Im Sommer des Jahrhunderts scheint alles möglich. An Krieg will 1913 niemand denken. Stattdessen ist die Luft parfümiert mit Hoffnungen und Träumen. Diese optimistische Note nimmt auch Clara Nef tief in sich auf, als sie als «Hausdame», also als Chefin des Dienstpersonals, auf der Riederalp im Wallis arbeitet. «Im weiten Rund die Spitzen und Grate unserer gewaltigsten Bergriesen, tief zu Füssen der geheimnisvoll raunende Aletsch-Gletscher, darüber hinweg der dunkle Arvenwald, helle Lärchen, schlanke Tannen und zwischen felsigem Gestein von Woche zu Woche sich erneuernde, herb duftende Alpenflora», wird sie diese Momente des Glücks später in ihrer Autobiografie «Im Fluge unsrer Zeiten» festhalten. Dass ihr Lebenslauf nur ein Jahr später eine völlig andere Richtung einschlagen wird, ahnt sie damals noch nicht.
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wikimedia/Fiesch

Clara Nef arbeitete vor dieser eindrucksvollen Kulisse in der Villa Cassel als Hausdame, bevor der Erste Weltkrieg ihr eine andere Laufbahn bescherte.

Für die gelernte Hotelsekretärin aus Herisau ist das der erste Sommer in der Villa Cassel, einem auf 2100 Metern über Meer im viktorianischen Stil erbauten Gebäude aus dem Jahr 1902. Heute wird es von der Pro Natura als Informationszentrum genutzt. Damals ist die Villa Sommerwohnsitz des deutsch-englischen Bankers Sir Ernest Cassel. Die Gäste sind wohlhabende, britische Persönlichkeiten aus Hof-, Finanz- und Politikkreisen – darunter auch Winston Churchill, der in jenem Sommer mit seiner Frau, seiner Mutter, einem Sekretär, einem Butler und zwei Kammerzofen residiert. Die 28-jährige Clara tut ihr Möglichstes, um den geladenen Gästen jeden noch so luxuriösen Wunsch zu erfüllen. Die Arbeit in dieser sorglosen, luxusschwangeren Welt sagt ihr durchaus zu: Sie freut sich bereits auf den nächsten Sommer. Doch dieser bringt den Krieg. Und lässt diese unbeschwerte Welt für immer untergehen. Das Sommerdomizil wird geschlossen und Clara entlassen. Die Villa Cassel aber bleibt ihr Sehnsuchtsort – zeitlebens kehrt sie immer wieder dorthin zurück.

Portrait der jungen Clara NefStaatsarchiv Appenzell Ausserrhoden

Clara Nef arbeitet als junge Frau in der Hotelerie.

Als Clara 1914 am Ort ihrer Kindheit ankommt, findet sie sich in einer Parallelwelt wieder. Denn Herisau ist seit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Ausnahmezustand: Die Diensttauglichen bewachen als Soldaten die Grenze, die Zivilbevölkerung bleibt unvorbereitet zurück. Als der damalige Gemeindehauptmann von Herisau einen Aufruf an die Bevölkerung startet und Ehrenamtliche zur Hilfe aufbietet, ist Clara samt Mutter Anna Nef-Hohl und jüngerer Schwester Sophie sofort zur Stelle. «Obwohl mir nie im Traume eingefallen wäre, deswegen meinen Beruf aufzugeben, war es nun, im Augenblick der Not, eben doch absolute Selbstverständlichkeit für uns alle, uns da einzusetzen, wo freiwillige Hilfe am Platze war», wird sie später schreiben. Die schicksalshafte Wendung, die der Krieg mit sich gebracht hat, verändert Cara Nefs Lebenslauf nachhaltig. Fortan widmet sie sich dem sozialen Engagement: Setzt sich für das Gemeinwohl ihres Kantons ein, leistet Fürsorgearbeit und macht sich stark für die Frauenpolitik.

