftsteller Thomas Mann oder der Dirigent Wilhelm Furtwängler. «Die Patientinnen vergötterten ihn», schreibt der Historiker Albert Wirz in einem Buch über den charismatischen Rohkostpionier. «Bircher-Benner war ein von seinen Ideen erfüllter Arzt, ein Mann voller Sendungsbewusstsein, ein Weltverbesserer und Heilsverkünder.»

Max Bircher-Benner, Birchermüesli essend.Medizinhistorisches Institut und Museum der Universität Zürich, Archiv. PN 11.04.01.17.

Max Bircher-Benner, Birchermüesli essend.

Es begann im August 1867: Ein Grossbrand in Aarau erschreckte die schwangere Berta Bircher-Krüsi so heftig, dass sie ihren Sohn Maximilian Oskar zwei Monate zu früh gebar. «Dass der kleine Erdenbürger überlebte, grenzt an ein Wunder; denn Brutkästen waren damals noch unbekannt», schreibt Wirz. Allerdings kam der Junge mit einem Herzfehler zur Welt, der ihm ein Leben lang zu schaffen machte. Schon früh soll sich der kleine Max für alle Krankheiten in der Familie so auffallend interessiert haben, dass er «das Dökterli» genannt wurde. Bereits während der Schulzeit wusste er, dass er Medizin studieren wollte. Doch sein Vater, ein Notar, verlor wegen einer Bürgschaft sein Vermögen. «Nur dank der gütigen Hilfe von Freunden wurde mir das Studium ermöglicht», schreibt Bircher-Benner in seiner Autobiographie.

«Bircher-Benner war ein von seinen Ideen erfüllter Arzt, Weltverbesserer, Heilsverkünder.» Albert Wirz, Historiker

1891 eröffnete er eine Praxis im Industriequartier der Stadt Zürich. Zwei Jahre später heiratete er eine reiche Apotheker-Tochter, Elisabeth Benner. Der junge Arzt behandelte alle möglichen Krankheiten, musste aber auch miterleben, wie oft Alkoholmissbrauch Menschenleben und Familienglück zerstörte. Einmal sei er gerufen worden, weil es in der Wohnung von Mietern so still geworden war, berichtet er: «Nach Aufbrechen der Türe bot sich mir ein furchtbarer Anblick: Auf dem Bett lagen zwei kleine, erdrosselte Kinderchen, die Ärmchen des einen ums andere gelegt; an der Türe hing erhängt die tote Mutter mit einem misslungenen Schnitt am Halse.» Der Alkohol- und Morphium-abhängige Ehemann hatte seine Frau verlassen.

Das Sanatorium Lebendige Kraft am noch unverbauten Zürichberg im Eröffnungsjahr 1904.Medizinhistorisches Institut und Museum der Universität Zürich, Archiv. IN 47.08.01.01.

Das Sanatorium Lebendige Kraft am noch unverbauten Zürichberg im Eröffnungsjahr 1904.

Als Arzt selbst alkoholabstinent wollte Bircher-Benner ein gutes Vorbild sein; doch die Arbeit frustrierte ihn, weil er die meisten Krankheiten nur unzureichend behandeln konnte. «Da kam im vierten Jahre meiner Praxis das Ereignis, das meine Arzttätigkeit völlig wandeln sollte», schreibt er. Bircher-Benner behandelte eine Frau, die aufgrund einer Magenkrankheit abgemagert und bettlägerig war. Wochenlange Anstrengungen brachten keine Besserung. «Mein Latein war zu Ende; ich hielt den Fall für hoffnungslos», berichtet der Arzt. Auf Anregung eines Bekannten, der sich vegetarisch ernährte, verschrieb Bircher-Benner der Patientin eine Rohkostdiät. Schon zuvor hatte er am eigenen Leib erfahren, wie gut ihm Äpfel bekamen, als er unter Gelbsucht litt. Doch er zweifelte, ob der schwache Magen seiner Patientin solche Kost vertrage. Wider Erwarten ging es der Kranken schnell besser. «Die Kräfte nahmen zu, und die Patientin konnte das Bett verlassen», schreibt der Arzt: «Sie war schon lange nicht mehr so wohl gewesen.»

