Das musst du wissen

  • Schmerzen an der Einstichstelle, Müdigkeit, Kopf- und Muskelschmerzen sind die häufigsten kurzzeitigen Nebenwirkungen.
  • Zu den bisher beobachteten seltenen Nebenwirkungen gehören allergische Reaktionen.
  • Mögliche Langzeitfolgen lassen sich noch nicht ausschliessen. Experten halten solche aber für wenig wahrscheinlich.
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Letztes Update: 23. Juni

Weltweit haben bereits mehr als eineinhalb Milliarden Menschen eine Impfung gegen das neue Coronavirus erhalten. In der Schweiz wurden bis zum 16. Juni 2021 über sechs Millionen Impfdosen verabreicht und mehr als zwei Million Personen vollständig geimpft. Dabei kamen die beiden mRNA-Impfstoffe der Hersteller Moderna und Biontech/Pfizer zum Einsatz. Letzterer ist seit Anfang Juni 2021 auch für 12- bis 15-Jährige freigegeben und wird Jugendlichen ab 12 Jahren vom BAG und der Eidgenössischen Kommission für Impffragen empfohlen. Zugelassen ist hierzulande auch der Impfstoff von Johnson & Johnson. Dieser wird bisher aber nicht verimpft, weil die Schweiz keine Dosen beim Hersteller bestellt hat. Im rollenden Zulassungsverfahren prüft die Zulassungsbehörde Swissmedic zurzeit auch die Impfstoffe von Astrazeneca und Curevac sowie die Erweiterung der Moderna-Zulassung auf 12- bis 17-Jährige.

Hier beantworten wir die wichtigsten Fragen zu klassischen harmlosen und unerwünschten Nebenwirkungen sowie zu möglichen Langzeitfolgen der verschiedenen Corona-Impfungen.

Wie werden Nebenwirkungen erhoben?

Ob und welche Nebenwirkungen nach einer Impfung auftreten, wird im Rahmen von klinischen Studien erfasst. Dabei befragt medizinisches Fachpersonal die Probanden aktiv nach auftretenden Nebenwirkungen oder die Probanden erfassen diese selber anhand eines elektronischen Tagebuchs. Nach der Zulassung eines Impfstoffs überwacht die Zulassungsbehörde – in der Schweiz heisst diese Swissmedic – vermutete unerwünschte Wirkungen. Geimpfte Personen sollen sich bei starken oder ungewöhnlichen Symptomen an ihren Arzt oder ihre Apothekerin wenden. Diese leiten die Meldungen an Swissmedic weiter. Bis am 15. Juni 2021 sind diesbezüglich 2944 Meldungen eingegangen.

Zusätzlich müssen auch die Hersteller selbst eine Datenbank führen.

Alle gemeldeten Ereignisse werten die Hersteller anschliessend in einer Folgestudie aus. Diese sogenannte Phase-4-Studie dauert in der Regel zwei bis vier Jahre – oder bis mehrere Millionen Menschen den Impfstoff erhalten haben. Dabei lässt sich prüfen, ob sehr seltene, aber schwerwiegende unerwünschte Nebenwirkungen auftreten. Auch wird so ermittelt, wie Personen- oder Altersgruppen, die nicht Teil der klinischen Studien waren – Kinder oder Schwangere beispielsweise – auf den Impfstoff reagieren.

Jedoch sind nicht alle Ereignisse, die nach einer Impfung auftreten, auf die Impfung selber zurückzuführen. Denn schwere Krankheiten oder auch Todesfälle kommen unabhängig von einer Studie oder Impfkampagne vor. Daher ist für eine Beurteilung der gemeldeten Ereignisse auch die gesundheitliche Vorgeschichte der Betroffenen wichtig. Zum Beispiel im Falle der 91-jährigen Person aus dem Kanton Luzern, die an einigen Vorerkrankungen litt und einige Tage nach einer Covid-19-Impfung verstarb. Hier legten weder die Krankengeschichte noch der akute Krankheitsverlauf einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen der Impfung und dem Tod nahe.

