Eine Glasflasche am Ufer eines Flüsschens.
Bild: Andrew Measham Abfall in der Natur – das sieht man in der Schweiz kaum.
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In Sachen Umwelt gilt die Schweiz als Vorbild. Diesen Ruf erwarb sie sich schon früh: «Mit der Gründung eines Nationalparks im Jahr 1914 zählte das Land zu den Vorreitern in Europa», sagt Christian Rohr, Professor für Umweltgeschichte an der Universität Bern. Mitte der 1960er-Jahre folgte der Gewässerschutz: In den Gemeinden begann der Aufbau eines engmaschigen Netzes aus Abwasserreinigungsanlagen. Dank ihnen ist unser Trinkwasser heute so sauber wie kaum irgendwo. Auch die Luftreinhalteverordnung, die sich das Land im Zuge der Diskussion über das Waldsterben in den 1980er-Jahren gab, gilt noch heute als beispielhaft. Sie hat bewirkt, dass die Belastung der Luft mit Schadstoffen wie Schwefeldioxid und Stickstoffdioxid heute zu den tiefsten Europas gehört.

Doch das Image des ökologischen Musterknaben gerät zunehmend ins Wanken. So steht es etwa um die Luft und das Wasser trotz der genannten Fortschritte nicht überall gut. 30 bis 40 Prozent der Schweizer Bevölkerung sind zu hohen Mengen an Feinstaub ausgesetzt, der Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Lungenkrebs auslösen kann. Massiv erhöht sind die Feinstaubwerte in Städten und Agglomerationen. Und die Schweizer Flüsse und Bäche leiden unter zu hohen Mengen an Nitraten und Pestiziden aus der Landwirtschaft.

Quellen: OECD, EEA, Bafu, BFS, BFE, EU-Studie «The global resource footprint of nations» (2014), Grafik: Dissoid.com
Die Schweiz im internationalen Vergleich: Der Ausstoss von Treibhausgasen; der Rohmaterialverbrauch; der Anteil der Landesfläche, die als geschützt ausgewiesen ist; der Anteil erneuerbarer Energien am gesamten Energieverbrauch; die Abfallmenge und welcher Anteil davon rezykliert wird; die Badewasserqualität.

Durchzogene Bilanzen

Auch in anderen Bereichen häufen sich die schlechten Nachrichten. Zwar belegt die Schweiz weltweit einen Spitzenplatz beim Recycling, aber mit 712 Kilogramm an Siedlungsabfällen pro Kopf und Jahr produziert sie im europäischen Vergleich auch fast am meisten Müll (siehe Grafik). Und vom Kunststoffmüll werden heute gerade mal 11 Prozent wiederverwertet und in den Stoffkreislauf zurückgeführt.

Kein sonniges Bild auch bei der Förderung von erneuerbaren Energien: Zwar stammt die Hälfte des in der Schweiz verbrauchten Stroms aus sauberer Wasserkraft. Aber Wind- und Solarkraft kommen nicht richtig in die Gänge, wie eine Studie der Schweizer Energiestiftung (SES) kürzlich belegte. Die SES fordert deshalb mehr Subventionen. Aber auf eine Förderung durch die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) können Eigentümer von Solaranlagen kaum hoffen. Nur rund die Hälfte der zurzeit wartenden Antragsteller hat eine Chance, tatsächlich Zuschüsse zu erhalten. Dabei ist klar: Die Energiewende ist mit Wasserkraft allein nicht zu schaffen. Denn diese kann in Zukunft maximal um fünf Prozent wachsen. Zu wenig, um die Kernenergie zu ersetzen, die derzeit 26 Prozent des Schweizer Strombedarfs deckt.

