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In einem der letzten Faktisten habe ich den Hirn-Booster von Oprah Winfrey analysiert. Die unklare chemische Zusammensetzung solcher Präparate ist das eine. Das andere ist der behauptete Zusammenhang zwischen Oprahs Gedächtnisleistung und dem Nahrungsergänzungsmittel.

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Interessanterweise wirbt der Brain Booster auch mit Bill Gates. Abgesehen davon, dass Gates dieser Werbung wohl nie zugestimmt hat, zeigt sie deutlich den gedanklichen Fehlschluss. Bill Gates war schon vor 50 Jahren als Schüler hyperintelligent. Ganz ohne Hirndoping.

Winfrey und Gates sind nicht so schlau, weil sie den Hirn Booster nehmen, sondern sie sind interessante Werbebotschafter, weil sie so intelligent sind. Es werden also Ursache und Wirkung verwechselt, oder im Fall dieser Werbung sogar absichtlich vertauscht. Das nennt man umgekehrte Kausalität.

Diese Art von Umkehrschluss findet man auch in der Wissenschaft. Hier geschieht es oft unbeabsichtigt, weil die Forschenden eine Hypothese beweisen wollen und übersehen, dass andere Erklärungen genauso plausibel sein könnten.
Ein Beispiel ist der Zusammenhang zwischen Hirntumoren und den elektromagnetischen Felder des Mobiltelefons. Wissenschaftler schreiben in einer Übersichtsstudie, der Zusammenhang zwischen dem Acusticus Neurinom – einem Tumor auf dem Hörnerv – und Mobilfunkstrahlung sei mittlerweile evident. Denn es gebe leicht mehr solche Tumore auf der Seite, an der man das Telefon an den Kopf hält.

Andere Forschende hingegen verkehren diesen Zusammenhang ins Gegenteil: Auf der Seite, wo man das Telefon hält, entdeckt man den Tumor bloss früher – weil dort die Hörleistung abnimmt. Auf der anderen Seite kommt der Tumor genauso häufig vor, aber man entdeckt ihn seltener.

Und sehr spannend wird es, wenn man auf der Website einer Selbsthilfegruppe nachsieht. Dort haben die Leute das Neurinom vor allem auf der Seite, wo sie nicht telefonieren. Heisst das, dass Telefonieren vor dem Tumor schützt? Sicher nicht. Aber die Leute, die einen noch unerkannten Tumor haben, hören schlecht und weichen auf das besser hörende Ohr aus.

Wenn man die umgekehrte Kausalität anwendet, kann man auch aus einer anderen Studie krasse Schlüsse ziehen:
Sie belegt, dass Menschen nach Diagnose eines Hirntumors länger leben, wenn sie häufig ein Mobiltelefon nutzen. Daraus zu schliessen, dass Mobiltelefonieren das Leben verlängert, ist absurd. Die wohl eher zutreffende Erklärung lautet: Je gravierender der Tumor ist, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass jemand noch ein Mobiltelefon nutzen kann. Leute mit einem kleinen Tumor können noch länger telefonieren, beziehungsweise überleben länger. Nicht weil sie telefonieren, sondern weil eben der Tumor noch nicht so schlimm ist.

Die Moral der Geschichte: Wir verwechseln häufig Ursache und Wirkung. Und: Eine Aussage über den Zusammenhang zwischen Hirntumoren und Mobilfunk ist kaum möglich, weil die Effekte – wenn es sie überhaupt gibt – äusserst gering sind. Und so kann jede und jeder die Studienergebnisse so interpretieren, wie es ihm in den Kram passt.

Der Faktist

Der Faktist schaut ganz genau hin. Im Dschungel der wissenschaftlichen Studienresultate behält er den Überblick. Zeigt, was zusammenhängt. Und was einfach nicht aufgeht. Der Faktist ist Beat Glogger, Gründer und Chefredaktor von higgs. Jeden Dienstag als Sendung auf Radio 1 und als Video auf higgs.
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