Um ein zufälliges Zusammentreten einer Beschwerde mit der Impfung nicht mit einer Nebenwirkung zu verwechseln, vergleichen Experten in den klinischen Studien der Phasen 1 bis 3 jene Personen, die den Wirkstoff erhalten haben, mit der Kontrollgruppe, denen nur ein Placebo gespritzt wurde. Es wird analysiert, wie häufig gewisse Ereignisse innerhalb der beiden Gruppen, aber auch in der Bevölkerung normalerweise rein statistisch vorkommen. Kommt es in der Gruppe der Geimpften zu signifikant mehr Ereignissen, gelten diese als Folge des Wirkstoffs. In Studien der Phase 4 gibt es normalerweise keine Kontrollgruppen mehr, sodass Experten Geimpfte mit der Gesamtbevölkerung vergleichen.

Welche häufigen Nebenwirkungen traten bei den Covid-19-Impfungen vor der Zulassung auf?

Wie die klinischen Studien des mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer zeigten, sind Schmerzen an der Einstichstelle, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Muskelschmerz und Schüttelfrost die häufigsten Nebenwirkungen. An der Studie nahmen über 40 000 Personen teil, von denen die Hälfte den Impfstoff, die andere Hälfte eine Kochsalzlösung als Placebo erhielt. In die Auswertung der häufigen Nebenwirkungen eingeschlossen waren 8183 Probanden. Wie viel Prozent dieser Personen über die oben genannten Nebenwirkungen klagten, unterschied sich je nach Altersgruppe und ob es sich um die erste oder zweite Impfdosis handelte. Insgesamt waren die Symptome bei jüngeren Probanden häufiger und nach der zweiten Impfdosis stärker als nach der ersten. Auch die Placebo-Gruppe klagte über Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen oder Müdigkeit. Dennoch waren die Symptome bei den mit dem Wirkstoff Geimpften insgesamt häufiger. So berichteten beispielsweise in der Altersgruppe 16 bis 55 Jahre 83 Prozent der Geimpften und nur 14 Prozent aus der Placebo-Gruppe über Schmerzen an der Einstichstelle innerhalb von sieben Tagen nach der ersten Dosis. Hingegen fühlten sich 47 Prozent der Geimpften müde und schlapp – aber auch 33 Prozent der Placebo-Gruppe.

Bei den meisten Personen hielten diese Symptome einige Tage an und waren mild bis moderat, in wenigen Fällen aber auch stark. Diese Nebenwirkungen seien nicht aussergewöhnlich und von einer Impfung zu erwarten, wie der Immunologe Steve Pascolo vom Universitätsspital Zürich gegenüber higgs sagt. Denn dabei handelt es sich in erster Linie um eine Reaktion des Immunsystems, die in der Regel mehrere Tage bis Wochen dauert.

Auch Probanden, die die Wirkstoffe von ModernaAstrazeneca, Johnson & Johnson und Curevac erhielten, berichteten häufig über diese klassischen Nebenwirkungen wie Schmerzen an der Einstichstelle, Müdigkeit, Kopfschmerzen und Muskelschmerz. An der klinischen Studie der Phase 3 von Moderna beteiligten sich über 30 000 Personen. Für den Wirkstoff von Astrazeneca und jenen von Johnson & Johnson liegen die Zwischenergebnisse der Phase-3-Studie basierend auf über 30 000 beziehungsweise über 40 000 Personen vor. Die klinische Studie der Phase 3 des Impfstoffs von Curevac mit rund 36 000 Personen ist noch nicht abgeschlossen.

Welche seltenen schweren Nebenwirkungen traten bei den Covid-19-Impfungen vor der Zulassung auf?

Neben diesen klassischen Impfreaktionen traten aber bei allen drei Impfstoffen sowohl in der Impfgruppe als auch in der Placebo-Gruppe einzelne schwere unerwünschte Ereignisse auf. Im Falle von Biontech/Pfizer kamen Experten zum Schluss, dass bei drei dieser Ereignisse ein kausaler Zusammenhang mit dem Impfstoff besteht: eine Schulterverletzung, eine Schwellung der Lymphknoten sowie eine Herzrhythmusstörung. Die Auswertung dieser unerwünschten Nebenwirkungen basiert auf allen über 40 000 Probanden.

