Sandra Beriger


Sandra Beriger ist Entwicklungspsychologin und Förderlehrperson an der Primarschule Ilgen in Zürich. Sie schreibt ausserdem Lerngeschichten und entwickelt Lernspiele.

Sandra Beriger, wann entwickeln Kinder Schuldgefühle?

Mit rund eineinhalb Jahren können Kinder sich im Spiegel selbst erkennen. Damit haben sie einen grossen Entwicklungsschritt hinter sich. Im selben Alter erkennen sie aber nicht nur sich selbst, sondern können sich auch in andere Personen einfühlen und deren Gefühle immer besser interpretieren. So versuchen sie bereits in diesem frühen Alter, andere zu trösten, wenn diese traurig sind. Und indem den Kindern von ihrem Umfeld gespiegelt wird, wenn sie einen Fehler gemacht haben, lernen und übernehmen sie die sozialen Regeln ihrer Umwelt.

In welchen Fällen ist es ungünstig, wenn Kinder Schuldgefühle haben?

Problematisch ist es, wenn Kinder zum Beispiel beim Tod eines Familienmitgliedes oder bei der Trennung der Eltern Schuld auf sich nehmen. Hier ist eine professionelle Begleitung der Kinder angesagt.

Was raten Sie berufstätigen Eltern, die sich schuldig fühlen, ihren Kindern nicht genügend Aufmerksamkeit zu widmen?

Eltern haben grosse Herausforderungen zu bestehen. Meist sind beide berufstätig und versuchen, Familie und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Jeder, der diese Quadratur des Kreises schon selbst zu vollbringen versuchte, weiss, wie anspruchsvoll das ist. Oft fehlt die weitere familiäre Unterstützung, weil die Ursprungsfamilie nicht mehr in der Nähe wohnt oder die Grosseltern selbst auf Unterstützung angewiesen sind. Da fehlt vor allem eines: Zeit. Um ein Kind ins Erwachsenenleben zu begleiten, ist das Kind aber darauf angewiesen, dass ihm genau diese geschenkt wird. Eine Beziehung entsteht nämlich nur, wenn man gemeinsam Zeit verbringen kann. Entsprechend belastend ist es für Eltern, wenn sie das Gefühl haben, ihren Kindern nicht genügend davon zu geben. Es ist sehr wichtig, dass man hier nicht in eine Schuldfalle tappt. Als Eltern entscheidet man sich für ein Familiensetting, hinter dem man stehen muss.

Warum tappen Eltern trotzdem in diese Schuldfalle und wie kommen sie wieder heraus?

Da man nur eine begrenzte Zeit mit dem Kind verbringen kann, möchte man es dann unbedingt schön haben zusammen. Schnell ertappt man sich dabei, wie man dem Kind jeden Wunsch erfüllt. Immer öfter werden den Kindern Entscheidungen übertragen, die eigentlich den Eltern vorbehalten sind. Dies kann dazu führen, dass die Kleinen überfordert werden, nie die Erfahrung machen können, etwas nicht zu bekommen, und damit keine Gelegenheit erhalten, eine gewisse Frustrationstoleranz aufzubauen und etwas Durchhaltewillen zu entwickeln. Beides ist aber zentral, um für das Leben gewappnet zu sein. Kinder brauchen Eltern, die sie liebevoll begleiten und unterstützen, aber auch Regeln vorgeben und auf deren Einhaltung bestehen. Deshalb ist für Eltern wichtig, dass sie es aushalten, kurzzeitig nicht von ihrem Nachwuchs geliebt zu werden.

Dieser Beitrag erschien erstmals im doppelpunkt.
Serie

Die Macht der Schuldgefühle

Im ersten Teil vom Donnerstag liest du, dass Ärzte kaum psychische Unterstützung bekommen, wenn sie Schaden angerichtet haben.

Am Samstag erfährst du im dritten Teil, dass die Schuldgefühle eines Täters für den Richter Nebensache sind.

Und am Sonntag lernst du im vierten Teil, dass Schuldgefühle auch auf struktureller Ebene nötig wären.

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