Das musst du wissen

  • Um Hass im Netz zu bekämpfen, kann sich die Gesellschaft einschalten und Gegenkommentare verfassen.
  • Wichtig ist dabei: Nicht mit Hass, nicht alleine und nicht anonym antworten.
  • Persönlich beleidigende oder strafrechtlich relevante Kommentare sollte man melden und löschen lassen.
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Nicht selten schwappt uns im Netz Hass entgegen. Genaue Statistiken gibt es für die Schweiz kaum, Zahlen von sotomo in Zusammenarbeit mit dem Frauendachverband alliance F zeigen aber, dass Anfeindungen nach dem Lockdown im April 2020 zugenommen haben. Zielscheibe von Hass im Netz sind oft benachteiligte Gruppen, wie Lesben, Schwule, ethnische Minderheiten, Einwanderer, aber auch Frauen, Politiker, Journalisten oder Personen, die sich für bestimmte Gruppen einsetzen. Dabei sind Hasskommentare nicht nur verletzend. Es kann auch der Eindruck entstehen, sie seien gängige Meinung. Darum ist es wichtig, etwas dagegen zu tun – nur was?

Antworten – mit Empathie, Humor oder Fakten

Lange habe man nach dem Motto «Don’t feed the trolls» gelebt, sagt Sophie Achermann, Geschäftsführerin von alliance F und Co-Initiantin des Projekts «Stop Hate Speech». Das bedeutet, dass man sogenannten Trollen, die zum Spass Unruhe stiften, kein Kanonenfutter geben also nicht auf sie reagieren soll. Damit verwehrt man ihnen die Genugtuung, die sie nach einer wütenden Antwort verspüren. «Dabei geht aber vergessen, dass die Sprache im Netz die Gesellschaft beeinflusst und der Hass in die reale Welt überschwappen kann», sagt Achermann. Trump und die Stürmung des Kapitols seien ein gutes Beispiel dafür. Besser als ignorieren sei es daher, gegen den Hass anzureden.

Beispielsweise mit Fakten, Humor, Moral oder Empathie. Oder indem man Widersprüche aufdeckt, vor Konsequenzen warnt, versucht positive Stimmung zu verbreiten oder den Hass schlicht benennt. All dies seien anerkannte Strategien, die auch andere Projekte gegen Online-Hass im Ausland anwenden. Welche Strategie aber wann wie gut wirke, darüber sei nur sehr wenig bekannt, sagt Sophie Achermann. Darum haben sie und ihr Team vor gut einem Monat zusammen mit der ETH und der Universität Zürich ein Forschungsprojekt gestartet. Sie wollen herausfinden, welche Strategien am besten funktionieren.

«Viele haben das Bedürfnis, faktenbasiert zu antworten», sagt Achermann. Doch dies sei die aufwändigste von allen Strategien. Gerade wenn man nicht viel Zeit habe, sei daher Empathie eine gute Alternative. Die Antwort könnte dann zum Beispiel so aussehen: «Wäre es nicht möglich, das Thema in einem anständigen Ton zu besprechen?». Wenn man sich lieber im Hintergrund bewegen möchte, könne man auch einfach die Gegenkommentare von anderen mit einem Like versehen.

Freunde zum Mithelfen motivieren

Hass mit Hass zu begegnen, sei hingegen keine gute Idee, so Achermann. Denn das Ziel der Gegenrede liegt nicht darin, den Hassverbreiter umzustimmen, sondern alle anderen Mitleser zu überzeugen. Dabei antworte man bevorzugt mit seinem Klarnamen und nicht anonym, sagt Achermann. Da so aber das Risiko bestehe, dass man dabei selber zum Opfer wird, empfiehlt sie, sich nicht alleine zu engagieren. Also zwei, drei Freunde dazu zu motivieren ebenfalls Gegenkommentare zu verfassen.