Im Rahmen der Astrazeneca-Studie traten in Grossbritannien drei Fälle von transverser Myelitis auf – zwei in der Impfgruppe, einer in der Kontrollgruppe. Dabei handelt es sich um eine seltene entzündliche Erkrankung des Rückenmarks, die ohne bekannte Ursache, durch andere entzündliche Krankheiten, wie beispielsweise Multiple Sklerose, oder durch Infektionskrankheiten auftreten kann. Wie genau eine Infektion oder eine Impfung diese Krankheit auslösen kann, ist bisher aber nicht vollständig geklärt.

Die drei Fälle in Grossbritannien wurden von einem Komitee unabhängiger Neurologen überprüft. Ein solches Komitee begleitet jede klinische Studie am Menschen. Sie kamen zum Schluss, dass bei zwei der drei Ereignisse ein Zusammenhang mit der Impfung unwahrscheinlich ist: Bei einer der mit dem Wirkstoff geimpften Personen diagnostizierten Ärzte eine bisher unentdeckte Multiple Sklerose, die die Myelitis sehr wahrscheinlich ausgelöst hat. Wieso bei der Person aus der Kontrollgruppe, die eine Impfung gegen Meningokokken erhalten hatte, kein Zusammenhang besteht, ist in der Studie nicht weiter ausgeführt. Die transverse Myelitis der zweiten geimpften Person hingegen hängt laut Expertenbericht möglicherweise mit der Impfung zusammen. Laut den Studienautoren haben sich alle drei Probanden mittlerweile erholt.

In der klinischen Studie des Moderna-Impfstoffs entwickelten drei Personen aus der Impfgruppe und eine Person aus der Kontrollgruppe eine vorübergehende Lähmung im Gesicht. Dass dieses Ereignis eine Folge der Impfung ist, ist zurzeit nicht auszuschliessen.

Bei allen drei Studien kam es unter den Geimpften und in der Kontrollgruppe zu einzelnen Todesfällen, die nicht auf Covid-19 zurückzuführen sind. Bei der Biontech/Pfizer-Impfung waren es beispielsweise zwei Tote in der Impfgruppe und vier Tote in der Placebo-Gruppe. Da solche Todesfälle in der allgemeinen Bevölkerung in den entsprechenden Altersgruppen ähnlich häufig sind, ist keines der Ereignisse auf die Impfung der Wirkstoffe oder der Kochsalzlösung zurückzuführen.

Welche seltenen Nebenwirkungen traten bei den Covid-19-Impfungen nach der Zulassung auf?

Der Grossteil der impfbedingten Nebenwirkungen tritt in der Regel innerhalb von zwei bis drei Monaten nach der letzten Impfdosis auf, wie Carlos Guzmán, Leiter der Abteilung Vakzinologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig Guzmán gegenüber science.lu sagte . Diesen Zeitraum decken die klinischen Studien der Hersteller zwar ab, doch sehr seltene Nebenwirkungen entdeckt man erst, wenn einige Millionen Menschen geimpft sind. Bei den Corona-Impfstoffen könnte es dabei vergleichsweise schnell gehen, bis seltene Nebenwirkungen bekannt sind. Alleine in den USA wurden bis am 14. Juni 2021 bereits mehr als 75 Millionen Menschen vollständig mit dem Biontech/Pfizer-Impfstoff und fast 60 Millionen mit jenem von Moderna geimpft. Erst nach dem Start einer Impfkampagne zeigt sich zudem, wie bestimmte in den Studien nicht eingeschlossene Gruppen, wie Schwangere, Personen mit Vorerkrankungen sowie sehr alte oder junge Menschen auf den Impfstoff reagieren. Denn die klinischen Studien beinhalten immer eine Auswahl an Personen und sind nicht repräsentativ für die gesamte Bevölkerung.

