Das musst du wissen

  • Für die Bekämpfung von Covid-19 war es entscheidend, dass ein Grossteil der Bevölkerung Schutzmassnahmen befolgten.
  • Bedeutend dabei sind soziale Normen, da sie präventives Verhalten sozial regulieren.
  • Wie genau sich diese verbreiteten und akzeptierten Verhaltensmuster entwickelten, untersuchen Schweizer Forschende.

Soziale Normen regeln Handlungen einer sozialen Gruppe oder Gesellschaft – im Kontext der Covid-19-Pandemie sind dies Massnahmen zur Prävention wie Masketragen, Abstandhalten und Impfen. Sie tun dies sozial und nicht gesetzlich, und genau darin liegt ihr Potenzial für Demokratien, die im Wesentlichen auf Freiheit und Selbstbestimmtheit basieren. Soziale Normen zu präventivem Verhalten zu etablieren, steht im Einklang mit diesen beiden Prinzipien und stellt damit ein langfristiges und legitimes Mittel der Pandemiebekämpfung in demokratischen Gesellschaften dar. Angesichts dieses Potenzials stellt sich die Frage, wie sich soziale Normen zum Präventionsverhalten während der Covid-19-Pandemie in der Schweiz entwickeln.

Form der Kommunikation beeinflusst soziale Normen

Kommunikation prägt normative Vorstellungen – denn über Kommunikation erfahren wir, was andere tun und was sie gut finden. Dies ist insbesondere in Krisenzeiten der Fall, da in Zeiten der Unsicherheit das Bedürfnis nach Orientierung und an Informationen besonders gross ist. Wie normative Vorstellungen zum Abstandhalten mit dem individuellen Präventionsverhalten zusammenhängen, und wie diese Vorstellungen wiederum von verschiedenen Formen der Kommunikation –Nachrichtenmedien, sozialen Medien und persönlichem Austausch – geprägt werden, hat eine Studie im Zusammenhang mit der Einführung der Social Distancing-Massnahme zu Beginn der Pandemie untersucht. Die im März 2020 durchgeführte Online-Befragung von rund tausend Schweizerinnen und Schweizern der deutschsprachigen Schweiz zeigt:

  • Nachrichtenmedien korrelieren positiv mit normativen Vorstellungen: Je wichtiger die Befragten Nachrichtenmedien zur Information über Corona fanden, desto eher nahmen sie Abstandhalten als ein weit verbreitetes und sozial akzeptiertes Verhalten wahr.
  • Soziale Medien korrelieren negativ mit normativen Vorstellungen: Je bedeutsamer soziale Medien, wie Facebook, Twitter und Instagram, zur Information über Corona waren, desto weniger nahmen die Befragten Abstandhalten als ein weit verbreitetes und sozial akzeptiertes Verhalten wahr.
  • Austausch im persönlichen Umfeld korreliert positiv mit normativen Vorstellungen: Je wichtiger die Befragten den Austausch im persönlichen Umfeld – mündlich, via (Video-)Telefonie oder über Instant Messenger – fanden, desto eher war Abstandhalten in ihrer Wahrnehmung ein normatives Verhalten.
  • Normative Vorstellungen korrelieren positiv mit individuellem Abstandhalten: Je stärker die Befragten wahrnahmen, dass Abstandhalten im alltäglichen Umfeld verbreitet und sozial akzeptiert ist, desto konsequenter hielten sie sich selbst im Alltag daran.

Diese Ergebnisse unterstreichen, wie relevant verschiedene Kommunikationsformen für unsere Vorstellungen sind, wie etwas gemacht wird und werden sollte, und wie wichtig wiederum diese soziale Normen für individuelle Verhaltensentscheidungen sind. Die Studie hat jedoch methodische Limitierungen, die die Interpretation der Ergebnisse einschränken. Einerseits kann die Studie keine kausale Zusammenhänge herstellen: es lässt sich demnach nicht überprüfen, ob Kommunikation normative Vorstellungen prägt und ob diese Vorstellungen wiederum Verhalten beeinflussen oder ob auch gegenläufige Einflüsse vorliegen. Andererseits fehlen Daten zu den Inhalten der Kommunikation, die die Zusammenhänge zwischen Kommunikation und normativen Vorstellungen besser einordnen würden. Genau hier setzt das Projekt Covid-Norms des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung und dem Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich an, das diese Einschränkungen zu überwinden versucht.