Speisesaal des Sanatoriums um 1909.Medizinhistorisches Institut und Museum der Universität Zürich, Archiv. IN 47.08.05.03.

Speisesaal des Sanatoriums um 1909.

1897 gab Bircher-Benner seine Praxis in Zürich-Aussersihl auf und eröffnete eine Privatklinik, auf die sieben Jahre später ein Sanatorium am Zürichberg folgte. «So konnte ich nun die Ernährung ordnen und überwachen, um ihren Wirkungen sicherer nachzuforschen», schreibt er. Seine Theorie tönte allerdings schon damals recht abenteuerlich: Weil in frischen Pflanzen besonders hochwertiges Sonnenlicht gespeichert sei, sprach er von «Sonnenlichtnahrung». Gekochte Speisen hätten dagegen eine schlechtere Energiequalität. Fleisch wies er einen besonders geringen Nährwert zu, weil das Tier die hochwertige Energie aus den Pflanzen für sein eigenes Leben schon weitgehend verbraucht habe. «Wir werden nicht durch Kalorien, sondern durch Lichtquanten ernährt», so seine Überzeugung, die wissenschaftlichen Kriterien jedoch nicht standhielt.

«Bircher-Benner war ein grosser Bewunderer von Mahatma Gandhi, äusserte sich aber auch positiv zu Mussolini und Hitler.» Albert Wirz, Historiker

Seine Patienten kümmerte das wenig. Im Sanatorium Lebendige Kraft unterzogen sie sich bereitwillig seiner «Ordnungstherapie», die neben der Rohkostdiät einen strikten Tagesablauf mit viel Bewegung, Bädern, Sonnen- und Luftkuren beinhaltete. «Ordnung herstellen in allen Beziehungen, in der Ernährung, zur unbelebten Umwelt – das ist der natürliche Heilweg, die ursächliche Therapie», erklärt er in seiner Autobiographie. «Für Bircher-Benner war die industrielle Zivilisation Inbegriff der Unordnung, die Natur hingegen Inbegriff des Guten; sie verkörperte für ihn Ordnung und Gesundheit schlechthin», schreibt Wirz. Während der Arzt weitgehend auf Medikamente verzichtete, schätzte er aber den technischen Fortschritt, setzte elektrisches Licht für Schwitzbäder ein und verwendete als einer der ersten einen Röntgenapparat für Diagnosen.

Bircher-Benner war ein grosser Bewunderer von Mahatma Gandhi, äusserte sich in den 1930er-Jahren aber auch positiv zur Gesundheitspolitik von Mussolini und Hitler. Tatsächlich habe der Rohkostpionier unter deutschen Naziärzten eine beachtliche Gefolgschaft gehabt, schreibt der Historiker Wirz und attestiert ihm in dieser Beziehung eine «grenzenlose Naivität». Als dem Schweizer Arzt die Leitung einer grossen Klinik für Naturheilkunde in Dresden angeboten wurde, sagte er erst freudig zu. Später lehnte er aber doch dankend ab. Wirz, der sämtliche Schriften von Bircher-Benner durchforstet hat, charakterisiert diese so: «Autoritär sehr wohl, patriarchalisch immer, aber menschenverachtend? Nie.»

Widersprüche gehörten offenbar zum Leben von Bircher-Benner. Seine sieben Kinder erzog er zwar fleischlos; aber er selbst bekannte sich erst als 56-Jähriger zum Vegetarismus. Und was aus heutiger Sicht besonders erstaunt: Der Doktor habe gern geraucht, berichtet Wirz. Die Zigaretten drehte ihm seine Frau und in den Bergferien sogar seine Söhne. 1939 starb Bircher-Benner im Alter von 71 Jahren an einer Herzkrankheit. Die Söhne führten das Sanatorium am Zürichberg weiter; später ging es in den Besitz des Kantons Zürich über. 1994 wurde die Klinik geschlossen und das Gebäude vier Jahre später an die Zürich Versicherungs-Gesellschaft verkauft.

Dieses Porträt stammt aus dem Buch «Zürcher Pioniergeist» (2014). Es porträtiert 60 Zürcherinnen und Zürcher, die mit Ideen und Initiative Neues wagten und so Innovationen schufen. Das Buch kann hier bestellt werden.
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