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In der Schweiz gingen bis zum 15. Juni 2021 2944 Verdachtsmeldungen unerwünschter Wirkungen nach einer Covid-19-Impfung ein. 40 Prozent betrafen den Impfstoff von Biontech/Pfizer und knapp 60 Prozent jenen von Moderna. Wie die Auswertung durch die Zulassungsbehörde Swissmedic zeigt, handelte es sich bei rund 65 Prozent der Meldungen um nicht schwerwiegende Wirkungen. Die restlichen 1043 Fälle wurden jedoch als schwerwiegend eingestuft. Am häufigsten traten dabei Fieber, Kopfschmerzen oder Migräne, Luftnot, Herpes Zoster Reaktivierung, Erschöpfung, Muskelschmerzen, Unwohlsein, Überempfindlichkeit, anaphylaktische Reaktionen, Übelkeit, Schüttelfrost, Erbrechen und Blutdruckerhöhung auf. In den meisten Fällen berichteten die betroffenen Personen über mehr als eine Reaktion. Insgesamt wurden bisher über hundert Fälle von Herpes Zoster gemeldet. Ob diese ursächlich mit der Impfung zusammenhängen ist derzeit noch nicht bekannt und wird untersucht. 94 Personen sind in unterschiedlichen Zeitabständen zur Impfung verstorben. Alle waren durchschnittlich 81 Jahre alt und hatten mehrheitlich schwere Vorerkrankungen. Bei keinem der Verstorbenen gibt es konkrete Hinweise dafür, dass die Impfung zum Tod führte. Die Todesursache scheint in anderen Erkrankungen wie Infektionen, kardiovaskuläre Ereignisse oder Erkrankungen der Lungen und Atemwege zu liegen. Wie Swissmedic in ihrer Mitteilung schreibt, bestätigen diese neusten Meldungen weitgehend das aus den Zulassungsstudien bekannte Nebenwirkungsprofil.

Nach der Biontech/Pfizer-Impfung erlitten in Grossbritannien und den USA seit Impfbeginn einzelne Personen unmittelbar nach der Biontech/Pfizer-Impfung einen allergischen Schock. Wie eine Auswertung der ersten knapp zwei Millionen Impfungen in den USA durch die US-Gesundheitsbehörde CDC zeigt, hatten die meisten der Betroffenen bereits bekannte Allergien gegen andere Impfstoffe oder Medikamente. Ausgelöst hat die Überreaktion des Immunsystems vermutlich der sogenannte Hilfsstoff Polyethylenglykol – ein Stoff, der auch in verschiedenen Alltagsprodukten wie Deodorants, Zahnpasta oder Wundsalben vorkommt. Daher raten Experten des deutschen Paul-Ehrich-Instituts, dem Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, Personen mit einer nachgewiesenen Polyethylenglykol-Allergie von einer Impfung mit dem Biontech/Pfizer-Impfstoff ab. Gleiches gilt für Allergien gegen einen der anderen Inhaltsstoffe. Für Allergikerinnen und Allergiker im Allgemeinen sehen die Experten jedoch kein erhöhtes Risiko, nach einer Covid-19-Impfung allergisch zu reagieren. Generell sind schwere allergische Reaktionen nach Impfungen mit durchschnittlich 1,31 Fälle pro eine Million Impfdosen sehr selten. Für den Impfstoff von Moderna sind bisher keine schwerwiegenden Nebenwirkungen seit der breiten Anwendung bekannt.

Im Bezug auf den Astrazeneca-Impfstoff haben Thrombose-Fälle – einige davon in zeitlichem Zusammenhang und mit Todesfolge – für Aufsehen gesorgt. In der Schweiz ist der Impfstoff wegen fehlender Daten noch nicht zugelassen. Expertinnen und Experten des Paul-Ehrlich-Instituts hatten eine auffällige Häufung einer speziellen Form von sehr seltenen Hirnvenenthrombosen (Sinusvenenthrombosen) in Verbindung mit einem Mangel an Blutplättchen (Thrombozytopenie) und Blutungen in zeitlicher Nähe zu Impfungen mit dem Covid-19-Impfstoff AstraZeneca festgestellt. Die europäische Arzneimittelagentur (EMA) empfiehlt seit dem 7. April, Thrombosen deswegen als sehr seltene Nebenwirkung zu listen. Die EMA hat insgesamt 62 Fälle von Sinusvenenthrombosen sowie 24 weitere Thrombosen in grossen Venen des Bauchraums untersucht. Darunter waren 18 Todesfälle. Diese Komplikationen kommen laut EMA auf etwa 25 Millionen geimpfte Personen in der EU und dem Vereinigten Königreich. Hinter den Vorfällen könnte eine besondere Immunreaktion, die Blutplättchen aktiviert und so Thrombosen auslöst, stecken, wie Forschende der Uniklinik Greifswald sagten.

