Das musst du wissen

  • Eine ETH-Studie kam zum Schluss, dass weltweit auf einer Fläche so gross wie die USA Bäume angepflanzt werden könnten.
  • So liesse sich ein grosser Anteil des vom Menschen ausgestossenen Kohlenstoffs aus der Atmosphäre holen.
  • An der Studie wurde massive Kritik aus aller Welt laut – worauf die Autoren ihre Schlussfolgerung entschärften.

Im Sommer machte eine Studie der ETH Zürich weltweit Schlagzeilen: Auf der Erde stünde eine Fläche so gross wie die USA zur Verfügung, um Bäume anzupflanzen und so im Kampf gegen den Klimawandel 205 Gigatonnen Kohlenstoff aus der Atmosphäre zu holen. Nun haben sich 86 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von Institutionen aus 22 Ländern auf allen Kontinenten – darunter auch der ETH – an das Fachmagazin «Science» gewandt, das die Studie ursprünglich veröffentlicht hatte. In insgesamt vier Kommentaren und drei Briefen an die Redaktion des Magazins artikulieren die Forschenden überwiegend Kritik an der Studie. Diese überschätze das Potential, durch Aufforstung dem Klimawandel entgegenwirken zu können, so der Tenor.

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Studie: The global tree restoration potentialKommentarDies ist ein Kommentar der Autorin / des AutorsBei der Erstellung eines Modells, das Voraussagen für die gesamte Welt machen soll, muss man vereinfachen und abstrahieren. Das ist immer mit Unsicherheiten verbunden. Diese hätte die Studie aber besser verdeutlichen und kommunizieren können. Die Autoren wollten auf die Dringlichkeit einer Lösung hinweisen, sind in ihrer Zuspitzung wohl aber über das Ziel hinausgeschossen.Mehr Infos zu dieser Studie...

Von den 900 Millionen Hektar, die gemäss der Originalstudie für die Bewaldung zur Verfügung stehen, liegen viele Flächen in nördlichen Gebieten Skandinaviens, Kanadas oder Russlands. Dass dort Wälder in grossem Stil wachsen könnten, sagt das Modell der Forschenden vorher, welche dieses durch maschinelles Lernen entwickelten. Dem Modell liegen zehn verschiedene Umweltvariablen für den gesamten Globus zugrunde, etwa die mittlere Jahrestemperatur oder die jährliche Niederschlagsmenge.

Die Vielfalt der Erde nicht genügend beschrieben

Doch Eike Lüdeling von der Universität Bonn, Agrarwissenschaftler und Autor einer der Briefe, kritisiert im Gespräch: «Das sind zu wenige Variablen, um die Vielfalt der Lebensräume auf der gesamten Erde zu beschreiben». So beachte das Modell nicht, dass in der Tundra wegen des Permafrostes und der kurzen Wachstumsphase nur in geringem Umfang Baumwachstum möglich ist. Ebenso missachte das Modell, dass in vielen Regionen Afrikas, die für eine Bewaldung ausgewiesen wurden, keine flächendeckende Baumbedeckung zu erwarten ist. Viele dieser Regionen seien dicht von Menschen besiedelt, und insbesondere in Savannengegenden sorgten regelmässige Feuer und grosse Herden grasender Gnus, Elefanten und anderer Säuger für eine offene Graslandschaft mit nur lockerem Baumbestand.

«Wir mussten uns in der Auswahl der Variablen für unser Modell beschränken», wehrt sich Jean-François Bastin, Erstautor der Studie. «Hätten wir viel mehr Variablen genutzt, wäre das Modell nicht allgemeingültig genug gewesen, um Aussagen für den gesamten Globus zu treffen». Wie in jedem Modell gebe es Ungenauigkeiten, aber diese seien ausgewiesen. In Tests habe das Modell ausserdem gezeigt, dass es die derzeitige Realität gut beschreibe.

Ein weiterer Kritikpunkt: In den nördlichen Gebieten liegt normalerweise Schnee, der die Sonnenstrahlung reflektiert. Dieser sogenannte Albedo-Effekt kühlt das Erdklima. Wird der Schnee durch dunkle Waldflächen ersetzt, die mehr Strahlung absorbieren, dann könnte das zu einer Erwärmung und zum Auftauen des Permafrostes in diesen nördlichen Regionen führen. «Das sind sicherlich wichtige Punkte, die wir weiter erforschen müssen», sagt Studienautor Bastin. Aber er gibt zu bedenken: «Unsere Studie sagt nicht, dass wir in diesen Gebieten Bäume pflanzen sollen, sondern nur, dass dies dort generell möglich ist.»

Eine falsche Zahl ging um die Welt

In der Originalstudie setzten die Autoren die 205 Gigatonnen Kohlenstoff, die sich laut Modell durch ausgereifte Wälder aus der Atmosphäre zurückholen liessen in Bezug zu der Menge Kohlenstoff, welche durch menschliche Aktivitäten seit vorindustriellen Zeiten in die Atmosphäre gelangt ist – etwa 300 Gigatonnen. In der weltweiten Berichterstattung wurde daraus zwei Drittel der menschengemachten CO2-Emissionen. So verlautbarte es die ETH in einer Mitteilung, so haben wir es auch auf higgs berichtet, obwohl dies so nicht in der Studie steht.

Der Kohlenstoffausstoss der Menschheit seit vorindustrieller Zeit beträgt nämlich an die 600 Gigatonnen, die Hälfte davon ist schon in Wäldern und Ozeanen gebunden, die andere Hälfte verbleibt in der Luft. Richtig wäre also, dass die errechnete Bewaldung ein Drittel und nicht zwei Drittel des gesamten menschengemachten Kohlenstoffs zurückholen könnte.

In der Zusammenfassung der Originalstudie bezeichnen die Autoren die globale Bewaldung als «effektivste Lösung gegen den Klimawandel». Dies sei «wissenschaftlich einfach falsch» und «auf gefährliche Weise irreführend» schreibt eine Gruppe von Kommentatoren, unter ihnen die ETH-Klimaforscherin und Autorin eines Weltklimarat-Berichtes Sonia Seneviratne. Nun haben die Forschenden die Formulierung in der Zusammenfassung ihrer Studie entschärft. Dort steht nun, es handele sich um «eine der effektivsten Lösungen zur Kohlenstoffabsenkung». Denn auch sie stimmen überein: Die effektivste Lösung der Klimakrise besteht darin, weniger fossile Brennstoffe zu verbrauchen und den Kohlenstoffausstoss schnell und drastisch zu reduzieren.

Diesen Beitrag haben wir ursprünglich für nau.ch geschrieben.
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