Das musst du wissen

  • Unser Gehirn hält an Wissenschaftsmythen fest, denn einmal aufgenommene Information ist schwierig zu ändern.
  • Besonders hartnäckig halten sich Mythen, wenn wir sie vorher schon einmal gehört haben, sie uns also bekannt vorkommen
  • Zudem verarbeiten wir Informationen oft automatisch und dabei kann uns entgehen, ob sie richtig oder falsch sind.

Legenden, Gerüchte, Mythen und Verschwörungstheorien – Dinge, die uns Menschen schon seit jeher fesseln. Ihnen gemeinsam: ziemlich viel Unwahres sammelt sich um ein kleines Körnchen Wahrheit. Die Wissenschaft hat es dabei nicht leicht. Obwohl die meisten Verschwörungstheorien klar entkräftet, die meisten Mythen widerlegt wurden, scheinen sie sich hartnäckig in den Köpfen vieler zu halten. Ein kleines Beispiel: Was meinst du, schadet Lesen bei schlechtem Licht den Augen? Lautet deine Antwort Ja, bist du einem weitverbreiteten Mythos aufgesessen. Solche und andere Aussagen, die auf keiner wissenschaftlichen Grundlage beruhen oder die die Wissenschaft sogar klar widerlegen kann, werden als Wissenschaftsmythen bezeichnet.

Ein Problem mit vielen Ursachen

Dass sich solche Mythen nach wie vor grosser Beliebtheit erfreuen, hat verschiedene Gründe. Vieles hängt damit zusammen, wie wir denken. Zum Beispiel bilden wir bei der Aufnahme von neuen Informationen ein mentales Modell, das äusserst stabil bleibt. Kleine Änderungen sind zwar möglich, aber ganz grundsätzliche Anpassungen gelingen nur mit Mühe. Das gilt vor allem dann, wenn für den widerlegten Wissenschaftsmythos keine überzeugende Alternativerklärung bereitsteht. Ein zwar falsches, aber vollständiges Modell von der Welt wird gegenüber einem richtigen, aber unvollständigen Modell bevorzugt. Wir halten uns also lieber an den Mythos als an dessen Korrektur.

Besonders hartnäckig halten sich Wissenschaftsmythen dann, wenn wir sie schon einmal gehört haben und sie uns deshalb bekannt vorkommen. Nach dem illusory truth effect, der auf eine Studie von 1977 zurückgeht, bewerten wir leider oft das als richtig, was uns vertraut erscheint. Weil Mythen sowohl von den verbreitenden Quellen als auch von solchen, die sie widerlegen wollen, ständig wiederholt werden, erhöhen sich die Chancen, dass noch mehr Leute die Aussage für richtig halten. Ganz nach dem Motto: «Das habe ich irgendwo schon mal gehört. Das muss stimmen.»

Zudem sind wir bei der Informationsaufnahme meist etwas faul. Wir verarbeiten Informationen nicht systematisch, sondern eher automatisch. Vor allem im digitalen Zeitalter mit seiner Flut an Informationen neigen wir dazu, beim Surfen im Web oder beim Lesen einer Online-Nachricht (zu) wenig aufmerksam zu sein. Somit entgehen uns oft wichtige Zusatzinformationen. Schauen wir uns beispielsweise ein Video der verbreitetsten Wissenschaftsmythen an, können wir uns zwar die genannten Mythen rasch ins Gedächtnis rufen. Schwieriger wird es aber, sich zu erinnern, ob diese Mythen als wahr oder falsch entlarvt wurden. Und wenn wir oberflächlich einen Artikel zum Thema «Verursacht Kaffee Krebs?» lesen, dann wird uns erst einmal die Verbindung von Kaffee und Krebs in Erinnerung bleiben – ganz gleich, wie der Inhalt des Artikels lautete.

Ausserdem kann auch ungenügende Kenntnis wissenschaftlicher Prozesse die Verbreitung von Wissenschaftsmythen begünstigen. Vielen fehlt ganz einfach das nötige Wissen darüber, was wissenschaftliche Evidenz ausmacht und welche grundsätzlichen Kriterien bei Experimenten befolgt werden müssten, damit sie anerkannte Informationen liefern. So können reisserische Titel wie Schokolade macht schlank! sich in unseren Köpfen einnisten, obwohl die «Studien», die solche Aussagen angeblich belegen, wissenschaftliche Standards nicht erfüllen. Typische Wendungen wie «Studien zeigen, dass» oder «eine Umfrage hat ergeben» suggerieren Wissenschaftlichkeit, wo sie nicht immer zu finden ist.

Warum gegen Windmühlen kämpfen?

Dass Wissenschaftsmythen nach wie vor weit verbreitet sind, scheint auf den ersten Blick nicht weiter schlimm. Tatsächlich ist es nicht allzu verheerend, wenn wir glauben, (Achtung es folgen Mythen!) dass unser Herz der fleissigste Muskel unseres Körpers ist, Vitamin C vor Erkältungen schützt oder Q10 unser Hautbild verjüngt. In diesen harmlosen Fällen glänzen wir schlimmstenfalls mit falschem Wissen oder geben Geld für Produkte aus, die eigentlich gar nichts nützen – ärgerlich, aber nicht gefährlich.

