Christian Cebulji


Christian Cebulji ist Religionspädagoge und Rektor der Theologischen Hochschule Chur.

Christian Cebulj, welche Rolle spielen Schuldgefühle in der christlichen Theologie?

Ich finde es wichtig, zwischen Schuld und Schuldgefühl zu unterscheiden. Zur Schuld: Interessanterweise hat sich in der Theologie im Lauf der Jahrhunderte eine Unterscheidung zwischen den lateinischen Begriffen debitum und culpa und dem griechischen Wort hamartia herausgebildet. Debitum meint die Schuld als existenzielles Phänomen des Menschseins, weil Menschen nicht vollkommen sind. Darin spiegelt sich die Erfahrung, dass wir immer wieder hinter unseren Möglichkeiten zurückbleiben und uns auf diese Weise schuldig machen. Diese Erfahrung kann Ohnmacht, Trauer und Wut auslösen. Dagegen bezeichnet culpa ein konkretes Fehlverhalten, also eine objektiv falsche oder schlechte Handlung beziehungsweise die Unterlassung des Guten. Diese Art von Schuld ist geprägt von den Regeln, Normen und Werten einer bestimmten Zeit, die sich immer wieder verändern. Das dritte Wort hamartia, das für Sünde steht, meint ursprünglich, das Ziel oder den richtigen Punkt nicht zu treffen, egal ob absichtlich oder unabsichtlich. Hier wird eine religiöse Ebene in den Begriff eingezogen, die ein Verfehlen der Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe bezeichnet.

Wo sind die Schuldgefühle einzuordnen?

Sie sind von diesen drei Erfahrungsebenen der Schuld abzugrenzen. Sie entstehen aus der persönlichen Überzeugung, etwas falsch gemacht zu haben, unabhängig davon, ob es auch in den Augen anderer falsch war. Hier geht es um innere Bewertungen des eigenen Handelns, was zur Folge hat, dass jemand auch zu viel Schuld und Skrupel empfinden kann. Die Psychologie nennt solche Menschen deshalb Skrupulanten, weil sie suchtartig bei jeder Kleinigkeit Schuldgefühle entwickeln.

Wo wünschen Sie sich dagegen mehr Schuldempfinden?

Die Theologie der Befreiung macht seit Jahrzehnten auf den wichtigen Punkt aufmerksam, dass es Sünde und Schuld nicht nur auf individueller, sondern auch auf gesellschaftlicher und politischer Ebene gibt. Man bezeichnet diese daher als strukturelle Sünde. Ich wünsche mir eine grössere Sensibilität für die Benachteiligten in unserer Gesellschaft, die oft nicht aus eigenem Versagen ihren Halt verloren haben, sondern zum Beispiel aus ökonomischen Gründen Opfer struktureller Sünde geworden sind.

Dieser Beitrag erschien erstmals im doppelpunkt.
Serie

Die Macht der Schuldgefühle

Im ersten Teil erfährst du, dass Ärzte kaum psychische Unterstützung bekommen, wenn sie Schaden angerichtet haben.

Der zweite Teil zeigt, dass Eltern Kinder zu nachsichtig behandeln, wenn sie das Gefühl haben, zu wenig für sie da zu sein.

Und im dritten Teil lernst du, dass die Schuldgefühle eines Täters für den Richter Nebensache sind.

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