Nachhaltigkeit ist abstrakt und löst keine Emotionen aus. Es erscheint kein Bild und so sind Zahlen wichtiger als Erzählungen. Meistens geht es um ökonomische Kosten-Nutzenrechnungen. Umweltverschmutzung wird mit den Reinigungskräften der Natur gegengerechnet oder ein CO2-Budget soll mich zu Flugscham bewegen. Das spiegelt sich auch in der Sprache: Die Rede etwa von Humankapital oder Ressourcenmanagement erzeugt Waren. Waren mit Preisen und ökonomische Anreize bewegen nicht. Nachhaltigkeit ist zudem ein anthropozentrischer Begriff, nur Menschen sind um ihrer selbst willen zu respektieren.

Tiere, Böden oder Biodiversität schützen wir nur, weil wir Menschen sonst gröbere Probleme bekommen. Somit ist die Würde als Gegenteil von Preis nicht im Blick. Würde zielt auf die Respektierung des Eigenwertes von Pflanzen, Tieren und Menschen. Massentierhaltung taucht nur dann als Problem auf, wenn Gewässer kippen oder Algen das Baden vermiesen. Es ist politisch noch immer an der Tagesordnung, anthropozentrisch zu argumentieren, was Natur und letztlich auch uns Menschen zu einer verhandelbaren Ware macht.

Ernst genommen setzt uns Nachhaltigkeit absolute Grenzen. Gleich wie die Ressourcen des Planeten Erde hat auch unser Leben im Tod eine absolute Grenze. Wir verdrängen die eigene Vergänglichkeit genauso wie wir die Grenzen des Planeten negieren. Setzten wir uns mit der eigenen Vergänglichkeit auseinander, können wir einiges lernen:

  • Abschied zu nehmen und anderen Lebewesen Platz zu machen. Es gehört zur Lebenskunst und zum Glück, sich mit den eigenen Begrenzungen zu versöhnen.
  • Begrenzungen erleben alle Menschen unterschiedlich, Gesunde und Kranke, Begabte und weniger Begabte, Erfolgreiche und Scheiternde.
  • Erst die offene und ehrliche Auseinandersetzung und auch Versöhnung mit den eigenen Grenzen lässt zu, dass wir uns in einer emotionalen Tiefendimension als Teil des vielfältigen Lebensgewebes erleben können.
  • So können wir den Lebenswunsch aller Lebewesen heute und morgen als dem eigenen gleichwertig respektieren.
  • Wir haben sogar die Pflicht zum Sterben, zum Verschwinden und Platzmachen für anderes Leben. Niemandem darf man den Lebenswunsch absprechen. Aber Werden und Vergehen, Geborenwerden und Sterben gehören zusammen und bedingen einander.

Diese Gedanken sind weit entfernt von den abstrakten technischen oder ökonomischen Ansätzen, mit denen im politischen Alltag gearbeitet wird. Ich bin überzeugt, dass die eigene emotionale Betroffenheit hilft, uns gegen alle Trägheit und Gewohnheit für eine umfassende Fairness allen Lebewesen gegenüber einzusetzen.

Thomas Gröbly

Dozent für Ethik und Nachhaltigkeit

Thomas Gröbly ist Dozent für Ethik und Nachhaltigkeit an der Fachhochschule Nordwestschweiz sowie Inhaber des Ethik-Labors und Buchautor. Lesungen finden im September statt. Am Sonntag 22. September um 15 Uhr im Palazzo Salis in Soglio mit Texten aus dem neuen Gedichtband «Inmitten» und am Samstag 28. September um 15 Uhr beim Hof-Narr in Hinteregg/ZH. Weitere Anlässe: ethik-labor.ch/aktuelles

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