Das musst du wissen

  • Zurzeit verbreitet sich eine neue Corona-Variante, die besonders viele Mutationen aufweist.
  • Mehr als dreissig dieser Mutationen betreffen das berühmte Spike-Protein.
  • Ob die Variante gefährlicher ist als frühere und ob sie Delta verdrängen kann, ist noch nicht klar.

Ist Omikron übertragbarer als die Delta-Variante?

Vorläufige epidemiologische Daten, die noch bestätigt werden müssen, deuten derzeit darauf hin, dass Omikron übertragbarer ist als Delta. Darum haben sowohl die Weltgesundheitsorganisation WHO als auch das European Centre for Disease Prevention and Control beschlossen, Omikron als «besorgniserregende» Variante (VOC) zu qualifizieren.

Damit eine Variante in diese Kategorie eingeordnet werden kann, erklärt die WHO-Website, braucht es entweder:

  • eine erhöhte Übertragbarkeit – oder eine andere negative Veränderung in der Epidemiologie von Covid-19. Aufgrund solcher Hinweise haben die Experten Omikron als VOC eingestuft.
  • eine erhöhte Virulenz – schwerere Krankheit oder höhere Letalität – oder eine Veränderung des Krankheitsbildes. Ob dies der Fall ist, ist noch unklar.
  • oder eine geringere Wirksamkeit von öffentlichen Gesundheitsmassnahmen, zu denen auch die Impfung gehört.

Am 29. November erklärte die WHO in einer Mitteilung:

«Das mit Omikron verbundene Gesamtrisiko wird aus einer Reihe von Gründen als sehr hoch eingestuft. Erstens bleibt das Gesamtrisiko von Covid-19 insgesamt sehr hoch, und zweitens gibt es beunruhigende vorläufige Hinweise, die bei Omikron, im Gegensatz zu früheren VOCs, sowohl auf eine Umgehung der Immunabwehr als auch auf eine höhere Übertragbarkeit schliessen lassen, was zu weiteren Ausbrüchen mit schwerwiegenden Folgen führen könnte.

Die für diese Bewertung verwendeten Daten sind noch sehr unsicher und werden aktualisiert, sobald weitere Informationen vorliegen.»

Anhand von Daten aus der Provinz Gauteng, die das südafrikanische Gesundheitsministerium übermittelte, wurde geschätzt, dass Omikron mindestens dreissig Prozent übertragbarer zu sein scheint als die Delta-Variante, die im Rest des Landes vorherrschend ist. Die effektive Reproduktionszahl des Ausbruchs (Re) liegt dort tatsächlich bei 1,9, während sie im Rest des Landes bei 1,5 liegt. Die Fehlerquote bei dieser Zahl ist jedoch noch nicht abzuschätzen und die Schätzungen müssen noch präzisiert werden.

Diagramm über die Verbreitung von OmikronSüdafrikanisches Gesundheitsministerium.

Innerhalb von zwei Wochen ist die Variante B.1.1.529 (blau) in Südafrika vorherrschend geworden, durch den Wiederausbruch in Gauteng.

Für mehrere Wissenschaftler, darunter den Berner Epidemiologen Christian Althaus, der sich auf Twitter äusserte, scheinen diese Beobachtungen auf eine stärkere Übertragung gegenüber Delta hinzudeuten.

Tulio de Oliveira, Bioinformatiker und Mitglied des südafrikanischen Genomüberwachungskonsortiums, das die Variante identifiziert hatte, wies in einer Medienkonferenz am 25. November darauf hin:

«Diese Variante hat uns wirklich überrascht, es gibt einen grossen Sprung in der Entwicklung [der Epidemie] und viel mehr Mutationen, als wir erwartet hatten. Sie enthält viele besorgniserregende Mutationen und wird potenziell sehr schnell übertragen. Wir erwarten, dass das Gesundheitssystem in den nächsten Tagen und Wochen unter Druck stehen wird.»

Mit anderen Worten: Alle Augen werden in den nächsten Tagen auf Südafrika und sein Gesundheitssystem gerichtet sein. Es ist jedoch fraglich, ob sich daraus die Zukunft der Variante anderswo vorhersagen lässt, insbesondere in Westeuropa, wo die Durchimpfungsrate recht gut ist. Und es ist noch nicht bekannt, inwieweit die auf dem Markt befindlichen Impfstoffe vor Omikron schützen. In Südafrika gibt es nur wenige Impfungen, da es wie in allen afrikanischen Ländern schwierig war, Covid-19-Impfstoffe in grossen Mengen zu beschaffen. Nach offiziellen Angaben sind in Gauteng 38 Prozent der erwachsenen Bevölkerung geimpft – ein Drittel mit Johnson & Johnson und zwei Drittel mit Biontech /Pfizer.

