Das musst du wissen

  • Derzeit werden rund 19 Länder von einer Frau im Amt der Präsidentin oder Premierministerin angeführt.
  • 25 Prozent aller Parlamentsmitglieder weltweit waren 2019 Frauen.
  • Ob Frauen einen anderen Führungsstil haben, ist umstritten. Klar ist: Die Öffentlichkeit erwartet Weiblichkeit.
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Wenn es für den Kampf gegen Covid-19 ein Symbol gibt, dann ist das Jacinda Ardern, Premierministerin Neuseelands. Das Land hat bis August vier Tote pro Million Einwohner gezählt. Zum Vergleich: In der Schweiz waren es 230 Tote pro Million. Darum gilt Jacinda Ardern vielen als Beweis, dass Länder mit Frauen an der Spitze im Kampf gegen die Pandemie erfolgreicher waren als Länder mit Männern als Staatsoberhaupt. Einige halten dies sogar bereits für wissenschaftlich bewiesen. So twitterte das World Economic Forum (WEF) Ende Juli eine Studie, welche die Überlegenheit von Regierungschefinnen in der Krise beweisen soll.

Der Tweet generierte über 2000 Likes und über 1000 Retweets. Auch die britische Zeitung The Guardian sprang auf diesen Zug auf. Was aber beweist die Studie tatsächlich – und was nicht?

Es gibt zu wenige Regierungschefinnen

Die Studie stammt von zwei britischen Ökonominnen. Die Forscherinnen vergleichen die absolute Anzahl bestätigter Fälle und Todesfälle von 19 Ländern mit Regierungschefinnen und von 174 Ländern mit Regierungschefs. Dieser Vergleich zeigt: Länder mit Frauen an der Spitze fuhren besser. Lockdowns kamen früher und es gab weniger Tote und Infizierte. Da die Studie durch die kleine Anzahl der Länder mit weiblicher Führung verzerrt werden könnte, bezogen die Autorinnen in einem zweiten Schritt weitere Faktoren ein und verglichen nur die Zahlen von Ländern mit ähnlichen Grundvoraussetzungen. Dazu zählte die Populationsgrösse, das BIP, die Gesundheitsausgaben oder auch die Geschlechtergleichheit in den Ländern. Auch unter diesen Bedingungen schnitten die Länder mir Regierungschefinnen besser ab. Und dies selbst dann noch, wenn die Ausreisser, Länder, die besonders gut oder schlecht abgeschnitten hatten, weggelassen wurden.

Science-Check ✓

Studie: Leading the Fight Against the Pandemic: Does Gender ‘Really’ Matter?KommentarDies ist ein Kommentar der Autorin / des AutorsDie Studie verwendet sehr allgemeine Zahlen und kann deshalb wenig aussagen. Die Fallzahlen werden absolut verglichen – was zu Verzerrungen führen könnte. Auch ist die Liste der Länder und die Art des «matchings» nicht transparent dargestellt in der Studie. Die Methodik lässt sich also nicht genau verfolgen. Die Studie kann auch nur eine Korrelation feststellen, die Kausalität aber nicht beweisen. Die Beweiskraft der Studie ist deshalb gering – sie kann lediglich Hinweise geben.Mehr Infos zu dieser Studie...

Sind Frauen also tatsächlich besser darin, Covid-19 zu bekämpfen?
«Das kann man aufgrund dieser Studie nicht sagen», erklärt Lea Sgier, Politikwissenschaftlerin an der Universität Genf. «Die Studie ist methodologisch relativ oberflächlich. Die Autorinnen haben Variablen korreliert, die nicht unbedingt etwas mit der Sache zu tun haben», sagt sie. Das ist ein häufiges Problem bei quantitativen Studien, also solchen, die rein auf Zahlen beruhen: Sie können oft nur Korrelationen feststellen, aber keine Kausalität beweisen. Und Korrelationen findet man fast immer, wenn man lange genug sucht. Qualitative Kriterien, hier zum Beispiel, dass Neuseeland als Inselstaat sich leichter abschotten kann, gehen oft unter.

PD

Politikwissenschaftlerin Lea Sgier.

Die Studie leidet an zwei weiteren Mängeln. Erstens: Die Gruppe der Regierungschefinnen ist zu klein. Nur fünf Prozent der Staatsoberhäupter waren 2019 weiblich, wie die Uno ermittelt hat. In der Legislative sassen weltweit 25 Prozent Frauen. Ein Problem, das Forschung nach den Unterschieden zwischen Politikerinnen und Politikern generell sehr schwierig macht.

Diese Studie hat nun 19 von Frauen regierte Länder berücksichtigt. Welche genau, ist in der Studie aber nicht aufgeschlüsselt. Und das ist die zweite Schwäche: Welche Form von Staatsoberhaupt einbezogen wurde, und wie viel Macht die einbezogenen Frauen in ihrem jeweiligen politischen System tatsächlich haben, ist nicht erläutert. «Eine Präsidentin ist in Frankreich sehr mächtig, in der Schweiz hat eine Bundespräsidentin hingegen kaum Macht», sagt Sgier.