Am 28. März erschien zu den Thrombose-Fällen eine erste Version einer Studie, diese wurde allerdings noch nicht durch Fachkolleginnen und -kollegen begutachtet. «Bisher ist der AstraZeneca-Impfstoff AZD1222 für alle Personengruppen zugelassen. Aufgrund der Daten in Deutschland, aber insbesondere auch Grossbritannien sind von der atypischen Thrombose vor allem Frauen bis 55 Jahre betroffen», sagte Johannes Oldenburg, Vorstandvorsitzender der deutschen Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung (GTH), gegenüber dem Science Media Center. «Andere Altersgruppen und Männer können auch betroffen sein, jedoch scheint dies viel seltener der Fall zu sein. So hat Grossbritannien trotz einer vielfach höheren Verabreichung von Impfdosen erst vergleichsweise spät Fälle der atypischen Thrombose gesehen. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass zunächst die älteren Personengruppen geimpft wurden und dort diese Komplikation praktisch nicht beobachtet wird. Eine Konsequenz daraus könnte sein, dass man Frauen bis 55 Jahre mit einer anderen Vakzine impft, um die Zahl der atypischen Thrombosen möglichst gering zu halten.»

Nach der Impfung mit dem Vektorimpfstoff von Johnson & Johnson kam es in den USA bei acht Personen zu ungewöhnlichen Blutgerinnseln, die in Verbindung mit einem Mangel an Blutplättchen standen. Eine Person ist daran gestorben. Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA hat die Fälle geprüft und teilte am 20. April 2021 mit, dass der Impfstoff in sehr seltenen Fällen Blutgerinnsel auslösen könne und Blutgerinnsel daher als sehr seltene Nebenwirkungen im Beipackzettel aufgeführt werden sollen.

Wie wahrscheinlich sind Langzeitfolgen?

Mögliche Langzeitfolgen lassen sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht ausschliessen. Der Immunologe Steve Pascolo, der seit vielen Jahren an mRNA-Impfstoffen forscht, sieht jedoch keine grosse Gefahr. Bereits 2003 haben er und sein Team damit begonnen, Krebspatienten mRNA-Impfstoffe zu spritzen. In einem Selbstversuch hat er sich auch schon selbst solche Impfstoffe verabreicht. «Wir haben nie schwere Nebenwirkungen und keine längerfristigen Folgen beobachtet», sagt Pascolo. Zwar seien die Komponenten von Biontech/Pfizer und Moderna für die Covid-19-Impfstoffe neu und werden anders als bei den Krebspatienten in den Muskel statt unter die Haut gespritzt. Da aber alle fünf in der Impfung enthaltenen Komponenten – eine mRNA und vier Lipide – natürlich seien und auf natürlichem Weg wieder ausgeschieden oder abgebaut würden, erwartet Pascolo von den sehr kleinen Dosen der injizierten Produkte keine Langzeitprobleme. Etwas mehr Bedenken hat der Immunologe beim Vektorimpfstoff von Astrazeneca, der auf modifizierten Adenoviren basiert, die bei Schimpansen Erkältungen auslösen und einen Teil des Erbguts von Sars-CoV-2 in den menschlichen Körper einschleusen.

Dies bestätigt auch Christian Münz, Professor für virale Immunbiologie an der Universität Zürich. Er schätzt die mRNA-Impfstoffe als etwas nebenwirkungsfreier als den Adenovirus-Impfstoff ein, wie er auf Anfrage schreibt. Generell hält er die Wahrscheinlichkeit für Langzeitfolgen bei allen drei Covid-19-Impfungen allerdings für gering. «Da die Impfung eine Immunantwort gegen das Spike-Protein von Sars-CoV-2 auslöst, die einem Teil der Immunantworten gegen die eigentliche Sars-CoV-2-Infektion entspricht, denke ich auch, dass allfällige Langzeitfolgen gleichermassen durch Impfung, wie auch Infektion auftreten würden», so Münz. Da vermutliche jeder in Zukunft entweder geimpft sei oder die Krankheit durchgemacht habe, sei die Impfung aufgrund der im Vergleich geringen kurzzeitigen Nebenwirkungen deutlich zu bevorzugen, schreibt der Forscher weiter.