Es ist jedoch anzumerken, dass diese neue Variante nur deshalb so frühzeitig erkannt werden konnte, weil das Land über umfangreiche Kapazitäten zur Genomsequenzierung verfügt.

Die Entdeckung der Variante. Sie wurde erstmals am 9. November in Botswana identifiziert und zirkuliert nun in Südafrika. Anhand von Proben, die zwischen dem 12. und 20. November in der bevölkerungsreichen Provinz Gauteng genommen worden waren, identifizierte die südafrikanische Agentur für Infektionskrankheiten (NICD) die Omikron-Variante am Dienstag, den 23. November.

Schützt die Impfung vor Omikron?

Es ist nicht bekannt, ob Omikron ganz oder teilweise gegen Impfungen resistent ist. Die Forschung zu dieser entscheidenden Frage ist im Gange.

  • Biontech/Pfizer hat angekündigt, eine Studie in Auftrag gegeben zu haben, deren erste Ergebnisse «spätestens in zwei Wochen» vorliegen sollen.
  • Moderna seinerseits kündigt bereits eine Strategie an, um seinen Impfstoff so schnell wie möglich an diese neue Variante anzupassen.

Es ist auch nicht bekannt, inwieweit Omicron in der Lage ist, die mit einem früheren Stamm erworbene Immunität zu umgehen. Die WHO spricht jedoch von einem «erhöhten Risiko einer Neuinfektion» auf der Grundlage nicht näher bezeichneter «vorläufiger Daten».

Der Immunologe Alain Fischer, der die französische Impfstrategie koordiniert, erklärte am 29. November gegenüber Heidi.news:

«Das Vorhandensein von Mutationen, die bereits bei Alpha und Delta vorhanden sind, deutet auf jeden Fall auf eine erhöhte Übertragbarkeit hin. Zweitens gibt es neue Mutationen, insbesondere in der Bindungsstelle des Proteins, die die Frage aufwerfen, ob die durch die Impfung induzierten Antikörper ausreichend neutralisierend sind.

Die grosse Anzahl an Mutationen [insgesamt über fünfzig, davon dreissig am Spike-Protein, Anm. d. Red.] sagt an sich noch nichts aus. Jeder produzierte Antikörper ist spezifisch für einen bestimmten Bereich des Spike-Proteins. Es gibt mehrere tausend Arten von Antikörpern, die bei der Impfung produziert werden. Während sich also bei einigen die Ziele geändert haben könnten, bleiben sie bei anderen erhalten.

Zudem sind diese Antikörper nicht alle gleich. Einige sind mehr oder weniger neutralisierend. Es besteht das Risiko, dass einige sehr neutralisierende Antikörper aufgrund von Mutationen kein Ziel mehr haben, was zu einem geringeren Impfschutz führen würde. Das ist etwas, was wir im Moment noch nicht wissen, aber sehr schnell wissen werden.»

Anlässlich einer von dem Epidemiologen Marcel Salathé organisierten Online-Diskussion auf Twitter am 30. November sagte Emma Hodcroft, Epidemiologin an der Universität Bern und Mitbegründerin der Plattform Nexstrain:

«Wir haben derzeit keine Beweise dafür, dass diese Variante die Impfung umgeht, da die Gensequenzierung nicht in der Lage ist, die komplexen Vorgänge im Immunsystem zu erfassen. In jedem Fall werden wir nicht so anfällig sein wie im Jahr 2020, denn selbst ein geringerer Schutz ist besser als gar kein Schutz.

Natürlich sind die Schlagzeilen beängstigend, aber es ist kein Zurück auf Feld eins.»

Ist das Virus bereits in Europa im Umlauf?

Ja, die Variante wurde in mehreren Ländern nachgewiesen, darunter Belgien, die Niederlande, Italien und die Schweiz. Darunter befinden sich auch Personen, die nicht in das südliche Afrika gereist waren, was darauf hindeutet, dass die Variante bereits in der Bevölkerung zirkuliert.

Sind Reiseverbote gerechtfertigt?

Die von Heidi.news kontaktierten Forschenden sind sich bislang einig, dass es sich um eine proaktive Massnahme handelt. «Vorbeugen ist besser als Nachsicht», erinnerte Didier Trono, Leiter des Labors für Virologie und Genetik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne EPFL, am 26. November.

