Das Coronavirus zwingt uns derzeit, zu Hause zu bleiben. Vielleicht ein guter Zeitpunkt, um über unser aller Kleiderverschleiss nachzudenken und auszumisten. Dabei gilt: Recycling ist Gold wert. Wenn du ein Kilogramm Kleidung recycelst, sparst du mehr Treibhausgasemissionen ein, als wenn du dasselbe mit je einem Kilogramm Glas oder Plastik tust. Weshalb das so ist und welche Möglichkeiten du zu einer möglichst umweltschonenden Entsorgung deiner alten Kleider hast, erfährst du in diesem Artikel.
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Analog zum Fast Food entwickelte sich um die Jahrtausendwende die Fast Fashion: bequem zugänglich, von geringer Qualität und ohne, dass man sich gross Gedanken darüber macht. Seit dem Jahr 2000 hat sich die Kleiderproduktion mehr als verdoppelt, im Jahr 2014 wurden das erste Mal über 100 Milliarden Kleidungsstücke hergestellt. Immer mehr Mode wird also immer günstiger produziert. Mit weitreichenden Folgen für die Umwelt.

Was die Mode mit der Umwelt macht

Für jährlich zehn Prozent der globalen Treibhausgasemissionen ist die Modeindustrie verantwortlich. Das übersteigt der Weltbank zufolge den kombinierten Ausstoss von internationalem Flugverkehr und maritimer Schifffahrt.

Schon die Produktion der Textilien hat grosse Auswirkungen auf die Umwelt. Baumwolle ist eine durstige Pflanze und braucht viel Frischwasser. Zur Herstellung eines T-Shirts braucht es im Schnitt 2000 Liter Wasser – das entspricht über 50-mal duschen. Für Blue Jeans sind es sogar 8000 Liter. Zudem setzt die Baumwollindustrie grosse Mengen an Pestiziden ein.

Viel weniger Wasser brauchen Kunstfasern wie Polyester bei der Produktion. Dafür verschlingt die Förderung von Erdöl, aus dem sie gewonnen werden, weitaus mehr Energie als die Bewirtschaftung von Baumwolle. Bei Polyesterkleidung kommt dazu, dass sie bei jedem Waschgang Mikroplastik an die Umwelt abgibt. Das sind zwar nur kleine Mengen und Kläranlagen helfen, Mikrofasern auszusieben. Auch geringe Mengen können jedoch problematisch sein, denn die winzigen Plastikteilchen werden nicht durch natürliche Prozesse abgebaut und bleiben über mehrere hundert Jahre bestehen.

Der überwiegende Teil der Textilien wird in Billigproduktionsländern wie China und Indien fabriziert. Beide Länder gründen ihre Energieversorgung hauptsächlich auf Kohleverbrennung, was zum hohen Treibhausgasausstoss beiträgt. Ebenfalls grosse Emissionen verursachen die langen Transportwege. Eine Jeans wird in vielen einzelnen Teilschritten produziert, die nicht selten in verschiedenen Ländern stattfinden, bis sie schliesslich nach Europa verschifft wird.

Fast 60 Prozent der produzierten Kleider landen weltweit innerhalb weniger Jahre wieder auf der Mülldeponie oder werden verbrannt und sorgen so ein weiteres Mal für Treibhausgase in der Atmosphäre. Doch es gibt sinnvollere Wege, überflüssige Klamotten loszuwerden und gleichzeitig der Überproduktion von Textilien entgegenzuwirken.

So helfen deine Altkleider anderen Menschen

In der Schweiz werden etwa 50 000 Tonnen Textilien im Jahr zusammengetragen. Knapp zwei Drittel der Schweizer Sammelkleider sind in so gutem Zustand, dass sie problemlos weiterhin getragen werden können. Hierzulande besteht allerdings nur ein geringer Bedarf an gebrauchter Kleidung. Zusammen mit der Schweizer Berghilfe bietet Tell-Tex einen Paketservice an, bei dem Bewohner von Berggebieten kostenlos Kleider und Schuhe beziehen können. Die meisten Altkleider werden aber ins Ausland verkauft, insbesondere nach Osteuropa, Russland, Afrika und in den Nahen Osten. Der Erlös kommt teilweise gemeinnützigen Organisationen zu, wie terres des hommes oder der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi.

