Weniger Fleisch, weniger Zucker, weniger Lebensmittel, die im Flugzeug um den halben Erdball transportiert werden, um danach als Foodwaste zu vergammeln: Wie gesunde und nachhaltige Ernährung geht, wissen wir theoretisch schon lange.

Eher vage im Raum stand bisher, wie eine nachhaltige Ernährung neben dem immer wiederkehrenden «weniger von» konkret aussieht. Die EAT-Lancet-Kommission, ein Zusammenschluss aus Forschern verschiedener Fachrichtungen, hat am 19. Januar in der Zeitschrift «The Lancet» eine Ernährungsempfehlung veröffentlicht, in der bis auf das Gramm genau festgehalten ist, wie gesunde, nachhaltige Ernährung aussieht. Konkreter geht es kaum.

Die 37 Forscherinnen und Forscher haben dabei aus vielen Studien eine Richtlinie erarbeitet, von der die Gesundheit von Mensch und Planet und damit auch künftige Generationen profitieren würden, käme die Richtlinie auch tatsächlich zur Anwendung. Das Modell soll zudem in verschiedenen Kulturen anwendbar sein, angepasst auf das regionale und lokale Angebot. Wie sich die Agrarwirtschaft bis 2050 entwickeln kann, um zehn Milliarden Menschen satt zu bekommen, ohne die Erde zu überlasten und dabei – zusätzlich – die Erderwärmung unter zwei Grad hält, ist eine komplexe Frage. Ein einfaches Rezept dafür gibt es nicht.

Fleisch und Milch werden «optional»

Die Kommission ging Fragen nach wie: Wie viel Fleisch ist noch gesund und welches Ausmass der Produktion schadet dem Planeten? Man bedenke – als Beispiel nur: Die fünf grössten Fleisch- und Molkereikonzerne verursachen mehr schädliche Emissionen als der weltgrösste Ölkonzern Exxon Mobil. Die Antwort auf all die Anforderungen ist ein pflanzenbasiertes Ernährungsprogramm, Total-Verbote enthält es keine.

Die «Planetary Health Diet» teilt Lebensmittel in drei Gruppen ein: Als empfehlenswert listet sie Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Vollkorn und Nüsse auf. Auch Fisch fällt in diese Gruppe, jedoch mit Einschränkungen wegen des teilweise hohen Schadstoffgehalts und der bereits überforderten Ressourcen. Wer Fisch isst, so empfehlen die Wissenschaftler, sollte kleinere Fischarten bevorzugen.

Eier, Fleisch und Milchprodukte bezeichnen sie als «optional». Das ist neu. Es gebe, so die Forscher in einer detaillierten Auflistung, keine Belege, dass das Fehlen dieser Nahrungsmittel sich negativ auf die Gesundheit des Menschen auswirke. Allenfalls eine zusätzliche Zufuhr des Vitamins B12 sei bei manchen Ernährungsweisen ratsam. Diese Empfehlung bezieht sich sehr wahrscheinlich auf den veganen Ernährungsstil.

Für europäische Ernährungsgewohnheiten lässt sich die «Planetary Health Diet» – sehr verkürzt – so zusammenfassen: Sehr viel Gemüse, viel Bohneneintopf, viele Nüsse, wenig Milchprodukte und nur noch alle zwei Wochen ein Schnitzel. In Zahlen bedeutet das:

Infosperber

Die Richtlinien der Lancet-EAT-Kommission auf sieben Tage hochgerechnet. Weggelassen haben wir der Übersichtlichkeit halber Fette und Zucker.

Zur Umsetzung schlagen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einfache Massnahmen vor, so etwa die Verteuerung umweltbelastender Lebensmittel, den Verzicht auf Werbung dafür, die Verringerung von Foodwaste und die Unterstützung von kleinen und mittleren Landwirtschaftsbetrieben. Die grössten Veränderungen kommen dabei auf die wohlhabenden Industrieländer zu. Der Verzehr von Fleisch und Zucker muss dort drastisch sinken – zugunsten von wesentlich mehr Gemüse.

Etwas leichter dürften es die aufstrebenden Entwicklungsländer haben, sagt der schwedische Resilienzforscher Johan Rockström, der Mitglied der EAT-Kommission ist, im Interview mit der BBC. Dort werde der westliche Ernährungsstil zwar aus Prestigegründen angestrebt, es stünden aber meist Alternativen zur Verfügung. Der Generalsekretär des europäischen Verbandes der Milchindustrie, Alexander Anton, hält die Empfehlungen wenig überraschend für einen Versuch der Kommission, möglichst grosse Medienaufmerksamkeit zu erlangen. Die im Lancet veröffentlichten Empfehlungen zum Milchkonsum gäben lediglich die Meinung der Experten wieder, das sei keine Wissenschaft, sagte er im gleichen Interview.