Wie häufig traten in der Vergangenheit bei anderen Impfstoffen nach der Zulassung seltene Nebenwirkungen oder Langzeitfolgen auf?

Zu den seltenen Reaktionen nach Impfungen – aber auch nach einer Virusinfektion – gehören Autoimmunreaktionen. Diese kann es geben, wenn Virusproteine ähnlich aussehen wie körpereigene Strukturen des Menschen. In einem solchen Fall bekämpfen die Antikörper dann nicht nur das Virus, sondern auch diese körpereigenen Zellen. In einigen wenigen Fällen, je nach genetischen Merkmalen des Erbguts, kann eine solche Autoimmunreaktion zu einer Autoimmunerkrankung führen

Beobachten konnte man das zum Beispiel beim Pandemrix-Impfstoff gegen die Schweinegrippe 2009. Dieser löste in einigen Fällen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, die Autoimmunerkrankung Narkolepsie aus. Betroffene sind tagsüber immer wieder todmüde. Da die Krankheit nicht heilbar ist, spricht man von einem Impfschaden. Obwohl mehrere Studien aus Finnland und England einen kausalen Zusammenhang zwischen der Krankheit und dem Impfstoff nachweisen konnten, lehnen sowohl der Hersteller als auch die Europäische Arzneimittelbehörde Ema diesen Befund ab. Dies zeigt ein Bericht des Ermittlungsteams der Fachzeitschrift British Medical Journal.

Diesem Bericht zufolge zeigte sich acht Jahre nach der Schweinegrippe-Pandemie zudem, dass es schon zu Beginn der Impfkampagne für die in Europa angewendete Impfstoff-Variante Pandemrix Warnzeichen für andere unerwünschte Nebenwirkungen wie Gesichtslähmungen oder Zuckungen gab. Solche Nebenwirkungen traten im Vergleich zum kanadischen Pendant des Impfstoffs deutlich häufiger auf, was jedoch ignoriert wurde und nicht an die Öffentlichkeit gelangte. Einer Recherche der Wochenzeitung Woz zufolge, war Swissmedic mit Pandemrix zurückhaltender und empfahl den Impfstoff nicht für Jugendliche und Kinder – also genau jene Gruppen, die später Narkolepsie entwickelten. Grund für die Zurückhaltung war, dass vom Hersteller zu wenig Daten vorlagen, die belegt hätten, dass der Impfstoff für diese Gruppen ungefährlich sei. Ganz allgemein können Autoimmunreaktionen und -erkrankungen bei Impfungen, aber auch bei Virusinfektionen, nicht ganz ausgeschlossen werden – so auch beim neuen Coronavirus.

Ein Beispiel für eine Langzeitfolge, die Jahre nach der Impfung auftreten kann, ist beim Dengue-Fieber bekannt. Sogenannte infektionsverstärkende Antikörper bekämpfen das Virus nicht, sondern ermöglichen ihm, sogar noch besser in Zellen einzudringen, wo es sich vermehren kann. Das führt dazu, dass Betroffene bei einer Zweitinfektion schwerer erkranken. Dabei ist das Risiko für solch schwere Verläufe bei geimpften Personen, die vor einer Impfung noch nicht mit dem Virus in Kontakt kamen, verglichen mit Nichtgeimpften rund doppelt so hoch. Dies zeigt eine Studie mit rund 30 000 brasilianischen und philippinischen Kindern im Alter von zwei bis 16 Jahren. Solchen Personen ohne Erstinfektion durch wilde Dengue-Viren wird daher von einer Impfung abgeraten.

Dafür, dass diese Nebenwirkung auch bei den Covid-19-Impfstoffen auftreten könnte, gibt es aktuell noch keine Anzeichen. Jedoch trat das Phänomen bei einigen Impfkandidaten gegen Sars-CoV und Mers-CoV in präklinischen Studien an Tiermodellen auf. Darum behalten Forschende diese unerwünschte Langzeitfolge bei den Impfungen gegen das neue Coronavirus besonders im Auge.

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