1918 wird sie Leiterin der Abteilung Schulkind der kantonalen Pro Juventute und zwei Jahre später Präsidentin des Bundes für Frauenbestrebungen in Herisau und Umgebung. 1925 folgt das Präsidium der appenzellischen Kommission der «Saffa» – der ersten Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit. Dank Clara Nef sind auch die Appenzeller Frauen und deren Arbeit an der Saffa von 1928 in Bern präsent. Was Clara an der Ausstellung erlebt hat, stimmt sie euphorisch: «Die gemeinsame Arbeit (…) hat gezeigt, wie gut es tut, wenn Frauen aus den verschiedenen Kantonsteilen Tuchfühlung bekommen miteinander, um einander verstehen zu lernen (…), um einander zu helfen (…) und so (…) Aufgaben erfüllen zu können, deren Lösung dem Einzelnen nicht möglich wäre.»

Diese Erfahrung prägt von nun an das Weltbild von Clara Nef: Sie verschreibt sich der Organisation der Frauen, will mit Frauenpower dem Kanton – und später dem Staat – unter die Arme greifen. So bringt sie 1929 die Frauenvereine des Kantons unter einen Hut und gründet die Frauenzentrale Appenzell Ausserrhoden – den ersten Frauendachverband des Appenzellerlandes. Die Gründung ist ein Meilenstein in der Geschichte der Appenzellischen Frauenwelt.

Ein Auszug aus dem Gründungsprotokoll der Frauenzentrale Appenzell AusserrhodenStaatsarchiv Appenzell Ausserrhoden

Das Gründungsprotokoll der Frauenzentrale Appenzell Ausserrhoden aus dem Jahr 1929.

35 Jahre lang bleibt Clara Nef an der Spitze und macht die ausserrhodische Frauenzentrale gleich zu Beginn über die Kantonsgrenzen hinaus bekannt: Mit dem Bubenhosenhandel, den sie 1931 aufzieht. Zu jener Zeit sind die Verdienstmöglichkeiten in den Stickerei- und Weberei-Industrie dramatisch zurückgegangen, es gibt immer mehr Arbeitslose, darunter auch viele Frauen. Bubenhosen, in Heimarbeit hergestellt, sollten dieses Problem lösen helfen und Löcher in der kantonalen Wirtschaft stopfen. Um die Bubenhosen zu bewerben, reist Clara Nef durch die ganze Schweiz. Oft an ihrer Seite ist ihre Freundin und treue Mitstreiterin Alice Rechsteiner-Brunner. Seit 1924 arbeiten sie zusammen: Bei der Pro Juventute, im Saffa-Komitee und nun bei der kantonalen Frauenzentrale, wo Alice als Kassiererin die Finanzen regelt. Mit der Bubenhosen-Promotion machen die beiden Frauen die Stoffhosen für Knaben zum Kassenschlager und später zum Aushängeschild der Frauenzentrale Appenzell Ausserrhoden.

Clara Nefs neu erlangte Bekanntheit und ihr Engagement ebnen ihr den Weg in den Vorstand des Bundes Schweizerischer Frauenvereine (BSF), den sie von 1935 bis 1944 präsidieren wird. Sie als Führende im Vordergrund, Alice Rechsteiner-Brunner als Aktuarin im Hintergrund. Im Zweiten Weltkrieg richtet der BSF unter Clara Nefs Leitung etwa alkoholfreie Soldatenstuben ein, unterstützt das Rote Kreuz und hilft Flüchtlingen. Als Mitglied im Gesinnungskader der Schweizer Armee wird sie eng in die kriegswirtschaftliche Organisation eingebunden. Nach Kriegsende ist sie zudem zehn Jahre Präsidentin des Schweizerischen Bundes Abstinenter Frauen – die Bekämpfung der Alkoholabhängigkeit bei Frauen liegt ihr Zeit ihres Lebens am Herzen.

In all den Ämtern, die Clara in ihrem Leben innehat, drückt ihre eigene Einstellung zum Thema Frauenpolitik immer wieder durch. Sie ist keine Rebellin, die das Frauenbild von dazumal umstürzen will. Sie ist weder für die Emanzipation der Frau, noch kämpft sie für das Frauenstimmrecht. Vielmehr ordnet sie frauenpolitische Anliegen behördlichen Weisungen unter, macht sich etwa stark für die Beibehaltung der Männerlandsgemeinde und will nichts von der politischen Gleichberechtigung der Frau wissen. Ihr Argument: Es gebe keinen Grund zum Klagen. Auch ohne selbst politisch mitbestimmen zu können, würden Schweizer Frauen mehr Rechte geniessen als in anderen Ländern. Frauen sollten im Hintergrund wirken, so ihre Auffassung.