So radikal ist die EAT-Richtlinie gar nicht

Sollte die Menschheit dieser «grünen» Diät zumindest näherkommen, wäre das ein gesundheitlicher Gewinn für alle. Und «Win-Win» für den Planeten, sagen die Forscher. Etwas bange kann einem trotzdem werden – kaum noch Fleisch, wenig Käse und Milch, das klingt revolutionär. Eine grundlegende Umwälzung moderner Ernährungsprinzipien ist die Richtlinie dennoch nicht. Das zeigt schon ein Blick darauf, wie sich die Ernährungsrichtlinien in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben.

USDA

1992 gab das US-Agrarministerium (USDA) die erste Ernährungsempfehlung in Pyramidenform heraus.

Seit es nicht mehr nur ums Sattwerden ging, änderten sie sich mehrmals. 1992 gab die US-Agrarbehörde USDA die erste Ernährungspyramide heraus. Diese sollte den US-Bürgen helfen, «die Nährstoffe zu erhalten, die sie benötigen, und nicht zu viele Kalorien, oder zu viel Fett, gesättigte Fettsäuren, Cholesterin, Zucker, Natrium, Alkohol» zu sich zu nehmen. Die übersichtliche Aufstellung enthielt sechs Nahrungsmittelgruppen. Die Basis der Ernährung, empfahl die USDA, solle auf stärkehaltigen Grundnahrungsmitteln wie Getreide, Kartoffeln und Brot fussen, ergänzt durch etwas weniger Obst und Gemüse. Zusammen ein Viertel der täglich verzehrten «Portionen» nahmen Fleisch und Milchprodukte, Nüsse und Bohnen ein. Zucker, Öle und Fette sollten nur sparsam benutzt werden. Dieses Modell war jahrelang Grundlage der Ernährungswissenschaft.

2005 ergänzte die USDA ihre Empfehlung um körperliche Aktivität und führte «Kalorienstufen» (auf Englisch Calorie Levels) ein. 2011 wurde die Pyramide durch einen Teller abgelöst.

2011: Mehr Vitamine, weniger Stärke, alternative Proteinquellen

Wie sich die Wahrnehmung gewandelt hat, sieht man an der Schweizer Ernährungspyramide von 2011. An deren Basis stehen Obst und Gemüse. Die stärkehaltigen Vollkornprodukte und Kartoffeln folgen an zweiter Stelle, auch die Hülsenfrüchte sind in diese Gruppe gewandert. Die Aufstellung trägt verschiedenen Ernährungsweisen und alternativen Proteinquellen Rechnung. Fleisch, Fisch und Milchprodukte werden mit Eiern und Tofu in einer Gruppe zusammengefasst. Dazu kamen kalorienarme Getränke wie Wasser und Tee.

sge Schweizerische Gesellschaft für Ernährung/USDA

2011: Die Schweizer Lebensmittelpyramide (links) und die USDA-Empfehlung «My Plate» In beiden Aufstellungen sind Obst und Gemüse am wichtigsten.

2019: Pflanzen werden endgültig zur Basis der Ernährung

Insofern ist die Empfehlung der EAT-Wissenschaftler der USDA-Empfehlung von 2011 zumindest ähnlich. Die Hälfte des Tellers bestand schon 2011 aus Gemüse und Obst. Fleisch und Milchprodukte verloren schon an Bedeutung, dafür wurden pflanzliche Proteinquellen wichtiger.

EAT/Health Canada

2019: Links die Tellergrafik der EAT-Kommission, rechts die neueste Ernährungsempfehlung der kanadischen Regierung.

Auf dem EAT-Teller spielt Tierisches kaum noch eine Rolle. Etwas übersichtlicher und damit praktikabler ist die kanadische Version des Tellers, die schlicht zwischen den Gruppen «Obst und Gemüse», «Proteinquellen» und «Vollkorn» unterscheidet.

Wie sich der Teller in Zukunft entwickelt, hängt auch von Nahrung ab, die es so noch gar nicht gibt. Proteinquellen wie Insekten, die bisher nur in einigen Gegenden konsumiert werden, könnten sich beispielsweise über den ganzen Globus verbreiten. Auch künstliches Fleisch aus dem Reagenzglas könnte einen Siegeszug antreten. Dazu, so die Autoren der Studie, gebe es bisher aber noch keine Untersuchungen.

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