Die Regierung ist nicht eine Person

Die grossen Erfolge von Regierungschefinnen erklären die Autorinnen mit der unterschiedlichen Risikobereitschaft von Frauen und Männern, die in Laborstudien zu Tage traten. Auch das überzeugt Lea Sgier nicht: «Experimentellen Settings drehen sich um sehr einfache Situationen und Entscheidungen. Da geht es um 100 Franken. Die Entscheidungen einer Regierungschefin sind aber viel komplexer.» Diese seien in eine Regierung, in Machtverhältnisse eingebunden. Die Regierungschefin entscheide nicht alleine: «Da gibt es längere Verhandlungen, innerhalb der Regierung, zwischen Regierungen, dem Parlament und mit Interessengemeinschaften». In der Schweiz zum Beispiel hätten Lobbyorganisationen grossen Einfluss auf die Entscheide. Ganz zu schweigen vom Beraterstab, der je nach dem mehrere Regierungen überdauere und die Entscheide mitpräge.

Natürlich könne die Person, die regiere, einen Unterschied machen, das führe Donald Trump vor. Aber: «Trump wirkt eigentlich als Beschleuniger für die Probleme, die die USA ohnehin haben. Der Schaden, den er anrichtet, kann nur entstehen, weil das System ihm das erlaubt», sagt Sgier. Die Person des Regierungschefs wird also massiv überschätzt. «Eine Regierung ist nicht eine Einzelperson – selbst in einer Diktatur nicht. Was aus einer Regierung herauskommt, ist komplizierte Mathematik.»

Trotz der Kritik an der neuen Studie stellt sich die Frage: Führen Frauen anders als Männer? «Es gibt Qualitäten, die Frauen tendenziell eher mitbringen als Männer», sagt Janie Steckenrider, Politikwissenschaftlerin und Co-Autorin des Buches «Women As Political Leaders». Frauen führten kollaborativer, seien eher bereit, mit anderen an den Tisch zu sitzen. Eine Metastudie ergab zum Beispiel, dass Frauen eher demokratisch und partizipativ führen, während Männer häufiger autokratisch agieren. Nur: Manche dieser Experimente wurden vor über 20 Jahren durchgeführt und bezogen sich auf das Führen in Organisationen, nicht spezifisch auf die Politik. Und vor allem: «Die Anzahl Frauen, die Regierungschefinnen waren, ist zu klein, um definitiv zu bestimmen, ob das Geschlecht Hauptgrund der unterschiedlichen Covid-19-Reaktionen war», sagt Steckenrider. Denn, dass es so wenige gibt, heisst auch: «Frauen, die an die Spitze eines Landes kommen, müssen sehr, sehr gut sein und sehr kommunikativ».

Frauen müssen empathisch sein

PD

Die US-Forscherin Janie Steckenrider.

Genügend Daten gibt es hingegen zu der Wahrnehmung von Regierungschefinnen durch die Öffentlichkeit. Wahlforschung zeigt hier: An Frauen in politisch hohen Ämtern werden ganz klar andere Erwartungen gerichtet, als an Männer in diesen Ämtern. «Von Frauen wird erwartet, empathisch zu sein. Sie werden als Mütter gesehen, die ihr Leben dem Land opfern», sagt Steckenrider und erwähnt den Spitznamen Angela Merkels: Mutti. Das zeigt auch die Forschung. So ergab eine Studie, welche Popularitätsumfragen in der Bevölkerung aus 18 Ländern und über eine Zeitspanne von rund 40 Jahren untersuchte, dass Regierungschefinnen sich weniger Fehltritte erlauben können als ihre Kollegen – speziell wenn es um das Thema Korruption geht. Etliche Regierungschefinnen mussten wegen Korruptionsskandalen den Hut nehmen, während im gleichen Land die gleichen Vorwürfe an Regierungschefs ohne Konsequenzen blieben. Ein Beispiel ist hier die brasilianische Politikerin Dilma Rousseff, die abtreten musste während ihr Vorgänger Lula da Silva weiterhin populär blieb.

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Grund dafür ist, dass von Frauen mehr moralische Integrität erwartet wird, als von Männern. Wird diese Erwartung enttäuscht, reagieren Wählerinnen und Wähler deshalb härter. Diese Enttäuschung zieht sich durch die gesamte Bewertung von Regierungschefinnen: Als Frauen sollen sie Liebenswürdigkeit und Mitgefühl zeigen. Jacinda Ardern vermarktet dieses weibliche Image aktiv, wenn sie sagt: «Ich bin stolz, eine empathische Führungsperson zu sein.» Von einer Führungsperson hingegen wird tendenziell eher Selbstbewusstsein und Aggressivität verlangt – Eigenschaften, die mit der Wahrnehmung von Männlichkeit einher gehen. Das führt zu einem Teufelskreis: Benehmen sich Frauen eher «männlich», werden sie als zu aggressiv wahrgenommen. Benehmen sie sich eher «weiblich», sieht man sie als inkompetent an.

Das kann sich aber von Thema zu Thema ändern, denn es gibt auch in der Regierung Dossiers, welche eher Frauen zugetraut werden als Männern. Dazu gehören Umweltfragen, Bildung – und Gesundheitsfragen.

Kein Wunder also, wird die Leistung von Regierungschefinnen gerade in der Corona-Pandemie gelobt: Das Thema passt zu althergebrachten Vorstellungen von Weiblichkeit. Jacinda Ardern verkörpert diese Weiblichkeit, weil sie die Worte wählt, die auch eine Mutter wählen würde. Bei Live-Schaltungen auf Social Media sprach sie zudem direkt zu den Leuten: «Seid stark. Bleibt gesund. Seid nett.»

Es gibt auch männliche Regierungschefs, welche sich ebenfalls empathisch zeigten, früh Lockdowns verhängten und wenige Tote zu beklagen haben. Zum Beispiel in Südkorea. Doch Männer werden für solche Entscheidungen weniger gelobt, weil sie Männer sind.

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