Alarmstufe beim Artenschutz

Besonders schlecht steht es hierzulande um den Schutz der Artenvielfalt. Über ein Drittel der Tier- und Pflanzenarten sind gefährdet. Aber geschützte Räume für die Natur sind rar: Von allen OECD-Ländern weist die Schweiz bezogen auf die Landesfläche den geringsten Anteil an Schutzgebieten aus, wie ein Bericht der Europäischen Umweltagentur aus dem Jahr 2015 zeigt

Der Rückgang der Biodiversität hat verschiedene Gründe. Einer davon ist der übermässige Pestizideinsatz in der Landwirtschaft. 70 Prozent der Schweizer Gewässer sind mit Pestiziden belastet. Umwelthistoriker Christian Rohr sieht die Ursache dafür in einer laschen Gesetzeslage: «In der Schweiz ist der Einsatz von Pestiziden in einem kleineren Abstand von Flüssen erlaubt als in der EU», sagt Rohr. «Mitverantwortlich für die weicheren Schweizer Vorschriften sind Interessenverbände, die andere Prioritäten haben als den Schutz der Umwelt.»

Auf die prekäre Lage beim Artenschutz reagiert der Bund mit mehr Geld: Er kündigte im Mai an, in den nächsten vier Jahren im Rahmen der Strategie Biodiversität Schweiz 135 Millionen Franken für dringliche Massnahmen bereitzustellen. «Das ist ein Schritt in die richtige Richtung», sagt Christoph Rytz vom WWF Schweiz. «Doch leider wird dies bei weitem nicht reichen. Nur schon für die Pflege der kostbarsten Naturjuwelen fehlen gut 100 Millionen Franken pro Jahr.» Zudem schätzen Experten, dass sich in der Schweiz die Fläche der für den Artenschutz wichtigen Lebensräume verdoppeln müsste, um die Biodiversität langfristig zu erhalten.

Dem steht aber die rasant voranschreitende Zersiedlung im Wege. Diese ist nur zum Teil eine Folge des Bevölkerungswachstums. Verschärft wird sie dadurch, dass die Einwohner der Schweiz immer mehr Fläche in Anspruch nehmen. Seit 30 Jahren wächst die Siedlungsfläche pro Kopf. Derzeit liegt sie bei 407 Quadratmetern – leicht höher als das Ziel von 400 Quadratmetern, das der Bundesrat als nachhaltig erachtet.

Besonders akut ist das Problem auf dem Land, etwa im Kanton Jura. «Dabei wäre die ungebremste Ausweitung ländlicher Siedlungen nicht nötig», sagt die Landschaftsforscherin Silvia Tobias von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). «Denn Bauland wäre zum Beispiel auf Industriebrachen genügend da.»

Die Politik ist gefordert

Warum hinkt die Schweiz also heute in vielen Umweltfragen ihren Nachbarländern hinterher? Auch Rohr sieht einen wesentlichen Grund in der dichten Besiedlung. Hinzu komme die Politik jener Kreise, die den Schutz des Wirtschaftsstandorts mehr gewichten als den Umweltschutz. «Der stark partizipative Charakter der Schweizer Demokratie verzögert viele Umweltschutzinitiativen oder blockiert diese gänzlich», sagt er. Soll Umweltschutz also radikal per Dekret verordnet werden? «Nein. Das wäre in der demokratischen Schweiz unpopulärer als in jedem anderen europäischen Land.» Aber der Umwelthistoriker fordert vom Parlament bei Umweltfragen mutigere Vorstösse und einen stärkeren Einbezug von Experten.

Hier ist die Schweiz noch spitze

Trinkwasser: Das hiesige Trinkwasser ist weltweit das sauberste.

Kläranlagen: 98 Prozent der Bevölkerung leben in Haushalten, die an eine Abwasserreinigungsanlage angeschlossen sind – der höchste Wert in Europa.

Stickstoffdioxid: Die Schweiz hat in den Ballungsgebieten eine tiefere Belastung als andere europäische Länder. Grund: ein kleinerer Anteil von Dieselfahrzeugen.

Schwefeldioxid, Schwermetalle: Diese Schadstoffe weisen bei uns im Allgemeinen nur sehr tiefe Werte auf. Erhöht sind sie nur in unmittelbarer Nähe einzelner industrieller Anlagen.

Weitere Informationen:

CREEA Global Resource Footprint of Nations (Englisch)

Bericht des Bundesrates «Umwelt Schweiz» (2015)

Die Erstversion dieses Beitrags erschien am 10. Juni 2016.

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