Benedikt Meyer


Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.

Paris, 1957: Ein letztes Mal beugte sich Adrian Frutiger über seine Skizzen. Monatelang hatte er Schatten und Weissräume balanciert, an Linien gefeilt, Strichstärken variiert und Serifen angedeutet. Jetzt passte alles: «Univers» ging in Produktion. Für den jungen Schriftenmacher aus Unterseen war es die Erfüllung eines Traums – und der Anfang einer grossen Karriere.

Auf den ersten Blick sah Univers aus, wie eine Schrift aus Zirkel und Lineal. Aber da war beispielsweise das kleine n. Der Bogen schoss leicht über die x-Höhe hinaus, neigte sich ganz leicht nach rechts und die Strichstärke war zur Linken minim feiner gezogen – wie bei einer Handschrift.

Frutiger hatte nichts berechnet, sein Vorgehen war intuitiv und überlegt. Viele Details sah man erst in x-Facher Vergrösserung. Das a hatte ein klitzekleines Füsschen, das o war kein Kreis, das s verjüngte sich minim gegen oben und manche Geraden waren eigentlich keine. Das alles machte Univers leicht und neutral, aber nicht steril.

Es war eine stille Revolution: Univers wirkte modern und zeitlos. Und sie wurde zur Freude von Grafikern und Werbern als erste Schrift in diversen Variationen und Strichstärken produziert. Das war der eine Grund für ihren Erfolg. Der andere war, dass man mit ihr nichts falsch machen konnte: Univers war das kleine Schwarze der Typografie. Die Liste der Firmenlogos und Einsatzbereiche ist endlos, und das obwohl Univers so unspektakulär war, dass sie beinahe verschwand. «Wenn ich eine Suppe esse und mich hinterher an den Löffel erinnere», meinte Frutiger, «dann hatte er die falsche Form.»

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Dass ein Jahr später «Helvetica» auf den Markt kam und Univers noch überflügelte, hat Frutiger nie gestört (wer die beiden G vergleicht, fragt sich allerdings, wie es Helvetica so weit gebracht hat). Die beiden Schweizer Kreationen verbreiteten sich rasant und setzten einen neuen Standard für die Schrift. Heute sind Univers, Helvetica und ihre billigen Kopien überall anzutreffen, weltweit und jederzeit.

PD

Adrian Frutiger arbeitete weiter an seinen Zeichen und entwarf Schriften wie Egyptienne, Frutiger oder Avenir. Sein zweiter grosser Wurf aber war OCR-B, die sich beispielsweise auf Einzahlungsscheinen findet und von Maschinen am besten gelesen werden kann. Quasi Univers 2.0.

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