Das musst du wissen

  • Die Kriminologin Claudia Christen hat in Chile in einem der gefährlichsten Gefängnisse Südamerikas gearbeitet.
  • Dort hat sie Schwerverbrecher mit ihrer eigenen Geschichte konfrontiert – sie ist selbst Opfer von Gewaltverbrechen.
  • Die Begegnungen erschütterten die Kriminellen und machten die Kriminologin stark für ihren Einsatz.

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Claudia Christen, Sie sind Präsidentin des Schweizer Forums für Restaurative Justiz und leisten die ganze Arbeit ohne Bezahlung. Hat das mit Ihrer persönlichen Geschichte zu tun?

Ja. Ich wurde selbst Opfer von Gewalt, schon mit sechs Jahren, und mit zehn noch einmal. Ich habe Jahre mit der Aufarbeitung gekämpft. Erst im älteren Teenager-Alter erhielt ich Unterstützung von jemandem, der erkannt hatte, wie es mir geht. Hätte ich diese Unterstützung nicht erhalten, würde ich mich heute wohl eher für die Todesstrafe einsetzen und nicht für die Restaurative Justiz.

Wie vollzog sich der Sinneswandel?

Ich habe elf Jahre in Chile gelebt und in der Prävention von häuslicher und sexueller Gewalt gearbeitet. Schliesslich wurde jemand im chilenischen Justizministerium auf meine Arbeit aufmerksam und fragte mich, ob ich bereit wäre, so etwas in einem Gefängnis aufzubauen. Vorher hätte ich mir niemals vorstellen können, in einem Gefängnis zu arbeiten. Aber schliesslich hat es mich doch gereizt.

Claudia Christen

Die Kriminologin Claudia Christen-Schneider präsidiert das «Swiss RF Forum». Mit ihrem Ehemann und ihren Söhnen lebte sie elf Jahre in Chile, wo sie fünf Jahre zuständig war für Schulungen von Gefangenen und Mitarbeitern in Themen wie Konfliktlösung, Kommunikation und Prävention. Im Jahr 2014 zog Christen zurück in die Schweiz. Seither engagiert sie sich für die Förderung der Restaurativen Justiz und ist als Moderatorin in restaurativen Prozessen tätig.

Mit was für Straftätern hatten Sie dann zu tun?

Mit Straftätern schwerer Verbrechen, inklusive häuslicher und sexueller Gewalt. Meine Aufgabe war es, die Täter auf ihre Freilassung vorzubereiten: Wie können sie einen Rückfall verhindern? Wie können sie ihre Konflikte auf eine andere Art als mit Gewalt lösen? Und so begann ich meine Arbeit unter anderem in einem der fünf gefährlichsten Hochsicherheitsgefängnisse von ganz Südamerika. Und traf auf Täter, die dieselben Straftaten begangen hatten, wie ich selbst erlebt habe.

Hatten Sie nie Angst?

Nein, nie. Ich sass allein, ohne Aufseher und unbewaffnet mit 30 Tätern in einem Raum. Keiner hätte mir etwas angetan, sondern mich wenn nötig vor anderen beschützt. Einmal traf ich im Gang auf einen Häftling, der mir zurief: «Señorita, du bist alleine unterwegs – weisst du nicht, dass es hier gefährliche Männer gibt?» Und dann begleitete er mich und trug meine Handtasche. Er selbst sass im Mafia-Trakt.

Ich romantisiere nicht. Natürlich sind diese Gefängnisse brutal.

Ihre Beschreibung eines Hochsicherheitsgefängnisses voller gefährlicher Schwerverbrecher klingt schon etwas romantisierend.

Ich romantisiere nicht. Natürlich sind diese Gefängnisse brutal. Es gibt auch immer wieder Tote. Aber es herrscht eine klare Hierarchie. Täter, die Frauen und Kindern etwas angetan haben, stehen ganz unten und müssen um ihr eigenes Leben bangen. Den Gefangenen war wichtig, dass mir als Frau nichts passiert. Während der Gespräche habe ich von mir erzählt. Plötzlich weinten die Häftlinge und entschuldigten sich für das, was andere mir angetan hatten. Sie haben es mir hoch angerechnet, dass gerade ich mit meiner Vergangenheit mit ihnen zusammenarbeite.

War die Arbeit mit diesen Straftätern auch für Sie selbst hilfreich?

Auf jeden Fall. Es hat mich zu der Überzeugung gebracht, in der Restaurativen Justiz arbeiten zu wollen. Denn wenn es mir schon so viel gebracht hat, ohne dass ich selbst darauf vorbereitet war, möchte ich das auch anderen Opfern und Tätern ermöglichen.

Sie sind auch im Verein «Prison Fellowship» aktiv, einer Organisation mit religiösem Hintergrund. Sind Sie religiös motiviert?

Die Organisation «Prison Fellowship» hat zwei verschiedene Zweige. Einerseits organisiert der Verein Besuche und Gottesdienste für Gefängnisinsassen. Daneben gibt es das Zentrum für Restaurative Justiz. Der Gründer, Dan van Ness, ist international einer der bekanntesten Experten der Restaurativen Justiz, und das hat nichts mit Religion zu tun. Wir setzen in der Schweiz ein international bewährtes RJ-Programm um, das er vor über 20 Jahren mit einem internationalen Team entwickelte. Das ist der Link, doch das Swiss RJ Forum ist ein unabhängiger Verein.

Denken Sie noch oft an das, was Ihnen widerfahren ist?

Immer weniger. Ich werde aber oft damit konfrontiert, durch die Gespräche mit Opfern und Tätern ähnlicher Straftaten. Natürlich habe ich nach wie vor mit den Konsequenzen zu leben. Aber darüber kann ich heute ohne Schmerzen sprechen.

Wünschen Sie sich, mit Ihren eigenen Tätern zusammenzutreffen?

Wenn es im Rahmen der Restaurativen Justiz geschieht und sie dazu bereit wären, ja. Denn auch ich trage viele unbeantwortete Fragen in mir.

Serie

Restaurative Justiz


Im ersten Teil dieses Interviews erzählt Claudia Christen, wie sie Opfer und Täter von Verbrechen zusammenzubringt, um damit den Grundstein für ein Leben nach der Tat zu legen.

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