Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

Wien im Sommer 1815. In einem noblen Palais tagt hinter verschlossenen Türen das «Schweizer Komitee». Am Tisch: Zwei Russen, zwei Engländer, ein Preusse und ein Franzose. Die Schweizer Delegation wartet draussen.

Auslöser des Wiener Kongresses war Napoleon. Der Korse hatte die Welt aus den Fugen und Europa in blutige Kriege gerissen. Nun war er besiegt und die Sieger trafen sich, um zu besprechen, wie der Kontinent künftig aussehen sollte. Es ging um Grenzverläufe, internationales Recht und die Wiederherstellung der alten Ordnung. Sehr viel weiter unten auf der Traktandenliste stand die Frage: Was tun mit der Schweiz? Sie Frankreich zuzuschlagen kam nicht infrage, sie aufzulösen brachte auch nichts. Ausserdem wollten die Grossmächte einen Puffer zwischen Frankreich und Österreich. Also sollte sie weiterbestehen – obwohl sie völlig zerstritten war.
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Zerstritten waren auch ihre drei offiziellen Vertreter: De Montenach und Reinhart zankten sich vor dem «Schweizer Komitee». Wieland diskutierte gar nicht erst mit den beiden und las stattdessen lieber Cäsars «Gallischem Krieg».

Währenddessen waren in den Vorzimmern die Agenten einzelner Kantone unterwegs. Waadt, Aargau, Thurgau und Tessin lobbyierten für ihre Gleichstellung mit den übrigen Kantonen. Bern dagegen pochte darauf, dass diese wieder zu Untertanengebieten wurden. Genf wiederum wollte sich grosse Teile Savoyens einverleiben, wogegen Zürich Sturm lief, weil die Aufnahme frankofoner Katholiken die Übermacht der deutschsprachigen Protestanten zu Fall gebracht hätte. Und die Walliser träumten ohnehin von einer unabhängigen Republik. Wichtigster Lobbyist aber war Frédéric-César de La Harpe. Er bewog den russischen Zaren dazu, sich für die Freiheit der Waadt stark zu machen – und für den Fortbestand der Schweiz.

Am Ende wurden die Grenzen gezogen. Die Schweiz verlor das Veltlin, Chiavenna, Bormio und Mülhausen, dafür erhielt sie das Gebiet der Kantone Neuenburg und Jura, das Fricktal, Rhäzüns, Tarasp und einige Gemeinden um Genf. Die Kantone wurden einander gleichgestellt, Bern verlor die Waadt und den Aargau, erhielt zum Trost aber den Jura und damit das nächste Problem. Die fremden Richter waren für die Schweiz ein Glücksfall. Sie war innerlich so uneins, dass Wieland bemerkte, inländische Richter hätten einen Bürgerkrieg ausgelöst. Nur unter massivem internationalem Druck konnte die Schweiz als Gefüge gleichwertiger Kantone neu geformt werden.

Am Ende anerkannten die Grossmächte die Schweiz als unabhängigen Staat. Und ihre Neutralität. Diese nahm 1815 allerdings kaum jemand ernst. Sie ging beinahe vergessen und wurde noch während des Kongresses ein erstes Mal verletzt, als ein Schweizer Heer – alarmiert von Napoleons Rückkehr aus der Verbannung – im Burgund einmarschierte. Ihre fast schon mystische Strahlkraft erhielt sie erst durch die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert.

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