Und was, wenn jemand persönlich Opfer eines sogenannten Shitstorms wird? Auch hier empfiehlt Achermann, nicht einfach tatenlos zuzusehen. Statt selbst zu antworten empfiehlt sie auch hier, sich dafür im Freundeskreis Hilfe zu holen. Dauert der Shitstorm länger als eine Woche, sollte man das ernst nehmen und sich beispielsweise bei Netzcourage Hilfe suchen oder allenfalls auch an die Polizei wenden.

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Gegenrede lohnt sich aber nicht in jedem Fall. Beispielsweise, wenn es um persönliche Beleidigungen geht. Hier macht es mehr Sinn, Kontakt zu den Seitenbetreibern aufzunehmen und einzelne Kommentare löschen zu lassen. Das kann verhindern, dass sich die Debatte verschlimmert, wie eine Studie gezeigt hat. Denn Nutzer orientieren sich am Verhalten anderer Nutzer, womit sich Hasskommentare mit der Zeit steigern – werden einzelne davon entfernt, kann das die Abwärtsspirale stoppen. Unbedingt melden und löschen lassen sollte man zudem alle Kommentare, die strafrechtlich relevant sind, so Achermann. In der Schweiz betrifft dies diskriminierende Aussagen aufgrund der Rasse oder Religion sowie Ehrverletzung, Verleumdung und üble Nachrede.

Science-Check ✓

Studie: Normative Change and Culture of Hate: An Experiment in Online EnvironmentsKommentarDies ist ein Kommentar der Autorin / des AutorsDie Studie verglich, ob Gegenrede oder das Löschen von negativen Kommentaren den Hass in anderen Kommentaren beeinflussen kann. Wie sich im Experiment zeigte, hatte nur das Löschen einen signifikanten Effekt, nicht aber die Gegenrede. Die Studie hat aber mehrere Limitierungen: Die Stichprobengrösse ist eher klein und Probanden war es nicht möglich, wiederholt auf Kommentare zu reagieren. Damit lassen sich die Resultate nicht generell auf reale Onlineforen übertragen.Mehr Infos zu dieser Studie...

Betreiber können Kanäle oder Konten sperren

Was gelöscht wird und was nicht haben viele Plattformen, darunter Twitter, Facebook, Youtube oder Google, mittlerweile geregelt. Hasskommentare sind durch diese Regeln auf diesen Webseiten eigentlich verboten. Wie effektiv diese Massnahmen aber wirklich sind, ist noch unklar. Die Forschung liefert bisher gemischte Resultate: Erfolgreich war die Strategie im Fall der Plattform Reddit, die 2015 zwei sogenannte Subreddits – also eine Art Themenseiten – geschlossen hat. Wie eine Analyse von über hundert Millionen Beiträgen und Kommentaren zeigt, nutzten viele der an den Subbreddits beteiligten User Reddit nach dem Verbot nicht mehr. Bei denen, die blieben, verringerten sich die Hasskommentare um achtzig Prozent. Und auch in anderen Subbreddits, in die die Benutzer abwanderten, kam es nicht zu mehr Hass. Aber: Die Hater könnten einfach auf eine andere, weniger stark regulierte und spezialisiertere Plattform abgewandert sein – und da weiter ihr Unwesen treiben.

Statt Kanäle nur einzelne Konten zu sperren, kann hingegen sogar kontraproduktiv sein. Beispielsweise deuten empirische Studien, bei denen Pro-ISIS-Konten auf Twitter untersucht wurden, darauf hin, dass Online-Extremisten die Sperrung ihrer Konten als Ehrenauszeichnung betrachten. Oft waren gesperrte oder verbannte Personen zudem in der Lage, ihre Konten unter neuen Namen zu reaktivieren. Oftmals treffen Konten-Sperrungen zudem nur die Spitze des Eisbergs, weil sich Plattformbetreiber auf die grossen Fische konzentrieren. Und nicht zuletzt sind Sperrungen auch eine Gratwanderung, was die Meinungsfreiheit angeht.

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