Wenn sich aber Mythen verbreiten wie (Achtung es folgen Mythen!) «diese Diät kann Krebs heilen» oder «Impfungen führen zu Autismus», hat das gefährliche, weitreichende Konsequenzen sowohl für einzelne Individuen als auch die Gesellschaft. Die aktuell immer lauter werdenden Stimmen, die behaupten, Autismus sei eine Folge des Impfens, haben beispielsweise bereits zu sinkenden Impfquoten und Masernausbrüchen geführt. Und die Diskussionen um Einzelheiten der wissenschaftlichen Forschungslage zum Klimawandel hemmen die dringend notwendigen Massnahmen aus Politik und der Bevölkerung.

Wissenschaftsmythen können ausserdem der Wissenschaft insgesamt schaden. Denn sie werden meist nicht als aus der Luft gegriffen präsentiert, sondern hüllen sich in ein quasi-wissenschaftliches Gewand. Fast jede Studie lässt sich für Mythen missbrauchen, wenn genau jene Erkenntnisse herausgepickt und überspitzt dargestellt werden, die der eigenen Sache dienen. Oder man bedient sich methodisch fragwürdiger Studien, die genau das aussagen, was man möchte.

Dieser undifferenzierte Umgang mit Wissenschaftlichkeit und ihren Kriterien schadet der gesamten Wissenschaft und ihrer Akzeptanz in der Bevölkerung. Für Laien wird es noch schwieriger, vertrauenswürdige von unglaubwürdigen Quellen abzugrenzen, wenn sich letztere hinter dem Schleier falscher Wissenschaftlichkeit verbergen. So berufen sich viele Klimawandel-Skeptiker und -skeptikerinnen darauf, dass es Forschende gebe, die vom Klimawandel nicht überzeugt seien – ohne jedoch zu erwähnen, dass die meisten dieser Forschenden aus ganz anderen Wissenschaftsbereichen stammen.

Langlebige Mythen erfordern langfristige Lösungen

Wie sind Wissenschaftsmythen am besten zu entlarven? Zuerst sollte die systematische Informationsverarbeitung begünstigt werden. Um zu verhindern, dass Entlarvungen von Mythen nur beiläufig rezipiert werden, sollte beispielsweise vor der Nennung eines Mythos eine Warnung erfolgen: «Achtung, die folgende Aussage ist falsch!» Am besten sollte der Mythos so wenig wie möglich wiederholt werden, damit er für RezipientInnen nicht noch vertrauter wird. Stattdessen sollte man das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit in die entlarvende Quelle stärken. Die Widerlegung von Mythen soll also von einfachen Erklärungen begleitet werden, die durch Qualität überzeugen. Das heisst zum Beispiel beim Impf-Mythos, dass man aufzeigt, warum denn bei Kindern immer mehr Autismus diagnostiziert wird. Im Gegenzug soll beleuchtet werden, warum gewisse Wissenschaftsmythen gestreut werden und weshalb die verbreitenden Quellen nicht vertrauenswürdig sind.

Das Entlarven einzelner Wissenschaftsmythen (englisch: Debunking) gleicht jedoch oft einem Tropfen auf dem heissen Stein. Vor allem, da sich gezeigt hat, dass selbst eine korrigierte Falschinformation nach wie vor Einfluss auf unser Denken und Handeln haben kann. Bekannt wurde dieses Phänomen unter dem Namen Continued Influence Effect . Selbst wenn also zahlreiche Studien beweisen, dass es keinen wissenschaftlichen Nachweis für einen direkten Zusammenhang zwischen Autismus und Impfen gibt, kann ein ungutes Gefühl oder gar eine gewisse Impfskepsis Menschen vom Impfen abhalten. Ausserdem können Versuche, eine Mythe aus der Welt zu schaffen, einen Backfire Effekt auslösen. Kurz erklärt heisst Backfire-Effekt: Es wird noch mehr an die falsche Information geglaubt als zuvor.

Im Kampf gegen falsche Wissenschaftsmythen müssen wir also am besten früher ansetzen. Im Idealfall gelangen nur wissenschaftliche Aussagen mit hoher Evidenzkraft an die Öffentlichkeit. Dazu braucht es einerseits hochwertige Studien aus der Wissenschaft und andererseits WissenschaftlerInnen, die bereit sind, diese gegen aussen differenziert und transparent zu kommunizieren und sich somit das Vertrauen der Öffentlichkeit zu erarbeiten. Das heisst: Raus aus dem Elfenbeinturm und rein in den Dialog!

Und nicht zuletzt muss es Ziel unserer Bildung werden, kritisches Denken und den Umgang mit einer Vielzahl an unterschiedlichsten Quellen zu fördern. Die Öffentlichkeit soll verstehen, welche Kriterien gute Wissenschaft ausmachen und auf welche Punkte zu achten ist, wenn es in gewissen Artikeln bloss heisst «Studien besagen, dass». Nur so wird es möglich, dass alle mit der wachsenden Menge an Informationen, die uns zur Verfügung stehen, sinnvoll umgehen können.

Quellen:

Kessler, Sabrina Heike (2019). Von der Kunst, Mythen und Falschmeldungen zu widerlegen. Medienwoche. Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation & Marketing. Verfügbar unter: https://medienwoche.ch/2019/06/11/von-der-kunst-mythen-und-falschmeldungen-zu-widerlegen/.

Scudellari, Megan (2015). The science myths that will not die. Nature. International weekly journal of science. Verfügbar unter: https://www.nature.com/news/the-science-myths-that-will-not-die-1.19022.

reatch

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