Es war nur ein kleiner Kreis Interessierter, der an der sogenannten CHESS Lecture vom 6. November 2018 zugegen war. Aber die Botschaft, die Otfried Jarren übermittelte, hatte es in sich: Wenn jemand nur immer selbst von sich behauptet, er sei gut, ist das wenig glaubwürdig. Es braucht Aussenstehende, die die Leistungen beurteilen. Diese Aussensicht nennt der Medienprofessor «Fremdreferenz». Und diese werde von unabhängigem Wissenschaftsjournalismus gegeben. Weil aber in der aktuellen Medienkrise nur noch wenige Verlagshäuser eine eigene Redaktion für Wissen aufrechterhalten, sei es unumgänglich, dass die Hochschulen neue Modelle des unabhängigen Wissenschaftsjournalismus unterstützen. higgs freut’s und gibt hier gerne die Kernaussagen aus Otfried Jarrens Vorlesung weiter.

Das ganze Video ist hier zu sehen

Otfried Jarren (im Video ab ca. 46.00):
Die Legitimität erreichen wir [die Universitäten] dadurch, dass andere sagen, die haben sich zumindest Mühe gegeben. Oder, was sie gemacht haben, war gut, besser oder wie auch immer.

Das heisst,

wir müssen Formen finden, wie wir diese Fremdreferenz sichern.

In dem Moment, wo die Fremdreferenz schwächelt, wo die professionelle Fremdreferenz von Journalistinnen und Journalisten nicht mehr vorhanden ist, stellt sich die Frage, wer tritt denn an diese Stelle, der die Fremdreferenz liefert?

[…]

Die Erhaltung von Fremdreferenz hat sehr viel zu tun mit der Existenz unabhängiger Medien und mit einem qualitativ hochwertigen Journalismus. Man muss immer wieder daran erinnern, dass – wenn wir Kultur machen, Wissenschaft machen – existenziell auf kritische aber zugleich loyale Begleitung angewiesen sind.

Um die ist es momentan aber leider schlecht bestellt.

Und damit stellt sich die Frage, wie das Wissenschaftssystem, das Universitätssystem damit umgehen will.

Mehr Kommunikation kann nicht die Antwort sein.

Es müssen andere Wege gefunden werden, wie man das macht.

Uni-Basel Rektorin Andrea Schenker-Wicki, die das anschliessende Gespräch moderierte (im Video ab ca. 1:00.00):

Es gibt nur noch ganz wenige Zeitungen, die Wissenschaftsjournalisten angestellt haben. Wer bringt jetzt diese Message von den Universitäten, diesen riesigen Tankern, die Milliarden verschlingen, wer bringt diese so zu der Bevölkerung, dass wir eine Chance haben?

Wir müssen uns da beteiligen, weil die Massenmedien in der alten Form keinen Bestand haben werden.

Es wird nur noch sehr wenige geben. Wir sind an einer Zeitenwende.
Otfried Jarren: […] In der Wissenschaftskommunikation haben wir immer mehr Information. Die muss aufbereitet werden, die kann ich nicht dem Endverbraucher eins zu eins übergeben. Es wäre eine meiner Ideen, dass wir an den Hochschulen diese Vermittlung selbst mitbetreiben müssen.

Die Universitäten müssen ein Interesse haben, den wertvollen Schatz, den sie haben, nicht nur bereitzustellen, sondern auch adäquat zu vermitteln.

Man kann das nicht einfach auf einen Kanal legen und dann hoffen, dass die Leute das finden. Diese Vermittlung wird eine öffentliche Aufgabe der Universitäten selbst sein. Und da kann sie sich aufstellen und diesen Beitrag mitliefern. Das kann sie nicht selbst machen, weil sie an Interessen gebunden ist. Es braucht diese Fremdreferenz, es braucht eine unabhängige Instanz.

«Es braucht diese Fremdreferenz, es braucht eine unabhängige Instanz.»Otfried Jarren

[…]

Die Universität weiss, wie man Unabhängigkeit garantiert, sie hat interne Prüfung aufgestellt als viele andere Bereiche auch als der Journalismus. Und sie hat auch harte Kriterien. Und sie hat ein Peer-Verständnis. Die Krise des Journalismus hat sehr viel damit zu tun, dass es keine Peers sind. Der ganze Journalismus kommt deshalb zu Fall, weil es dort kein Peer-Verständnis gibt, das sich hätte entwickeln können. Nämlich ein Verhältnis von Kontrolle und Selbstkontrolle und Selbstverpflichtung. Das ist sehr oberflächlich. Die Gründe sind vielschichtig. Aber das hat das Wissenschaftssystem.

Andrea Schenker-Wicki: Müssten wir dann Frau Haas [Josefa Haas ist eine ehemalige Journalistin, die jetzt die Kommunikation von Swissuniversities leitet, Anm. d. Red.] nicht bei der NZZ unterbringen? Das ist sehr heikel. Wie schaffen wir eine unabhängige Marke? Die NZZ wäre eine solche Marke, die ist relativ seriös. Oder, wenn wir sagen, wir wollen ganz viele Leute erreichen: sollen wir es beim Blick machen?

«Das Modell, das mir da vorschwebt, sind Interfaces. Man braucht eigene Akteure, eigenständige Vermittlungseinrichtungen.»Otfried Jarren

Otfried Jarren: Das Modell, das mir da vorschwebt, das ja auch andere diskutieren, sind Interfaces. Man braucht eigene Akteure für diesen Zweck. Das heisst eigenständige Vermittlungseinrichtungen. Wenn Swissuniversities das täte, oder die Universität Zürich, dann hat das immer den PR-Charakter. Das ist ein Problem. Es braucht eine eigenständige Vermittlungsstruktur. Wenn die gesellschaftliche, allgemeine Vermittlungsstruktur nicht mehr funktioniert, dann ist es eine Aufgabe dieser Bereitstellung. Dafür haben wir glaubwürdige Intermediäre ja gefunden. Das sind Akteure, die von beiden Seiten akzeptiert sind, weil sie als ehrliche Marke funktionieren. Da können die Universitäten dazu beitragen, dass solche intermediäre Strukturen aufgebaut werden, die genau diese Leistung erbringen.

Andrea Schenker-Wicki: Ich halte sehr viel von diesen Brokern. Das ist eine ganz interessante Geschichte, auch wenn man sich überlegt, wie den Fake News heute geschieht. Wir brauchen Intermediäre, die uns zuverlässig sagen, ist etwas wahr oder nicht wahr.

«Wir brauchen Intermediäre, die uns zuverlässig sagen, ist etwas wahr, oder ist es nicht wahr.» Andrea Schenker-Wicki

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