Natürlich ist auch das wiederum mit Energieverbrauch und Schadstoffausstoss durch den Transport verbunden, doch immerhin werden die Schäden durch die Herstellung verhindert. Aus den nicht mehr tragbaren Kleidern entstehen Putzlappen oder Rohmaterial für Recyclinggarne oder Füll- und Dämmstoffe.

Gesammelt werden alle Arten von Kleidern, inklusive Lederbekleidung und Pelze. Auch Unterwäsche, Socken, Gürtel und Taschen kannst du an den Strassenrand stellen. Schuhe kannst du paarweise zusammenbinden und auch Tisch-, Bett- und Haushaltswäsche sowie Daunendecken und Kissen in die Sammlung geben. Es versteht sich von selbst, dass die Ware sauber und in einigermassen gutem Zustand sein sollte.

In einigen Gemeinden werden Strassensammlungen durchgeführt von TEXAID, in diesem Fall erhältst du einen Sammelsack per Post. Ansonsten hast du die Möglichkeit, alte Kleider in einen Container zu werfen. Es gibt ausserdem einige Läden, die gebrauchte Kleidung entgegennehmen, so zum Beispiel C&A, H&M und Esprit.

Deine Kleider treten dann ihre Reise per Lieferwagen oder Eisenbahn an ins Sortierzentrum in Schattdorf, Kanton Uri. Dort werden sie sortiert – von Hand werden sie nach rund 60 Kriterien wie Stoffsorte, Qualität oder Modeaspekten klassifiziert. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entscheiden über das weitere Schicksal der Kleider: Ob sie weiterhin getragen oder recycelt werden.

Aus alt mach neu

Altkleider und andere Haushalttextilien können auf verschiedene Weise recycelt werden. Am meisten Treibhausgase, nämlich 8 Tonnen pro Tonne Stoff, sparst du laut einer schwedischen Fallstudie ein, wenn dein Material wiederverwendet wird. Die brauchbaren Teile der Kleider und Tücher werden herausgeschnitten, einer Nähfabrik geliefert und zu Portemonnaies, Stofftaschen, T-Shirts oder Putzlappen verarbeitet.

Gustav Sandin et al./Journal of Cleaner Production

Zusammenstellung der unterschiedlichen Wiederverwendungs- und Recyclingarten von Textilien.

Die zweitbeste Möglichkeit, die Ökobilanz der Textilindustrie zu verbessern, bietet die Wiederaufbereitung von Zellulosefasern. Die meisten Kleider bestehen aus einer Mischung aus Baumwolle und Polyester. Um die Zellulose in der Baumwolle weiterhin nutzen zu können, muss sie von den Polyesterfasern getrennt werden. Die Zellulose wird mit Hilfe einer Chemikalie aus den zerkleinerten und gewaschenen Altkleidern herausgelöst. Die Lösung wird dann durch einen Filter gepumpt und so vom Polyester befreit. Aus ihr kann nun neues Garn gewonnen werden. Es werden rund 5,6 Tonnen Treibhausgase pro Tonne derartig behandeltem Stoff eingespart, verglichen mit der Neuproduktion.

Recycling von Polyester trägt verglichen mit den beiden anderen Methoden weniger zum Umweltschutz bei. Etwa ein Viertel aller Haushalttextilien sind aus reinem Polyester. Diese Stoffe werden erst klein geschnitten und anschliessend zu Granulat verarbeitet. Die Körnchen werden chemisch in Polyester umgewandelt, geschmolzen und zu Polyestergarn gesponnen. Das Garn kann dann wieder zu neuen Kleidern verarbeitet werden – und der Kreislauf beginnt von Neuem.

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