Wie konsequent sind Herr und Frau Schweizer?

Doch worum geht es dabei genau? Ziel des Projektes ist, die Entwicklung sozialer Normen zum Präventionsverhalten in der Schweizer Bevölkerung zu verstehen. Dafür betrachtet es nicht nur Zusammenhänge auf individueller Ebene, sondern verknüpft die Individual- mit der Gesellschaftsebene mithilfe von Kommunikation. Kern des Projekts ist eine Trendstudie, die über 18 Monate, von September 2020 bis Februar 2022, eine wöchentliche Befragung und eine halbautomatisierte Inhaltsanalyse kombiniert. Basierend auf einer schweizweiten Stichprobe von rund 400 Personen erfasst die Online-Befragung wöchentlich, wie verbreitet verschiedene Schutzmassnahmen in der Schweizer Bevölkerung sind und welche Zustimmung diese in der Bevölkerung erhalten.

Parallel dazu erhebt die Analyse von Inhalten, wie stark Schweizer Nachrichtenmedien – Online, Print und TV/Radio – diese Massnahmen thematisieren. Dies erlaubt es, Veränderungen in normativen Vorstellungen, Einstellungen und Präventionsverhalten in der Bevölkerung sowie die Resonanz politischer Entscheidungen und pandemischer Ereignisse in den Medien zu beobachten. Damit lassen sich auch die Dynamiken zwischen medialer Berichterstattung, wahrgenommenen Normen und Präventionsverhalten in der Schweizer Bevölkerung analysieren.

Die Bedeutung sozialer Normen in der Pandemie

Die Daten aus dieser Trendstudie sind noch nicht komplett ausgewertet. Erste Befunde gibt es jedoch aus anderen im Kontext des Projektes durchgeführten Studien. Diese zeigen, dass soziale Normen mit Blick auf Präventionsverhalten relevant sind. Das legen nicht nur die oben beschriebenen Ergebnisse zum Abstandshalten nahe, sondern dies zeigen auch Studien zur Nutzung der Tracing-App oder zum Impfen. Darüber hinaus stehen die Ergebnisse im Einklang mit der Idee von sozialen Normen als Phänomene, die über verschiedene Formen der Kommunikation, beispielsweise über Nachrichtenmedien und soziale Medien, geprägt werden. Die Analyse der medialen Inhalte zeigt, dass Präventionsmassnahmen zentraler Gegenstand der Berichterstattung in den Schweizer Nachrichtenmedien sind. Insbesondere der Diskurs um die Impfung dominierte lange Zeit – bis zur russischen Invasion in die Ukraine – die Berichterstattung. Dabei hat sich Telegram als Kommunikationsplattform für die Gegnerschaft der Corona-Massnahmen etabliert. Das Forschungsprojekt ist damit aber noch nicht abgeschlossen – weitere Untersuchungen sollen Aufschluss darüber geben, welche Rolle normative Diskurse in verschiedenen Teilen der Öffentlichkeit für die Entwicklung sozialer Normen des Präventionsverhaltens spielen.

DeFacto

Hier bekommen unsere Kolleginnen und Kollegen von DeFacto, der Plattform der Schweizer Politikwissenschaft, Platz für ihre Beiträge. Thematisch geht’s um die neusten Erkenntnisse aus den Politik- und Sozialwissenschaften. Ihr findet hier zum Beispiel Kurzfassungen von Fachpublikationen sowie Analysen und Kommentare zu aktuellen Ereignissen. Die Beiträge sind von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern selbst geschrieben – hier seid ihr also ganz nah an der Forschung dran.
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