So vergleicht sie in ihren Reden die Rolle der Frau auch mal mit der des Sauerteigs: «Wir müssen uns einsetzen für unsere Volksgemeinschaft, für unsern Staat mit den speziellen Kräften und Mitteln, die uns Frauen zur Verfügung stehen, mit denen wir als Sauerteig zu wirken versuchen müssen, der unmerklich und unsichtbar alles durchdringt, wie in mancher Ehe, wo ja auch der Mann als der Stärkere die Macht gegen aussen repräsentiert und es doch sein kann, dass die Frau die geistige Führung übernommen hat.» Selbst 1968 – drei Jahre vor dem eingeführten Frauenstimmrecht – hält die Herisauerin noch an ihrem Standpunkt fest.

Trotz ihrer oft zurückhaltenden und gemässigten Haltung gegenüber Frauenanliegen, kommt dann und wann auch Clara Nef, die Aktivistin zum Vorschein. So kämpft sie bereits 1924 für gleiche Renten für Mann und Frau. Dafür nimmt sie – die Ausserrhoder sind damals empört – das Petitionsrecht in Anspruch. Und 1934 fordert sie mit über 300 anderen Frauen das kirchliche Frauenstimmrecht. Zur Durchsetzung sollte deren Begehren aber erst zwanzig Jahre später kommen.

Clara Nef Portrait als SeniorinStaatsarchiv Appenzell Ausserrhoden

Clara Nef verschreibt ihr Leben bis in hohe Alter der Fürsorge.

Ihre Zähheit und ihr unermüdlicher Tatendrang war ihr aber nicht in die Wiege gelegt worden. Sie war ein kränkelndes Kind und hütete oft das Bett. Ihr Vater verstarb 1892 an einer Lungenkrankheit, die erst später den Namen Tuberkulose erhalten sollte. Clara war damals sieben. Fortan wuchs sie unter der Obhut ihres äusserst strengen Grossvaters auf. Die frühe Erfahrung mit Krankheit und Tod hinterlassen bei ihr eine seelische Wunde. Verluste von liebgewonnenen Menschen werfen Clara auch später im Leben immer wieder zurück und schwächen sie oft auch körperlich. «So reich mein Leben gewesen ist an Begegnungen, so unerbittlich hat sich auch der Tod immer wieder dazwischen geschalten», schreibt sie. Der Tod ihrer Freundin und langjährigen Weggefährtin Alice Rechsteiner-Brunner im Jahr 1946 trifft sie besonders hart.

Trotz ihrer fortschreitenden Sehbehinderung bleibt Clara bis zu ihrem Tod aktiv. Bis ins hohe Alter begleitet sie im Evangelischen Sozialheim «Sonneblick» in Walzenhausen – 1938 ebenfalls von ihr mitgegründet – bedürftige Menschen wie Arbeitslose, Obdachlose, abgearbeitete Mütter oder Alkoholiker. Sie stirbt 1983 ledig und kinderlos, fast hundertjährig, in Herisau. Dort erinnert seit 2004 der Clara-Nef-Weg an ihr Leben, das sie der Wohlfahrt der Menschen schenkte: Im Appenzellerland und weit über die Grenzen hinaus.

Ostschweizer Pioniergeist

Menschen, welche das Leben in der Schweiz und manchmal sogar im Ausland veränderten: Solche Pioniere gab und gibt es auch in der Ostschweiz. Higgs startet ins Jahr 2020 mit dieser Langzeitserie, welche am Ende ein Buch werden wird – ganz nach dem Vorbild des Vorgängerprojektes «Zürcher Pioniergeist». higgs porträtiert bekannte aber auch noch unbekannte Persönlichkeiten, die Pionierleistungen erbrachten. Wir stöbern in den Archiven, reden mit Nachkommen oder gleich mit den Pionieren und Pionierinnen selber. Den Anfang der Serie machen Porträts von herausragenden Frauen. 
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