In einer von Marcel Salathé organisierten Online-Diskussion auf Twitter am 30. November vertrat der Epidemiologe Christian Althaus folgende Ansicht:

«In vielen Ländern kommt es derzeit zu einem Wiederaufflammen der Delta-Epidemie. Wir sollten nicht zulassen, dass Omikron unsere Aufmerksamkeit von diesem Problem ablenkt oder dazu führt, dass Länder mit effektiven Überwachungsinstrumenten wie Südafrika bestraft werden.» Emma Hodcroft fügte hinzu: «In der Vergangenheit haben Reiseverbote um Monate länger gedauert als nötig.»

Was wissen wir über die Omikron-Mutationen?

Im Stamm B.1.1.529, wie die Omikron-Variante in der Pango-Kodierung wissenschaftlich genannt wird, gibt es mehr als fünfzig Mutationen.

Mehr als dreissig dieser Mutationen betreffen das berühmte Spike-Protein, das es dem Virus ermöglicht, in menschliche Zellen einzudringen. Auf dieses Protein zielen auch die Antikörper des Impfstoffs ab.

  • Einige der Spike-Mutationen wurden bereits bei anderen Varianten beobachtet und mit einer erhöhten Ansteckungsfähigkeit in Verbindung gebracht. Andere wiederum sind mit einer erhöhten Resistenz gegenüber Antikörpern, die gegen frühere Stämme wirksam sind, oder mit der Fähigkeit, das Immunsystem zu beeinflussen, verbunden.
  • Die Variante weist ausserdem drei Mutationen auf, die an einer anderen sehr empfindlichen Stelle des Genoms, der sogenannten Furin-Spaltstelle, lokalisiert sind. Diese Mutationen scheinen mit einer höheren Infektionsfähigkeit beim Menschen verbunden zu sein.
  • Andere Mutationen, die im Omikron-Genom identifiziert wurden, sind selten und werden zum jetzigen Zeitpunkt nicht richtig verstanden.
  • In der folgenden Grafik ist der mit Omikron verbundene Evolutionssprung zu sehen (dunkelrot).
Verbreitungsschaubild_

Die Meinung eines Experten. Professor Didier Trono, Leiter des Labors für Virologie und Genetik an der EPFL, erklärte am 26. November:

«Der Mutationssprung ist spektakulär. Wir sind daran, die Auswirkungen dieser neuen Variante auf die Infektiosität und die Empfindlichkeit gegenüber Antikörpern zu analysieren. Wir haben einfach noch kein Ergebnis, und soviel ich weiss, auch niemand sonst. In den nächsten Tagen werden wir mehr wissen. Wir werden insbesondere die monoklonalen Antikörper testen, die wir zusammen mit dem Universitätsspital Lausanne entwickelt haben, sowie Seren von Geimpften und Geheilten in der Schweiz.»

Das Phantombild des mutierten Proteins. Ob die Variante in der Lage ist, Zellen zu infizieren, hängt auch von der räumlichen Anordnung des Spike-Proteins ab.

Italienische Forschende des Bambino Gesu Krankenhauses in Rom lieferten am 27. November 2021 ein erstes 3D-Modell, das auf der Omikron-Gensequenzierung des veränderten Spike-Proteins basiert. Die rot markierten Bereiche weisen eine sehr hohe Variabilität auf.

VerbreitungskarteKrankenhaus Bambino Gesu

Die italienischen Forschenden berichteten der grössten italienischen Nachrichtenagentur am 27. November, dass die Mutationen «vor allem in einem Bereich des Proteins konzentriert sind, der mit menschlichen Zellen interagiert». Sie sagten jedoch:

«Dies bedeutet nicht automatisch, dass diese Variationen gefährlicher sind, sondern nur, dass sich das Virus weiter an die menschliche Spezies angepasst hat, indem es eine andere Variante erzeugt hat (…) Weitere Studien werden uns zeigen, ob diese Anpassung neutral, weniger gefährlich oder gefährlicher ist.»

Dieser Beitrag wurde erstmals auf Heidi.news veröffentlicht. Er wurde von Corinne Goetschel aus dem Französischen übersetzt.

Heidi.news

Hier gibt es Wissenswertes aus der Westschweiz. Die Beiträge stammen von unserem Partner-Portal Heidi.news, wir haben sie aus dem Französischen übersetzt. Heidi.news ist ein Online-Portal, das im Mai 2019 lanciert wurde und das sich unter anderem auf die Berichterstattung über Wissen und Gesundheit spezialisiert. Die Partnerschaft zwischen Heidi.news und higgs ist durch eine Kooperation mit dem Schweizerischen Nationalfonds SNF entstanden.
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